Für das Leonhardsviertel hat die Stadt bereits ein Vorkaufsrecht. Dort will sie die Prostitution zumindest begrenzen. Foto: Heinz Heiss

Um die Stadterneuerung voranzutreiben, plant die Stadt sich ein Vorkaufsrecht für Grundstücke in unattraktiveren Quartieren Stuttgarts zu sichern. Acht davon liegen in der Innenstadt, eines davon ist das erweitere Leonhardsviertel.

Innenstadt - Die Ziele sind hoch gesteckt: Die Wohnsituation soll verbessert werden, die gewerblichen Standorte sollen an Profil und die Freiflächen an Aufenthaltsqualität gewinnen. Das will die Stadt insbesondere in den Quartieren erreichen, in den viele gewerbliche Immobilien leer stehen, die dicht besiedelt sind und einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Transferleistungsempfängern haben. Um stadtplanerisch lenkend eingreifen zu können, sichert sich die Stadt das Vorkaufsrecht für Grundstücke in diesen als Vorranggebiete der Stadterneuerung definieren Quartieren.

In einer gemeinsamen Sitzung aller fünf Innenstadtbezirksbeiräte werden am 10. September die acht Vorranggebiete in der Innenstadt sowie deren Missstände vorgestellt. Die Innenstadt ist mit acht von insgesamt 20 Quartieren des gesamten Stadtgebiets der räumliche Schwerpunkt dieser Stadterneuerung. Das liegt daran, dass dort viele Probleme, etwa eine überdurchschnittliche Verkehrsbelastung, geballt auftreten. Die Vorranggebiete der Stadterneuerung gelten zudem als potenzielle Sanierungsgebiete. Wenn Inhaber von Immobilien dort sanieren, gibt es mehr Zuschüsse als üblich – auch von Bund und Land. Eigene städtische Förderinstrumente für die Stadterneuerungsvorranggebiete sind aufgrund der aktuell angespannten Haushaltslage nicht geplant.

Baulücken erschließen, Prostitution begrenzen

Mit ihrem Vorkaufsrecht verfolgt die Stadt vier Ziele: Erstens will sie Streubesitz in Quartieren verhindern, die mittel- bis langfristig neu geordnet werden sollen. Zweitens soll in Blockstrukturen mehr Grünflächen geschaffen werden. Drittens will die Stadt Baulücken erschließen und viertens unerwünschte Nutzungen wie Prostitution im Leonhardsviertel zumindest zu begrenzen.

Das Konzept der Vorranggebiete ist nicht neu. Im Jahr 1999 hat die Stadt bereits 18 Quartiere ausgewiesen, in denen die Stadterneuerung forciert werden sollte. Dazu gehörten die Schwabstraße, der Österreichische Platz und Stöckach. Einige dieser Gebiete finden sich in der Liste von 2012 wieder, beispielsweise das Leonhardsviertel. Allerdings sind die Grenzen für die Vorranggebiete neu gezogen worden. Bei der Festlegung ging es nicht darum, punktuelle Missstände aufzuzeigen. Vielmehr sind die Quartiere so definiert, dass die Probleme dort ein langfristiges Engagement erfordern. Selbst wenn also einige Grundstücke bereits neu bebaut werden, wie das Möbel-Mammut-Areal in der Hauptstätter Straße, dann verändert sich dadurch in dem gesamten Gebiet nicht der grundsätzliche Bedarf an einer Verbesserung der Verkehrssituation oder an zusätzlichen Aufenthaltsflächen.

Keine Garantie für eine tatsächliche Veränderung

Zur Eingrenzung der Vorranggebiete wurden sowohl städtebauliche als auch soziokulturelle Indikatoren herangezogen. Dort, wo viele Menschen dicht aufeinander leben, wo ein Großteil der Gebäude vor 1977 erbaut worden ist, wo es nachts besonders laut zugeht und wo es wenig Grünflächen gibt, besteht aus städtebaulicher Sicht Handlungsbedarf. Aus gesellschaftlicher Sicht gelten ein hoher Anteil an Migranten, eine niedrige Akademikerquote, viele Arbeitslose und eine überdurchschnittliche Zahl an Hartz-IV-Empfängern als Indikatoren dafür, dass die Stadt in einem Gebiet darauf achten muss, dass es genügend Grünflächen gibt und die Umgebung lebenswert bleibt.

Selbst wenn die Vorranggebiete in der Innenstadt eine Vielzahl von städtebaulichen und soziokulturellen Indikatoren aufweisen, ist das keine Garantie dafür, dass sich in den Stadtgebieten tatsächlich etwas ändert. Das hängt davon ab, ob der Gemeinderat von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch macht und davon wie in den noch festzulegenden Sanierungsgebieten die zusätzlichen Fördertöpfe angenommen werden.

Die acht Innenstadt-Vorranggebiete im Überblick

Acht der 20 Stadterneuerungsvorranggebiet liegen in der Innenstadt. Alle, Kaltental ausgenommen, grenzen an oder überlappen sich mit älteren Sanierungsgebieten. Viele Defizite sind Merkmale aller Innenstadtgebiete, etwa die überdurchschnittliche Verkehrsbelastung oder die schlechtere Qualität der Luft. Das zeigt der Bericht der Landeshauptstadt, der die Ziele für die Vorranggebiete der Stadterneuerung formuliert.

Kaltental

Kaltental (Süd)

Entlang der alten Bundesstraße 14 in Kaltental ist die Trennwirkung der alten Bundesstraße ein zentrales Problem. Hinzu kommen die unschönen Ortseingänge, der hohe Versiegelungsgrad sowie der energetische Modernisierungsrückstand der Gebäude. Die Ziele für Kaltental sind eine Neuordnung des Gewerbes unter Einbeziehung brach liegender Flächen, eine Aufwertung des öffentlichen Raums und ein besseres Fußwegenetz.

Karl-Kloß-Straße/Böheimstraße

Karl-Kloß-Straße/Böheimstraße (Süd)

Neben der historischen Eiernestsiedlung ist das Gebiet um die Kreuzung von Karl-Kloß-Straße und Böheimstraße durch eine Blockrandbebauung charakterisiert. Künftig sollen dort private und öffentliche unbebaute Flächen schöner werden, die Kreuzungssituationen sollen verbessert sowie die Gebäude energetisch saniert und modernisiert werden. Eine Herausforderung dabei ist der Denkmalschutz.

Tübinger Straße/Hauptstätter Straße

Tübinger und Hauptstätter Straße (Süd)

Vom Marienplatz bis zum Österreichischen Platz ist das dritte Vorranggebiet in Süd von Monostrukturen, etwa der Brauerei, und dem hohen Verkehrsaufkommen geprägt. Hinzu kommen fehlende Parkmöglichkeiten und gestalterische Mängel bei zentralen Plätzen und Freibereichen. Deshalb sollen beispielsweise die Querungsmöglichkeiten der Hauptverkehrsachsen für die Fußgänger verbessert und die Freiflächen verschönert werden.

Erweitertes Leonhardsviertel

Erweitertes Leonhardsviertel (Mitte)

Bordelle und Gaststätten sind charakteristisch für das Leonhardsviertel. In den angrenzenden Bereichen zwischen Olga-, Katharinen- und Alexanderstraße stehen vor allem Hochhäuser. Der größte Konflikt ergibt sich aus den unterschiedlichen Interessen der Anwohner des Viertels und den der Betreibern von Vergnügungsstätten. Deshalb ist ein Ziel, die Anzahl der Bordelle zu reduzieren. Zudem soll das Gebiet durch schönere Plätze an Attraktivität gewinnen.

Gablenberg

Gablenberg (Ost)

Neben dem Schmalzmarkt und der Gablenberger Hauptstraße gehört die Wagenburgstraße zum Vorranggebiet. Die vielen leer stehenden Geschäfte zeugen von der Verschlechterung der Nahversorgung. Neben diesem Problem soll auch eine Lösung für die schmalen Gehwege und den Parkdruck in dem Gebiet gefunden werden.

Urbanstraße/Neckarstraße

Urbanstraße/Neckarstraße (Mitte/Ost)

Südöstlich des Mittleren und Unteren Schlossgartens verläuft das Vorranggebiet Urban- und Neckarstraße. Trotz der Nähe zum Schlossgarten ist die Belastung durch den Verkehr in der Cannstatter Straße hoch. Zudem sind die Grundstücke zum Teil so dicht bebaut, dass es an Licht in den Innenbereichen von Wohnblöcken fehlt. Um diese Innenflächen aufwerten zu können, sollen gewerbliche Nutzungen an andere Orte verlagert werden. Die Westseite der Neckarstraße soll durch Gastronomie, Handel und Gewerbe im Erdgeschossbereich attraktiver werden.

Nordbahnhof/Bürgerhospital

Nordbahnhof/Bürgerhospital (Nord)

Neben dem Nordbahnhofviertel und den Hochhäusern südlich davon zählt auch das Areal um das Bürgerhospital zu dem Vorranggebiet. Im Zuge der Stadterneuerung geht es darum, die Sanierung der bestehenden Wohnungen zu forcieren. Zudem soll die städtebauliche Isolierung des Nordbahnhofviertels dadurch aufgehoben werden, dass das Quartier besser an die umliegenden Gebiete angebunden wird.

Silberburgstraße/Rosenbergstraße

Silberburgstraße/Rosenbergstraße (West)

Im Bereich um die Silberburg- und Rosenbergstraße in West fehlen Parkplätze, es gibt zu wenig Grün und eine spürbare Zahl gewerblicher Flächen steht leer. In den Innenbereichen von Gebäudeblöcken haben viele ehemals gewerblich genutzte Flächen keine neuen Mieter gefunden. Ziele der Stadterneuerung sind die Wohnqualität zu steigern, die Parkplatzsituation und den Zugang zu den umliegenden Parks zu verbessern.

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