Heute noch verlassen – bald das neue Vorzeigequartier der Stadt? Der Eiermann Campus in Vaihingen. Foto: Steidle Architekten und Relagrün Landschaftsarchitekten

Die gesamte Mobilität der künftigen Nutzer des früheren IBM-Areals soll von einem Anbieter abgedeckt werden. Nach Informationen unserer Zeitung ist eine exklusive Kooperation mit BMW vorgesehen.

Stuttgart - Einer für alles  – so wird das Motto beim Thema Verkehr auf dem Eiermann-Areal lauten. Anstelle eigener Autos sollen sämtliche Mobilitätsbedürfnisse der Bewohner und Beschäftigten – vom Elektrofahrrad für den Weg zum Bäcker bis zum Wagen für Umzug oder Urlaubsfahrt – zen­tral von einem Anbieter kommen und per App abrufbar sein. Nach Informationen unserer Zeitung wurde dieser große Partner inzwischen gefunden. BMW soll bei der ­aktuell größten Quartiersentwicklung in der Landeshauptstadt komplett für die Mobilität zuständig sein. Aktuell liegt das Gelände der ehemaligen IBM-Zentrale (Projektname Garden Campus) brach. Doch nach aktueller Planung sollen auf dem Eiermann-Campus einmal 3000 Menschen wohnen und 2000 Menschen arbeiten. Und das in recht direkter Nachbarschaft der neuen Bürokomplexe von Allianz und Daimler, die ebenfalls in Vaihingen entstehen. Die Angst vor Ort heißt Verkehrskollaps. Um das zu vermeiden, wird hinter den Kulissen ein komplettes Mobilitätskonzept für das Quartier erarbeitet.

Pendler brauchen mehr Autos

Ein Ansatz der Planer ist es nach Informationen unserer Zeitung, den Anteil des Wohnens so hoch wie möglich zu halten. Nach einer aktuellen Untersuchung des Vorhabens steigt das Verkehrsaufkommen mit dem Gewerbeanteil auf dem Areal. Bei 75 Prozent Wohnnutzung rechnen die Planer mit weniger als 6000 Kfz-Fahrten in 24 Stunden – bei 75 Prozent Gewerbe hingegen mit deutlich mehr als 9000 Fahrten.

Doch diese Werte lassen sich offenbar nur erreichen, wenn ein zukunftsorientiertes Quartier entwickelt wird. Denn ohne ein neuartiges Verkehrskonzept könnte die Zahl der Autofahrten bei mehr als 12 000 pro Tag liegen. Wie es von Kennern heißt, soll der Anteil privater Pkw auf dem Areal in Zukunft so gering wie möglich sein. Carsharing statt eigenem Auto lautet einer der Leitgedanken. Nach aktuellem Planungsstand soll in Kooperation mit BMW alles angeboten werden, was Menschen in Sachen Mobilität und Verkehr benötigen. Es ist von einem „radikalen Ansatz“ die Rede. Denn vom E-Bike bis zum Pkw und Transporter soll alles angeboten werden.

Der Campus soll Modellstandort werden

„Das Mobilitätskonzept wird gemeinsam mit dem Investor entwickelt. Den Anforderungen an einen möglichen Standort einer Internationalen Bauausstellung (IBA) entsprechend, sind hier innovative Lösungen gefragt, welche ein verändertes Mobilitätsverhalten am Garden Campus als Modellstandort befördern“, so Stuttgarts Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Spätestens seit klar ist, dass die heutigen Gleisflächen hinter dem Hauptbahnhof zur IBA im Jahr 2027 aufgrund der Verzögerungen bei Stuttgart 21 nicht bebaubar sein werden, wird das ehemalige IBM-Areal als neues Vorzeigequartier Stuttgarts für die IBA gehandelt.

Der Autobauer BMW will auf Anfrage unserer Zeitung noch nichts Konkretes sagen. Die BMW-Gruppe setze seit Jahren auf den Aufbau von Mobilitätsdienstleistungen, heißt es. Man erarbeite „ein ganzheitliches Ökosystem für die drängendsten Fragestellungen der urbanen Mobilität“, heißt es aus der Pressestelle weiter. Konkret auf die Pläne für das ehemalige IBM-Areal angesprochen, bittet der Autobauer um Verständnis, dass das Unternehmen Gespräche über künftige Kooperationen und Projekte nicht kommentieren könne.

Gebäude gegen Lärm vom Autobahnkreuz

Die aktuellen Pläne für das Quartier sprechen von rund 200 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, die neu gebaut werden sollen. Auf drei Baufeldern sollen Wohn- und Geschäftshäuser entstehen. Zudem ist ein sogenanntes Schleifengebäude geplant – ein lang gestreckter Bau, der etwa Studenten als Wohnraum dienen könnte und der das Gelände samt neuen Wohnhäusern vor dem Lärm des Autobahnkreuzes schützen kann. Die Planer wollen nach eigener Aussage ein Quartier realisieren, welches eigenständig und für sich funktioniert. Die Rede ist von einem Quartier, das als beispielhaft für die Stadtentwicklung der Zukunft gelten kann.

Da es sich um ein privates Grundstück handelt und die Wegeführung vergleichsweise einfach bleiben soll, gehen Kenner des Projekts momentan sogar davon aus, dass bei Fertigstellung bereits autonomes Fahren, also vernetzte Autos, die sich selbst steuern, auf dem Areal als Teil des Mobilitätskonzepts zum Einsatz kommen könnte.

Investor hinter dem Projekt ist die Gerch-Group, die das 195 000 Quadratmeter große Areal im dritten Quartal 2015 gekauft hat. Aus einem Architektenwettbewerb sind die Münchener Büros Steidle Architekten und Realgrün Landschaftsarchitekten als Sieger hervorgegangen. Der Eigentümer rechnet nach derzeitigem Stand mit einem Baubeginn im Jahr 2020 und einer Fertigstellung 2022. Die Gesamtinvestitionen werden auf rund 960 Millionen Euro geschätzt. Nach Aussage von Baubürgermeister Pätzold werden „die möglichen Festsetzungen im Bebauungsplan derzeit geprüft“.

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