Die Akustikanlage wird erneuert, erklären Bernd Weißenborn und Simone Fuchs. Foto:  

Der Steg zwischen den beiden Türme von St. Dionys in Esslingen muss saniert werden. Ein Gerüst käme zu teuer. Darum soll sich ein Schwindelfreier von dem Gebäude abseilen. Wegen dieser und weiterer Arbeiten wird die Kirche ab 15. Juli geschlossen.

Höhenangst darf er nicht haben. Und eine gewisse Verbundenheit zu alpinen Abenteuern könnte nicht schaden. Dieser Handwerker muss ein schwindelfreier Allrounder sein. Denn die Verbindungsbrücke zwischen den beiden Türmen der Esslinger Stadtkirche St. Dionys am Marktplatz ist sichtbar in die Jahre gekommen. Selbst der Blick von unten zeigt eine abblätternde Farbe, Schäden im Außenbereich und ausbesserungswürdige Stellen. Darum, erklärt der evangelische Dekan Bernd Weißenborn, soll der Steg renoviert werden. Ein Gerüst würde angesichts der Höhe und dem verwinkelten Gebäude der Stadtkirche zu viel Geld kosten. Deswegen wird ein Mutiger sich wohl von einem noch zu ermittelnden Punkt abseilen und in luftigen Höhen die Wartungsarbeiten vornehmen müssen. Weitere Sanierungsmaßnahmen fallen in St. Dionys außerdem an. Darum wird das Gotteshaus von Montag, 15. Juli, bis Sonntag, 4. August, für drei Wochen geschlossen. Ein paar Ausnahmen soll es aber geben.

 

Der Verbindungssteg zwischen den beiden Türmen der Stadtkirche, so Bernd Weißenborn, habe wohl eine baustatische Funktion. Mesner Klaus Petra weiß noch eine weitere Aufgabe der luftigen Brücke: Sie habe früher den Türmern dazu gedient, ihr Tagwerk ausführen zu können. Oben im Südturm hätten sie meist mit ihrer Familie in räumlich extrem beengten Verhältnissen gelebt, und der Steg habe es ihnen ermöglicht, von einem Turm zum anderen zu gelangen. Früher seien es zwei Holzbrücken gewesen – eine weit oben, eine weiter unten. Doch nach Gründung der Esslinger Maschinenfabrik am 11. März 1846 sei der Gedanke aufgekommen, die beiden Stege auszutauschen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hätten Mitarbeiter der Firma diesen Wunsch dann umgesetzt und die beiden Holzbrücken durch eine neue Konstruktion ersetzt.

Courage und ein dicker Geldbeutel

Sie muss ein Wagemutiger nun wieder auf Vordermann bringen. Das erfordert nicht nur Courage, sondern auch einen dicken Geldbeutel. Laut Dekan Weißenborn werden die Arbeiten mit etwa 150 000 Euro zu Buche schlagen. Zuschüsse würde es von der Landeskirche und dem Kirchenbezirk geben, doch etwa 90 000 Euro blieben an der Gesamtkirchengemeinde hängen. Die ist zwar nicht arm wie eine Kirchenmaus, musste aber in der Vergangenheit bereits den Gürtel deutlich enger schnallen und beispielsweise die Ökumenische Familienbildungsstätte (FBS) in der Berliner Straße schließen.

Allerdings kommen laut Dekan noch weitere Ausgaben auf die Kirchengemeinde zu. Die Lautsprecheranlage in der Stadtkirche stamme aus den 1960er Jahren und müsse dringend ersetzt werden. Mikrofone würden bei Gottesdiensten zwar gute Dienste leisten, doch die Akustikanlage werde auch für andere Formen des sakralen Lebens benötigt: „Wichtig ist uns, dass wir nicht nur auf Sprache ausgerichtet sind, sondern auch moderne technische Möglichkeiten haben, um unterschiedliche Musik in Gottesdiensten und bei Konzerten gut zu unterstützen.“

Für den richtigen Ton

Doch einfach die 30 alten Lautsprecher abhängen und neue installieren – so einfach sei das nicht, ergänzt Architektin Simone Fuchs. Die Stadtkirche stehe unter Denkmalschutz und verschiedene Vorgaben müssten beachtet werden. Die beiden Lautsprecher im Innenraum vor der Orgelempore etwa müssten auch aus akustischen Gründen nach oben versetzt werden. Dazu müsse ein acht Meter hohes Gerüst aufgebaut werden. Und selbst die Farbe der neuen Lautsprecher sei Gegenstand von Überlegungen gewesen. Die Akustikanlage werde künftig eine sandige Farbgebung erhalten.

Optische Gestaltungsfragen mussten auch für die Instandsetzung der Türen des Gotteshauses geklärt werden. Man habe sich mit dem Denkmalamt auf eine bräunliche Farbe geeinigt, führt Bernd Weißenborn aus, denn dieser Ton käme der Originalfarbe am nächsten. Jedenfalls schlagen Akustikanlage und Türen noch einmal mit etwa 145 000 Euro zu Buche. Zuschüsse würde es hier keine geben. Die Ausgabe müsse von der Gesamtkirchengemeinde Esslingen aus eigenen Mitteln gestemmt werden. Erfreulich ist aus Sicht des Dekans, dass ungefähr 80 000 Euro an Spenden zusammengekommen sind – und er hofft noch auf ein paar Euro mehr. St. Dionys, sagt er, sei schließlich prägend für das Stadtbild, ein Kulturdenkmal, ein historisches Kleinod, und zum sonntäglichen Gottesdienst würden zwischen 100 und 150 Besucher kommen.

Keine vollständige Schließung

So ganz möchte er die Kirche darum nicht schließen. Am Wochenende vom 20. und 21. Juli würden hier die Stunde der Kirchenmusik, der Erntebitt- und ein Taufgottesdienst gefeiert. Der Tisch zum Entzünden einer Kerze werde in den Vorraum verlegt, sodass Besucher ihn weiterhin nutzen könnten: „Das wird sehr gut angenommen. Im Jahr werden durchschnittlich etwa 10 000 Kerzen entzündet“, sagt der Dekan. Und auch die Kontaktstelle Kirche für Anfragen oder Kircheneintritte werde weiterhin samstags von 10 bis 12 Uhr zur Verfügung stehen.

Die Arbeiten an der Esslinger Stadtkirche St. Dionys

Geschichte
 Die Stadtkirche stammt laut Homepage der evangelischen Kirchengemeinde aus dem 14. Jahrhundert. Unter der Kirche wurde in den 1960er Jahren ein Ausgrabungsmuseum mit Mauerfundamenten der ersten Kirche geschaffen. Es kann während der Sanierungsphase ebenfalls nicht besucht werden.

Gemeindebegegnung
Am Sonntag, 29. September, wird die neue Akustikanlage im Gemeindegottesdienst in der Stadtkirche St. Dionys ab 10.30 Uhr präsentiert. Anschließend lädt die Stadtkirchengemeinde vor der Stadtkirche mit einem „Café nach dem Gottesdienst“ zu Begegnungen mit Kuchen und Geselligkeit ein.

Vorhaben
Für die Stadtkirche hat Dekan Bernd Weißenborn noch ein paar Wünsche. Ihm schwebt ein Bereich für Familien mit Kindern vor, und die in die Jahre gekommene Toilettenanlage im Kellerbereich würde er gerne durch eine barrierefreie sanitäre Einrichtung ersetzen. Doch dafür seien Spenden nötig.