Rainer Kapp leitet die Abteilung Stadtklimatologie im Stuttgarter Amt für Umweltschutz (Archivbild). Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

In Stuttgart treffen die Folgen des Klimawandels mit der besonderen Kessellage zusammen. Im Interview erklärt der Stadtklimatologe Rainer Kapp, welche Herausforderungen auf die Stadt in Zukunft zukommen.

Starkregen oder Hitzewellen sind für Großstädte wie Stuttgart eine besondere Herausforderung. Die Folgen des Klimawandels werden hier auch zu einer Frage der sozialen Gerechtigkeit, erklärt Rainer Kapp. Als Leiter des Amts für Stadtklimatologie im städtischen Amt für Umweltschutz beschäftigt ihn, wie Stuttgart sich verändern muss, um die Erderhitzung zu verkraften.

 

Herr Kapp, wie stark spüren wir den Klimawandel schon heute in Stuttgart?

Das, was wir als sommerliche Hitzebelastung spüren, produziert die Stadt überwiegend noch aus sich selbst heraus, eine Art lokaler Klimawandel. Wie die Stadt gebaut ist, bestimmt im Moment noch, wie heiß es wird. Über die Oberfläche, auf die tagsüber die Sonne scheint, speichern Bauwerke und Beläge die Wärme und geben sie in der Nacht wieder ab.

Aber an den Sommern der letzten Jahre, insbesondere auch 2018, können wir jetzt schon sehen: Die Häufigkeit solcher Hitzeereignisse nimmt zu. In Zukunft bekommen wir noch höhere Temperaturen, sodass Dauer und Intensität solcher Hitzeepisoden in Zukunft sicher noch zulegen werden. Es wird auch Sommer wie den von 2021 geben. Aber auch das ist Klimawandel. Wir bekommen eine Stabilisierung von bestimmten Großwetterlagen, die zu Hitzeperioden führen oder im Gegenteil zu Unwettern, die sich aneinanderreihen.

Macht die Kessellage in Stuttgart das noch schwieriger?

Unbedingt. Die Region könnte man insgesamt schon als windschwach bezeichnen und dann kommt noch der Talkessel dazu. Das bestimmt den Luftaustausch und damit die Temperatur bzw. das Temperaturempfinden im Sommer und ist auch die Hauptursache für die relativ schlechte Luftqualität.

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Stuttgart ist also schon jetzt stärker betroffen. Haben Sie den Eindruck, dass das Bewusstsein für den Klimawandel hier stärker ist als anderswo?

Einerseits ja, und dafür spricht die Existenz unserer Abteilung. Aber andererseits führt das auch zu Äußerungen wie: „Wo ist das Problem mit dem Klimawandel, in Stuttgart war es doch schon immer warm?“ Früher hat man es oft so verglichen: Wir bekommen künftig ein Klima wie in Rom oder Neapel. Aber dahin fahren die Leute in den Urlaub, das ist kein Schreckensszenario.

Es ist auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit: Müssen Menschen, die sich nichts anderes leisten können, gerade an den Orten wohnen, die lärm-, schadstoff- und auch extrem wärmebelastet sind – und wer es sich leisten kann, wählt den Ort, klimatisiert seine Wohnung und heizt damit auch noch die übrige Stadt auf? Das könnte man als unsoziale Anpassung bezeichnen.

Sie arbeiten schon viele Jahre in der Abteilung Stadtklimatologie. Finden Sie inzwischen das Gehör, das Sie sich wünschen?

Für mich war 2018 nochmals ein Wendepunkt. Bis dahin konnte man mit bereits sensibilisierten Menschen über das Thema reden und es wurde auch in der Stadtplanung berücksichtigt. Aber in der Öffentlichkeit war es ein Stuttgarter Sonderproblem ähnlich wie der Feinstaub. Und dann kam der Sommer 2018. Das war für viele Menschen ein Vorgeschmack, der erlebbar gemacht hat: Wenn das so weitergeht, ist es bedrohlich.

In den letzten zwei Jahren ging der Blick auch darüber hinaus: Dass es nicht nur um Hitze geht, sondern auch um viel zu viel versus viel zu wenig Wasser. Wenn so etwas wie im Ahrtal passiert, dann entsteht bei den Bürgern natürlich zu Recht der Eindruck: Wir leben doch auch in einem Tal, vielleicht geht es nicht nur um Extremniederschlag, vielleicht rutscht auch mal der Hang ab?

In Stuttgart gab es im Juni 2021 Starkregen. War das ebenfalls ein einschneidendes Ereignis?

Wir forschen aktuell in einem Projekt zu dem Thema, auch wenn in Stuttgart selbst lange nichts passiert war. Durch solche aktuellen Ereignisse ist das viel präsenter geworden, die Stadt kann aber nur sehr langfristig etwas tun. Kurzfristiger wären Rückschlagklappen am eigenen Haus ein einfaches Beispiel, damit das Wasser aus dem Kanal nicht im Keller hochkommt. Aber es ist unheimlich schwer, die Menschen zu sensibilisieren, damit sie selbst vorsorgen. Man müsste zum Beispiel noch aktiver sagen: Es ist für die Zukunft unabdingbar, dass jeder auf dem eigenen Grundstück jede Fläche freimacht, die er nicht unbedingt versiegelt haben muss [damit Regenwasser versickern kann, Anm. d. Red.].

Beim Klima denken viele Menschen zuerst ans CO2-Sparen. Dass wir uns schon jetzt an manche Folgen anpassen müssen, kommt womöglich zu kurz.

Da bin ich zwiegespalten, weil man uns „Anpassern“ gerne unterstellt, wir hätten schon aufgegeben. Aber: Wir können den Wandel, der schon eingetreten ist und der noch weitergehen wird, nicht übermorgen stoppen, egal, was wir beim CO2 hinbekommen. Ich würde niemals sagen, das Kind ist schon in den Brunnen gefallen. Aber wir brauchen auch Anpassung, wenn wir das Thema lebenswerte Stadt in Zukunft ernst nehmen.

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Was sind dabei die wichtigsten Themen auf Ihrer Agenda?

Der Kernpunkt ist das Thema Durchlüftung und nächtliche Kaltluft. Wir sollten schauen, ob wir Flächen freimachen oder zumindest -halten können, um den Luftaustausch zu verbessern, das sind wir mindestens der Innenstadt schuldig. Das zweite ist, dass wir durch sogenannte grüne Infrastruktur versuchen, die Stadtoberfläche zu renaturieren. Natürliche, begrünte Oberflächen liefern Kühlung und Schatten für Gebäude und Straßen.

Als Drittes käme dann mehr Freiflächenplanung im Stadtgebiet. Ist der Schlossgarten als zentraler Park zur Erholung die Lösung, oder richtet man „cool spots“ ein? Das ist eine Idee zum Beispiel für den Stuttgarter Westen: Man schafft in den Innenhöfen Erholungszonen. Das setzt aber voraus, dass man eingreift, wo jetzt noch Autos parken oder Schuppen stehen. Dazu kommen grünere Plätze. Am Bismarckplatz sieht man, wohin das zukünftig gehen könnte.

Laut einer aktuellen Helmholtz-Klimaprognose würde es selbst bei mittlerem Klimaschutz in Stuttgart bis 2065 noch einmal etwa 1,6 Grad wärmer werden. Wie realistisch ist es, dass die Stadt sich bis dahin ausreichend anpasst?

Die reine Prognose als Drohkulisse reicht wahrscheinlich nicht. Wir versuchen, darzulegen: Was bedeutet das wirklich für Stuttgart und die Region? Und wir müssen gleichzeitig ein verschärftes Maßnahmenkonzept mitliefern. Stuttgart ist im Moment noch in einer guten Ausgangssituation, was die Finanzierbarkeit angeht. Deshalb würde ich sagen: In diesem Zeitraum kann das eigentlich relativ gut gelingen. Die Frage ist, wie konsequent wir auch in der Politik bleiben. Wir wissen genug, um handeln zu können, und wir müssen das jetzt vorantreiben und vor allem konsequent aufrechterhalten.

Klimazentrale Stuttgart

Dieser Artikel ist Teil des Wetter- und Klimamonitors von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Wir stellen für alle Orte in der Metropolregion Stuttgart Daten von amtlichen Wetterstationen zur Verfügung und vergleichen sie automatisiert mit Langzeitmessreihen: Ist das Wetter heute ungewöhnlich oder nicht?

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