Der Blaue Weg: 900 Meter reichen, dem Alltagstrott zu entfliehen. Diese Erfahrung macht jedenfalls unser Kolumnist Peter Stolterfoht regelmäßig.
Ein gängiges journalistisches Stilmittel ist es, den eigenen Text mit Zitaten und Weisheiten bekannter Persönlichkeiten aufzupeppen. Wenn zum Beispiel Tiefgründiges gefragt ist, werden gerne französische Philosophen bemüht. Soll es hingegen menscheln, sind Bonmots von mehrfach geschiedenen Schauspielerinnen und Schauspielern mit zwischenzeitlichen Alkoholproblemen gefragt. Nachteil: Die Suche nach einem passenden Zitat ist häufig sehr zeitaufwendig. Warum also nicht auf die Schnelle selbst ein entsprechendes erfinden? Wie dieses hier, auch wenn es noch etwas holprig daherkommt: Ein wirklich schöner Ort glänzt nicht nur bei Sonnenschein, sondern auch unter Regentropfen.
Die Allwetterschönheit vertreibt trübe Gedanken
Womit wir endlich am Zielpunkt dieses Textes angekommen wären, am Blauen Weg, dieser Stuttgarter Allwetterschönheit über den Dächern Heslachs. Die 900 Meter lange Teilstrecke des Blaustrümpflerwegs beginnt an der Hasenbergsteige und endet an der Schranke vor dem Wald. Schon in Lockdown-Zeiten war ein Spaziergang über den Blauen Weg eine sichere Methode, aufkommende Trübsal zu vertreiben. Weil der Krieg in der Ukraine einem gedanklich noch viel mehr zusetzt und man von dort ständig eine furchtbare Nachricht nach der anderen empfängt, bietet sich dieses Abschaltmanöver mehr denn je an.
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In diesen wolkenlosen Frühlingstagen wird der Blaue Weg zum azurblauen Weg, zur Heslacher Côte d’Azur. Ein kleiner Spaziergang als Kurzurlaub. Wem dieses Reiseziel gerade zu überlaufen ist, der kann ja – wie bereits erwähnt – auf schlechtes Wetter warten. Dann gibt es mehr Platz, und man muss nicht mehr so häufig den Radlern aus dem Weg gehen. Aktuell kreucht und fleucht es dort. Die Eidechsen kommen aus ihren Löchern in den Weinbergmauern und lassen sich die winterstarren Glieder auf Sommertemperatur bringen. Später im Jahr verkaufen dort die Gartenbesitzer und Hobbyimker Obst und Honig. Im Moment sind Bienenwachskerzen im Angebot, die man sich aus einem liebevoll dekorierten Holzschaukasten nehmen kann. Das Geld kommt in eine dazugestellte Dose.
Dieser Spaziergang macht durstig und zufrieden
Und dann dieser Blick auf Heslach und in Richtung Gegenhang. Die Brauerei Hofbräu an der Böblinger Straße ist gut zu erkennen und bei entsprechender Wetterlage auch zu riechen. Die Lerchenrainschule wirkt auch aus der Ferne gewaltig. Den Fernsehturm nimmt man da eher im Vorbeigehen wahr. Und immer wieder taucht unterhalb des Blauen Wegs die Gäubahnstrecke auf und am Ende auch das Bahnwärterhäuschen am nicht mehr vorhandenen Heslacher Bahnhof. 1960 wurde der geschlossen, der Haltepunkt aufgelassen, wie es auf Bahndeutsch heißt. Kaum zu glauben, dass dort Reisende einmal aus- und eingestiegen sind. Ein Fahrkartenhäuschen und ein Kiosk gehörten dazu. Schade, dass es den nicht mehr gibt. Selbst ein kurzer Spaziergang kann einen ganz schön durstig machen – und zufrieden.