Die Brüder Jörg (l.) und Marc Pfannenschwarz haben die Leitung der Waldenbucher Stadtmühle im Januar von ihrem Vater übernommen und haben viel vor. Foto: Claudia Barner

Mehl mahlen heutzutage große Betriebe, kleinere müssen sich derweil neu erfinden, um zu überleben. In der Waldenbucher Stadtmühle tüftelt inzwischen eine neue Generation am Mühlengeschäft 2.0.

Waldenbuch - Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, klipp klapp. Von der Mühlenromantik des alten Volksliedes ist im Jahr 2021 nicht mehr viel übrig. Die kleinen Mühlen sterben aus. Bundesweit gibt es nur noch 550 Mahl-Werkstätten. In den 1950er Jahren hatte der Fach-Verband noch rund 19 000 Betriebe gezählt. Doch es gibt Ausnahmen. Eine Familie in Waldenbuch stemmt sich erfolgreich gegen den Trend.

 

Der Stadtmüller Hermann Pfannenschwarz hat den Betrieb zu Beginn des Jahres an seine Söhne übergeben. Und die neuen Mühlenchefs haben viel vor. „Wir sind mit der Mühle groß geworden und möchten die Familientradition fortführen“, sagt der 28-jährige Jörg Pfannenschwarz. Sein jüngerer Bruder Marc ist vor fünf Jahren mit eingestiegen und hat damit begonnen, einen Online-Handel aufzubauen. Sie wollen die Mühle in die Zukunft führen.

Das heißt, eine Geschichte fortzuschreiben, die vor mehr als 500 Jahren begonnen hat. 1470 wird die Waldenbucher Stadtmühle erstmals urkundlich erwähnt. Sie liegt mitten in der historischen Altstadt und ist schon deshalb ein besonderes Kleinod. „Mühlen sind traditionell an Flüssen angesiedelt. Hier in Waldenbuch hatten die Burgherren die Aich für den Burggraben aufgestaut und die Wasserkraft in die Stadt gebracht,“ erzählt Hermann Pfannenschwarz.

Bauern brachten das Getreide mit Pferdefuhrwerken

Sein Großvater hat die Stadtmühle im Jahre 1900 gekauft. „Damals war es eine Lohnmühle. Die Bauern haben das Getreide mit Pferdefuhrwerken zur Mühle gebracht und dort mahlen lassen“, berichtet der Seniorchef. Doch bereits sein Vater Karl musste umsteuern, sich der Zeit anpassen. Die Bauern-Mahlerei hatte keine Zukunft mehr. „Der Strukturwandel hat größere Betriebe erfordert. Um wirtschaftlich zu sein, müssen mindestens 100 Tonnen Getreide am Tag vermahlen werden“, erzählt der 65-Jährige.

Für die kleine Stadtmühle in Waldenbuch war die Expansion keine Option. Die beiden Walzenstühle wurden stillgelegt. Die Zeit der klassischen Müllerei war vorbei. „Mein Vater hat mit der Produktion von Futtermitteln begonnen und einen Landhandel aufgebaut, der auch Saatgetreide, Dünger, die Mosterei und den Mühlenladen umfasst“, berichtet Hermann Pfannenschwarz. Das Wasser aus dem Mühlengraben treibt seitdem zwei Turbinen an, die das Gebäude mit Strom versorgen.

Schmale Stiegen ziehen sich durchs historische Gemäuer

Wer die hölzernen Stufen zum kleinen Mühlenladen hochsteigt, kann den Geist vergangener Tage noch spüren. Die alten Bodendielen knarzen. Im Hintergrund hört man die Abfüllanlage für die Brotmischungen arbeiten. Schmale Stiegen ziehen sich durchs historische Gemäuer. Die alte Waage, die Getreidetrocknungsanlagen und die stillgelegten Walzenstühle schlagen den Bogen in die Vergangenheit des denkmalgeschützten Gebäudes.

Hinter dem Verkaufstresen steht Elke Pfannenschwarz. Sie betreibt den Laden und hält die klassischen Mühlenprodukte in Ehren. „Wir mahlen das Mehl zwar nicht mehr selbst, aber wir verkaufen und verarbeiten es weiter“, erzählt sie. Brot- und Mehlmischungen, Backzutaten aller Art, Tierfutter, Fruchtsäfte, Öle und vieles mehr füllen die Regale. „Die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Lebensmitteln aus der Region ist in den letzten Jahren stark gestiegen“, erzählt sie. Das ist mit ein Grund dafür, warum sie den Söhnen geraten hat, die Pläne von der Betriebserweiterung jetzt umzusetzen.

Vor allem die Futtermittel seien gefragt

Das Grundstück im Gewerbegebiet Bonholz haben sich die jungen Stadtmüller bereits gesichert. Läuft alles nach Plan, soll im nächsten Jahr mit dem Bau begonnen werden. „Der Online-Handel hat uns einen großen Schub gegeben“, erzählt Jörg Pfannenschwarz. Vor allem die Futtermittel seien gefragt. „Etwa 50 Prozent unseres Umsatzes machen wir mit Geflügelfutter“, verrät er. Die Brüder überlassen dabei nichts dem Zufall. Seit einem Jahr gehören fünf Hühner zur Familie, sie testen, welche Mischung besonders schmackhaft und bekömmlich ist.

Der Neubau soll deutlich mehr Platz bieten und den 15 Mitarbeitern die Arbeit erleichtern. Auch der Mühlenladen zieht mit um. „Wir können dann endlich barrierefreies Einkaufen bieten“, sagt Elke Pfannenschwarz. Ihre Söhne träumen derweil von der gläsernen Produktion, die Einblicke ins Mühlengeschäft 2.0 gibt. Doch auch die Tradition kommt nicht zu kurz. Die historische Mühle am Neuen Weg soll als Bio-Markt und Lohnmosterei erhalten bleiben und weiter an jene Zeiten erinnern, als die Mühle am rauschenden Bach noch Standard war.