Der Schmalzmarkt in Gablenberg heißt erst seit 1987 so. Und über seine Gestaltung inklusive Brunnen wird immer wieder gestritten.
Der Schmalzmarkt in Gablenberg ist einer der wichtigsten Treffpunkte im Stadtteil. Der Pub Alte Schule ist weit über Stuttgart-Ost hinaus bekannt, dort trifft man sich nicht nur zum Fußballschauen. Im italienischen Restaurant Vivaldi gleich gegenüber auf dem Platz trifft sich schon seit Jahren die Stuttgarter Sportprominenz, auch viele der VfB-Spieler. Und im Muse-O gibt es seit einiger Zeit noch mehr Kultur mit dem Theater La Lune. Und natürlich immer wieder Ausstellungen aus und über den Stuttgarter Osten. Zum 25-jährigen Muse-O-Bestehen haben sich die Macher intensiv mit „ihrem“ Platz auseinandergesetzt. „Der Schmalzmarkt. Geschichte, Gegenwart und Zukunft eines schwierigen Platzes“ heißt die Ausstellung, die noch bis 29. Oktober zu sehen ist.
Der Siegerentwurf gefiel nicht allen – und soll überarbeitet werden
Wie schwierig der Platz tatsächlich ist, zeigen schon die seit Jahren laufenden Diskussionen über seine Umgestaltung im Rahmen des Sanierungsgebiets „Soziale Stadt Gablenberg“. Schon vor fünf Jahren war ein Wettbewerb dafür ausgeschrieben und entschieden worden, der Siegerentwurf gefiel aber dann doch nicht allen Einflussgruppen. Deswegen sollte er überarbeitet werden. Im aktuellen Newsletter zum Sanierungsgebiet heißt es dazu: „Wenn alle fachlichen Details eingearbeitet sind, wird der Vorentwurf erneut in den gemeinderätlichen Gremien vorgestellt und die nächste Leistungsphase beauftragt. Die Entwurfsplanung wird dann auch wieder der Öffentlichkeit vorgestellt, voraussichtlich noch in der ersten Jahreshälfte 2023.“
Die erste Jahreshälfte ist um, vorgestellt wurde aber noch nichts. Das liegt am zweiten Schwerpunkt des Sanierungsgebiets, der Umgestaltung der Gablenberger Hauptstraße. Eine der gewünschten Voraussetzungen dafür war und ist der Bau einer Quartiersgarage. Da dafür aber bisher kein geeigneter Platz gefunden wurde, hatte die Stadtverwaltung zwischenzeitlich alle anderen Planungen zurückgestellt. Das wiederum war im Bezirksbeirat Stuttgart-Ost auf Protest gestoßen.
Das ist nur die Fortsetzung einer langen Platzgeschichte. Gablenberg war einst als Straßendorf entstanden, früher reichten die Weinberge bis zum späteren Schmalzmarkt hinab. 1836/37 wurde dort das Schulhaus errichtet – das heutige Muse-O-Gebäude. Im Umfeld stand einst auch die Kelter, die 1405 erstmals erwähnt wurde, Gastronomie gab es gefühlt dort auch schon immer.
„Schwierig“ ist der Schmalzmarkt, weil er so erst unter dem NS-Regime entstand, als „Aufmarschplatz im Dorfkern“, wie es auf einer der Infotafeln der Muse-O-Ausstellung heißt. Die beliebte Gaststätte Zur Kelter wurde wie etliche andere Häuser und Gebäude im April 1935 abgerissen. Das neue „Haus der Volkstreue“ wurde bereits Ende des Jahres eingeweiht. Es war der Sitz der NSDAP-Ortsgruppe. Davor entstand der Brunnen der Hitlerjugend. In dem Gebäudeensemble wurde 1936 ein Kindergarten der NS-Volkswohlfahrt eröffnet, 1937 kam eine öffentliche Bücherei dazu. Nachdem die Nationalsozialisten geflüchtet waren, zog zunächst der örtliche Antifaschistische Arbeitsausschuss in das einstige Haus der Volkstreue ein.
Im Mai 1988 fand dort der erste Gablenberger Wochenmarkt statt
Der Platz wurde in den Nachkriegsjahren mehr und mehr zum Verkehrsknoten mit der Straßenbahn, den Buslinien, den ausgebauten Straßen. Die Platzfläche selbst geriet aber immer mehr in Vergessenheit, war Parkplatz, Lagerfläche, Festplatz, wie es gerade passte. In den 1980er Jahren verstärkten sich die Forderungen der Lokalpolitiker und des rührigen Handels- und Gewerbevereins Gablenberg nach einer Neugestaltung. Die erfolgte wenige Jahre später, im August 1987 wurde der unter anderem mit dem kleinen Wasserlauf neu gestaltete Platz eröffnet und bekam den Namen Schmalzmarkt. Im Mai 1988 fand dort der erste Gablenberger Wochenmarkt statt, den es bis heute gibt.
Längere Diskussionen gab es über den Brunnen auf dem Platz. Der war zunächst von allen NS-Symbolen „befreit“ worden, vor der Umgestaltung ließ die Stadt ihn ganz entfernen. Allerdings wollten die Gablenberger nicht auf ihren Brunnen verzichten, 1989 wurde er deshalb in etwas anderer Form wieder aufgestellt. Der Siegerentwurf für die jetzt erneut geplante Umgestaltung des Schmalzmarkts will aus gestalterischen Gründen wieder ganz auf den Brunnen verzichten. Der Widerspruch war programmiert, Ausgang offen.
In der immer samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffneten Ausstellung im Muse-O sind noch viel mehr Geschichten, Daten und Fakten über den Schmalzmarkt zu entdecken. In den Sommerwochen ist ein umfangreiches Begleitprogramm geplant: am 29. Juli etwa feiert der Museumsverein im Hof des Alten Schulhauses sein 25-jähriges Bestehen mit einem Sommerfest, am 6. August führen die „Schmalzmarkt-Dialoge“ von zwei „Bauarbeitern“ zurück in die Vergangenheit des Platzes.
Weitere Informationen sind auf der Webseite des Muse-O zu finden unter www.muse-o.de