Die W&W-Gruppe hält nichts von einer Belegung ihrer nach dem Umzug leer stehenden Bürogebäude in Ludwigsburg mit Geflüchteten – aus mehreren Gründen.
Der Gedanke liegt nahe: Könnten in dem leeren Ludwigsburger Bürokomplex der Wüstenrot&Württembergische Gruppe (W&W) nicht in größerem Stil Geflüchtete einquartiert werden? Der Ludwigsburger Oberbürgermeister Matthias Knecht hatte diesen Gedanken kürzlich in einem Interview ins Spiel gebracht. Das Unternehmen hat jüngst seinen neuen Campus in Kornwestheim eröffnet. Die Umzüge laufen derzeit zwar noch, sollen in den nächsten Monaten aber über die Bühne sein. Der Großteil der rund 6000 Innendienstbeschäftigten aus Stuttgart und Ludwigsburg arbeitet bereits dort. Auf dem alten – ein Komplex von zwei Bürotürmen und weiteren Bauten – sei derzeit keine Zwischennutzung geplant, sagt Unternehmenssprecher Immo Dehnert; sie würden als Lagerflächen verwendet.
„Ohne erhebliche Umbauten nicht geeignet“
Dass dort geflüchtete Menschen einziehen, von dieser Idee hält das Unternehmen allerdings wenig. „Die Ausstattung ist ohne erhebliche Umbauten nicht geeignet“, sagt Immo Dehnert. Es handele sich um Büros, die nicht für Wohnnutzung geeignet seien, es gebe keinerlei sanitäre Einrichtungen, ganz zu schweigen vom Brandschutz, der nicht auf Wohngesichtspunkte ausgerichtet sei. Die Gebäude dafür zu ertüchtigen würde, so der Sprecher, einen immensen finanziellen Aufwand bedeuten.
Und das für eine Interimslösung, die ohnehin nicht im Sinne von W&W wäre. Denn das Unternehmen möchte auf seinem bisherigen Campus vor allem eines: Mit den Plänen für eine künftige Neubebauung in die Gänge kommen und den Architektenwettbewerb mit der Stadt Ludwigsburg schnell auf den Weg bringen. „Unser Ziel ist es, dass der Wettbewerb in Kürze startet und noch 2023 abgeschlossen wird. Wir befinden uns mit der Stadt dazu in engem Austausch“, sagt Immo Dehnert. Bisher haben die beiden Parteien allerdings unterschiedliche Vorstellung von der Gewichtung zwischen Wohnen und Gewerbe: Die Stadt und der Gemeinderat wollen 70 Prozent Gewerbe und 30 Prozent Wohnen. Für W&W gelte aber nach wie vor, „dass wir auf dem Gelände einen ausgewogenen Wohn- und Gewerbeanteil haben möchten“, sagt der Unternehmenssprecher.
Selbst wenn sie mit teuren Umbauten möglich wäre, würde eine Geflüchteten-Unterbringung in den alten W&W-Gebäuden – das älteste hat schon um die 100 Jahre auf dem Buckel – einer raschen Entwicklung des Geländes also im Wege stehen. Und erst recht ein „Interim“, das angesichts des in den nächsten Jahren zu erwartenden Flüchtlingszustroms womöglich länger benötigt würde als vorgesehen. Die Stadt sei noch nicht mit einer entsprechenden Anfrage auf W&W zugekommen, erklärt Immo Dehnert, „dass das Thema derzeit auf verschiedenen Ebenen diskutiert wird, liegt aber nahe“.
Landrat Dietmar Allgaier fasst das in noch etwas plastischere Worte: „Ob wir als Landkreis für die vorläufige Unterbringung, ob die Bürgermeister und Oberbürgermeister der Kommunen für die Anschlussunterbringung: Wir gehen alle miteinander hausieren und prüfen jede Möglichkeit“, sagt er. Er hoffe auf „alles, was von den großen Flüchtlingsunterkünften mit Feldbettenbelegung weggeht, was etwas dezentraler liegt und etwas humanitärer ausgestaltet werden kann“. Dass W&W eine zukunftsorientierte Entwicklung seines Geländes im Auge habe, sei aber nachvollziehbar.
Der Landkreis will bald eine Unterkunft am Römerhügel bauen
Der Landkreis selbst werde demnächst eine Unterkunft am Römerhügel für rund 100 Geflüchtete errichten, sagt Allgaier. „Wir haben die Finanzierungszusage vom Land und wollen bis zum Sommer drei Modulbauten in der Nähe der beruflichen Schulen bauen.“ Der Sozialausschuss des Kreistags müsse noch zustimmen, der Landrat rechnet aber mit dem Votum – es sei eigentlich auch alternativlos angesichts der nicht abebbenden Zahlen an Menschen auf der Flucht, die untergebracht werden müssen. Der Landkreis hat bereits die Sporthalle seines Beruflichen Schulzentrums in Bietigheim-Bissingen mit Geflüchteten belegt, die Halle der Carl-Schaefer-Schule in Ludwigsburg ist für denselben Zweck vorbereitet.
Zerschlagen hat sich die Hoffnung, man könne eine Kreis-Unterkunft auf dem Gelände des Technischen Hilfswerks am Alten See in Ludwigsburg bauen. Der Landkreis hatte nach wochenlangen vergeblichen Anfragen bei der für die Fläche zuständigen Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) eine Absage, später dann doch eine Zusage für eine entsprechende Nutzung bekommen – aber nur für eine Dauer von zwei Jahren. „Zwei Jahre bringen uns nichts“, sagt Allgaier, „wir müssen doch davon ausgehen, dass wir Geflüchtete über mehrere Jahre hinweg unterbringen müssen.“
Wie unbefriedigend die Kommunikation bis zu diesem Ergebnis war, schilderte Allgaier Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) in einem pointierten Schreiben. So habe, als es endlich zu einem Besichtigungstermin für das Gelände gekommen sei, der Bima-Vertreter weder einen Schlüssel für das auf dem Areal stehende Gebäude gehabt, noch habe jemand eine Auskunft zu einer möglichen Nutzungsdauer geben können. „Das Beispiel zeigt leider: Zwischen den Ankündigungen des Bundes, den Kommunen bei der Flüchtlingsunterbringung zügig und unkompliziert zu helfen, und der tatsächlich in der Praxis geleisteten Unterstützung liegen Welten“, schrieb Allgaier an Faeser.
Die große Suche nach Platz
W&W und Geflüchtete
Die W&W-Gruppe vermietet seit Sommer 2022 der Gemeinde Oberstenfeld ihr ehemaliges Schulungszentrum in Gronau als Unterkunft – zum symbolischen Mietpreis von einem Euro pro Quadratmeter. Betrieben wird sie von der Kommune. „50 Menschen aus der Ukraine leben dort“, sagt Bürgermeister Markus Kleemann. Es funktioniere gut, „weil wir uns sehr engagieren.“ Über das Entgegenkommen von W&W beim Mietpreis sei die Kommune froh: „Das Geld können wir an anderer Stelle einsetzen“, so Kleemann.
Suche unter Hochdruck
Der Landkreis arbeitetet mit Hochdruck am Ausbau der Unterkunftskapazitäten, ist ständig in Gesprächen mit potenziellen Vermietern, redet mit Eigentümern leer stehender Bürogebäude, verfolgt den Immobilienmarkt, ist in Kontakt mit Bauträgern und Kommunen wegen freier Grundstücke, sucht ungenutzte Flächen oder Gebäude, die umgenutzt werden können
Viele Menschen aus der Ukraine
Bisher wurden im Landkreis 7414 Geflüchtete aus der Ukraine registriert, die privat, kommunal oder vorläufig durch den Landkreis untergebracht sind. In den Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises sind darüber hinaus noch rund 2100 weitere Geflüchtete aus Drittstaaten untergebracht. Städte und Gemeinde bringen ihrerseits Geflüchtete in ihren kommunalen Einrichtungen unter.