Eigentlich gibt es in Stuttgart genügen Hausärzte. Noch. Denn in wenigen Jahren wird die Lage deutlich dramatischer sein. Welche Lösungswege gibt es? Darum ging es am Mittwochabend beim ersten Stadtgespräch Gesundheit, einer neuen Reihe der AOK Stuttgart-Böblingen.

Stuttgart - Die Gesundheitsexpertin und CDU-Bundestagsabgeordnete Karin Maag setzt gleich zu Beginn des von den StN-Redakteuren Carolin Stihler und Martin Haar moderierten Abends mit einem forschen Statement eine Duftmarke: „Wir jammern hier in Stuttgart auf hohem Niveau“, angesichts eines Versorgungsgrads bei den Hausärzten von 104 Prozent. Doch in naher Zukunft stellt sich die Situation ganz anders dar, weiß Dr. Markus Klett aus Bad Cannstatt, Vorsitzender der Ärzteschaft Stuttgart: Viele seiner Kollegen in der Landeshauptstadt sind um die 60 Jahre alt, „und in fünf Jahren sind es dann statt der derzeit 390 Hausärzte in der Stadt nur noch 240, also 35 Prozent weniger“. Dabei ist die Lage jetzt schon schwierig, wie Patientenvertreterin Roswitha Holecek, Leiterin der Adipositas-Selbsthilfegruppe Stuttgart und Esslingen, ausführt: „Ganz schlimm ist es bei Fachärzten, wenn man manchmal drei bis vier Monate auf einen Termin warten muss.“

Viele Hausärzte suchen vergeblich einen Nachfolger. Vorbei die Zeiten, so analysiert AOK-Geschäftsführer Christian Kratzke, dass der Hausarzt „sich aussuchen konnte, wem er seine Praxis anvertraut, und dann noch einen Erlös dafür bekommt“. Die Gründe für diese schleichende Problemverschärfung: „Sehen Sie doch, was so ein Doktor heute leisten muss“, so Kratzke. 40-Stunden-Wochen sind eine Illusion, stattdessen Zwölf- bis 14-Stunden-Tage die Regel. Dr. Klett bringt es so auf den Nenner: „Wenn man nicht verheiratet ist und keine Familie, keine Frau und Kinder hat, ist der Hausarzt ein sehr schöner Beruf.“

Die Ausführungen vor den knapp 60 Zuhörern zeigen, dass die Analyse des aktuellen Zustandes leichter fällt wie die Präsentation von schnellen Lösungen. Einige Ideen haben die Teilnehmer aber doch parat. Generell müsse sich etwa im Bewusstsein der Bevölkerung etwas ändern, die Anspruchshaltung sei häufig zu hoch, so der Tenor. „Das Gefühl für den Notfall ist bei manchen verloren gegangen“, so Klett.

Kein Anspruch mehr auf „meinen Hausarzt“

Ein Vorschlag, der öfter genannt wird, sind Medizinische Versorgungszentren, also mehrere Ärzte auch verschiedener Fachrichtungen unter einem Dach. „Vor allem in Baden-Württemberg sind wir auf diesem Gebiet relativ schlecht aufgestellt“, erklärt Karin Maag. Versorgungszentren, „das ist nicht mehr die Alleinverantwortung, das heißt schlicht Zusammenarbeit“, so die CDU-Politikerin. Vor allem in ländlichen Gebieten „findet sich eventuell sogar ein Bürgermeister, der ein Ärztehaus zur Verfügung stellt“. Was allerdings Dr. Klett zur skeptischen Anmerkung veranlasst, „ob man wirklich Kommunen befähigen will, Arztpraxen zu betreiben“. Längere Wege zum Arzt werden aber künftig unvermeidlich sein – was Roswitha Holecek nicht gutheißt: „Wie kommen die älteren Leute dort hin?“ Ihre schwergewichtigen Betroffenen etwa „können doch gar nicht mehr Auto fahren“.

Fest steht für Dr. Klett, „dass der Patient nicht mehr die bisherige personalisierte Medizin haben kann“. Und AOK-Chef Kratzke mahnt, „dass wir uns von lieb gewonnenen Gewohnheiten verabschieden müssen; dass man künftig nicht mehr sagen kann: Das ist mein Doktor, sondern das ist ein Doktor. Und je eher wir uns daran gewöhnen, desto besser ist es für uns.“

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