Schöckingen ist ein ausgezeichneter Ort: 1998 erhielt er die Goldmedaille im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“. Foto: factum/Bach

Was macht einen funktionierenden Ort aus, in dem die Bürger gerne leben? Während Politiker in immer größerem Kontext denken, identifizieren sich die Menschen vor allem mit ihrem direkten Umfeld. Das zwingt auch die Politik zum Handeln.

Ditzingen - Alleine geht’s nicht, aber miteinander auch nicht. Und doch soll Schöckingen lebenswert bleiben. Der kleinste Ditzinger Stadtteil befindet sich in einer Situation, die exemplarisch ist. Exemplarisch für Städte, die bei der Gemeindereform in den 1970er Jahren durch den Zusammenschluss mehrerer Dörfer entstanden sind. Die 1800 Schöckinger etwa leben in ihren Vereinen, doch wie vielerorts fehlt auch dort der Nachwuchs. Was wäre naheliegender, als in dieser Situation auf den Verein im Nachbarort zuzugehen, zu kooperieren, sich gar zusammenzuschließen? Nicht mit uns, schallt es aber jenen, die den Anstoß dazu geben, regelmäßig entgegen.

Was über Jahrhunderte gelebt worden war, wird nämlich immer noch tradiert – oder aber bewusst gelebt in einer Zeit, die von Globalisierung geprägt ist und in der die Politik geneigt ist, in eher großen als kleinen Zusammenhängen zu agieren: ob interkommunal oder gleich regional.

Schöckingen ist kein Einzelfall

Ob sich die Menschen also bewusst oder unbewusst auf ihr unmittelbares Lebensumfeld konzentrieren, sei dahin gestellt. Der Schöckinger Ortsvorsteher Michael Schmid zog daraus jedenfalls seine Konsequenzen. Ein Weiter so sollte es nicht geben. Er kontaktierte Martina Bährle in der Ditzinger Stadtverwaltung. Bährle ist für das Bürgerschaftliche Engagement zuständig. Die Idee zum „Schöckinger Werkstatt-Tag“ entstand. Die Schöckinger sind eingeladen, am 13. Oktober neue Ideen für ihren Ort zu entwickeln. „Die klassische Vereinsarbeit tut sich schwer“, sagt Schmid über einen Ortsteil, der seine dörflichen Strukturen – und damit auch die Dorfgemeinschaft – bewahrt hat.

Schöckingen ist kein Einzelfall: Der Liederkranz im Ortsteil Aldingen werde sich zum Jahresende auflösen, sagt die Sprecherin der Stadt Remseck, Gudrun Fretwurst. Die Große Kreisstadt ist ebenso wie Ditzingen oder Vaihingen/Enz eine Reformkommune. Andere Vereine wie der VDK arbeiten in Remseck hingegen längst stadtteilübergreifend. „Die Stadt möchte gewachsene Strukturen bewahren, weil sie identitätsstiftend sind“, sagt Fretwurst. Die Bürger des Stadtteils Hochdorf etwa haben jetzt erst die Schlossgartenanlage in ihrem Ortsteil entwickelt und gestaltet.

Andererseits hat die Verwaltung der Gesamtstadt aber eben auch darauf zu achten, dass die Teile weiter zusammenwachsen. Vaihingen/Enz will nach eigenen Angaben in diesem Sinne die Gartenschau nutzen. Die Stadt wird die Schau 2029 ausrichten.

Die Remsecker hingegen bauen bereits ihre Neue Mitte. Sie soll auch sichtbar die Stadtteile zusammenführen. Dann werde es auch einen zentralen Marktplatz geben, heißt es dazu im Rathaus.

Ein „sowohl als auch“ prägt das Handeln

Der Remsecker Oberbürgermeister Dirk Schönberger hält sowohl das ortsteilbezogene als auch gesamtstädtische Handeln für notwendig. Der Schöckinger Ortsvorsteher sieht darin ebenfalls keinen Widerspruch. Schmid gehört für die Freien Wähler zugleich dem Gemeinderat an, einem Gremium also, das der Gesamtstadt verpflichtet ist. Als Ortsvorsteher macht er kein Hehl daraus, dass er gesamtstädtisch agieren würde, wäre dies von den Bürgern gewollt. Aber letztlich sei entscheidend darauf zu reagieren, wo – in welchem Umfeld, in welchen Strukturen sich die Menschen einbrächten. Denn das, so der Ortsvorsteher, sei für eine funktionierende Gesellschaft elementar. „Die Identifikation mit der Gesamtstadt gibt es nicht in allen Bereichen“, lautet Martina Bährles Erfahrung. Neubürger beispielsweise identifizierten sich zunächst nur mit dem Teilort.

In großen Städten funktioniert die Identifikation gar nur über das einzelne Quartier. Die Politik hat inzwischen darauf reagiert – und zig identitätsstiftende Förderprogramme aufgelegt.

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