Stadtgespräch Gesundheit im Theaterhaus Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Das neue Pflegestärkungsgesetz stellt vor allem die Fähigkeiten pflegebedürftiger Menschen in den Mittelpunkt. Das lobten beim „Stadtgespräch Gesundheit“ der AOK Stuttgart-Böblingen alle Beteiligten.

Stuttgart - Das Zweite Pflegestärkungsgesetz tritt zum 1. Januar 2017 in Kraft. Die Auswirkungen der vom Bundestag beschlossenen Reform, sowohl für eine Kommune wie Stuttgart, für die Krankenkassen, für die Pflegeberufe als auch für die pflegebedürftigen Menschen und ihre Angehörigen war Thema beim „Stadtgespräch Gesundheit“ der AOK Stuttgart-Böblingen.

An der Gesprächsrunde im Theaterhaus nahmen am Mittwoch Fachleute unterschiedlichster Couleur teil: Politiker, Kirchenvertreter, Experten aus Pflegeheimen und Versicherungswirtschaft. Es moderierten die Redakteure Carolin Klinger und Martin Haar aus der Gemeinschaftsredaktion Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten. Die von Haar als „mögliche nächste Gesundheitsministerin“ vorgestellte Stuttgarter Bundestagsabgeordnete Karin Maag (CDU) führte ein, dass der Bund in die von allen Parteien im Bundestag unterstützte Reform jährlich fünf Milliarden Euro steckt. Der Wechsel von bisher drei Pflegestufen in künftig fünf Grade „soll allen Pflegebedürftigen einen gleichberechtigten Zugang zur Pflege ermöglichen und alle besserstellen“, so Maag. Bei der Einstufung stehe künftig die Frage im Vordergrund, was der Mensch noch kann statt wie bisher, zu was er nicht mehr alleine fähig ist.

Demenz wird berücksichtigt

Der ehemalige Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich (SPD) lobte dies als „Paradigmenwechsel“, auch FDP-Stadtrat Matthias Oechsner sieht „das Geld richtig angelegt“ und findet die deutliche Stärkung der ambulanten Pflege gut. Dass der 1995 bei der Einführung der Pflegeversicherung vergessene Bereich der geistigen Alterserkrankungen, vor allem also Demenz, jetzt endlich gesetzlich berücksichtigt wird, hält die Landtagsabgeordnete Brigitte Lösch (Grüne) für einen der größten Fortschritte der Reform.

Welcher Kraftakt auf die Krankenkassen bei der Umsetzung des Gesetzes zukommt, machte Christian Kratzke klar. „Es geht bei uns um 20 000 Einzelschicksale, die individuell beurteilt werden müssen“, sagte der Geschäftsführer der AOK Stuttgart-Böblingen. Seine 800 Mitarbeiter sind schon lange im Umschulungsprozess. „Schließlich soll zum 1. 1. alles nahtlos weiterlaufen“, so Kratzke, dem der Hinweis wichtig war, dass sich kein Versicherter um die Umstellung kümmern müsse, der bereits Pflegeleistungen bekommt.

Es geht um die richtige Einstellung

Einblick in die Praxis an der Basis vermittelte Rada Strika. Die Einrichtungsleiterin des DRK-Pflegeheims im Sommerrain sieht das Gesetz „in die richtige Richtung“ gehen, „aber es gibt noch viel Entwicklungspotenzial“. Nur ein Beispiel: Die penible Dokumentationspflicht koste die Pflegebediensteten nicht nur viel Zeit, sondern habe auch „viele Leute aus dem Beruf getrieben“. Alle in der Runde waren sich einig, dass der Pflegeberuf einer deutlichen Stärkung bedürfe. Die Aufwertung des Berufsbilds und der Bezahlung sollen helfen, das dringend benötigte Personal zu gewinnen. Und dass Rada Strika richtig liegt mit der Feststellung: „Die Einstellung jedes Einzelnen zum Thema Altern ist viel wichtiger als jedes Gesetz.“

Stuttgarts Sozialbürgermeister Werner Wölfe, interessierter Gast in der ersten Publikumsreihe, betonte die große Herausforderung für die Kommunen: „Bei der Umsetzung ist die gute Absicht aller Gesetze und Verordnungen leider oft meilenweit entfernt von der Alltagsrealität.“

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