Das Einkaufszentrum in Böblingen soll abgerissen werden für ein modernes Stadtquartier. Foto: /Stefanie Schlecht

An Stelle des Einkaufszentrums (EKZ) in Böblingen sollen Wohnungen, Einzelhandel und Büroräume entstehen. Viele Mieter sind bereits ausgezogen, für die verbleibenden Mieter ist die Zukunft ungewiss.

„Wann wir hier rausmüssen? Das weiß Gott!“, sagt ein junger Verkäufer in einem Geschäft für ausländische Spezialitäten im Böblinger Einkaufszentrum (EKZ) an der Wolfgang-Brumme-Allee. Doch vielleicht nicht nur Gott. Fragt man die Böblinger Baugesellschaft (BBG), dann hat sie schon recht klare Vorstellungen davon, was dort anstelle der Shopping Mall aus dem Jahr 1967 gebaut werden könnte. Aber auch die BBG muss auf höhere Instanzen warten. Der Gemeinderat hat noch nicht entschieden, ob er den Entwurf der Baugesellschaft umsetzt und dafür das Planungsrecht schafft.

 

Peter Lausch, Pressesprecher der Stadt, sagt: „Derzeit gibt es hierzu nichts Neues.“ Es lasse sich momentan auch nicht sagen, wann in dieser Angelegenheit Neuigkeiten zu vermelden seien.

So könnte das neue Quartier an der Wolfgang-Brumme-Allee aussehen. Foto: ARP-Architekten

Der Stand der Dinge ist also tatsächlich nur ein Entwurf der ARP Architekten-Partnerschaft Stuttgart. Diesem Entwurf nach will die BBG das Einkaufszentrum in den nächsten Jahren abreißen und das rund 9400 Quadratmeter große Areal mit mehreren neuen Gebäuden aufwerten.

Mühlbach könnte freigelegt und renaturiert werden

Ein Bauteil entlang der Wolfgang-Brumme-Allee bekommt großflächigen Einzelhandel, ein Baukörper an der Ecke Wolfgang-Brumme-Allee/Friedrich-List-Straße ist für Büros vorgesehen, dazu gibt es mehrere Stadthäuser mit Wohnungen als Übergang zu Grünflächen entlang der Mühlbachstraße, die künftig ein urbanes Naherholungsgebiet darstellen. Hier soll der Mühlbach freigelegt und renaturiert werden.

Zur Verbesserung der Wohn- und Aufenthaltsqualität werden große Teile des Areals begrünt. Eine neue Passage nimmt den Durchgang des gegenüberliegenden Quartiers Pulse auf und führt ihn bis zur Mühlbachstraße fort. In die Bürogebäude sollen Teile der Stadtverwaltung einziehen. Insgesamt sind im neuen Quartier rund 155 Wohnungen geplant. Zusätzlich soll es eine Kita und einen Quartierstreff geben.

Viele Geschäfte sind verwaist

Viele der Geschäfte und Restaurants im einst schicken Böblinger Einkaufszentrum sind inzwischen verwaist. Obwohl ihre Zukunft ungewiss ist, sind aber noch immer Einzelhändler und Dienstleister vor Ort. Während die einen auf Gott vertrauen, hat beispielsweise der Eigentümer des Barber Shops „The Billion“, Ugur Cicek, bereits den Plan gefasst, in Böblingen an anderer Stelle neu zu eröffnen, wenn das Einkaufszentrum für immer schließt.

Auch Thorsten Bode, der zusammen mit seiner Schwester Anke Bode-Pickenhahn dort die Tanzschule Bode führt, will sein Unternehmen nicht aufgeben. „Wenn der Abriss beschlossen ist, dann werden wir neu verhandeln“, sagt Thorsten Bode. „Wenn wir ein gutes Angebot bekommen, dann könnten wir uns auch vorstellen, Böblingen zu verlassen.“

Eine Strategie, die Iris Neumann vom Fitness-Studio Bananas nicht mehr verfolgt. Sie führt das Studio zusammen mit ihrer Familie seit 1988. In all den Jahren hat das Studio bereits mehrfach den Standort innerhalb Böblingens gewechselt, doch der Standort an der Wolfgang-Brumme-Allee sei „hervorragend zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar, was ihn besonders attraktiv für die Bevölkerung der Innenstadt von Böblingen macht“, sagt ihr Mann Peter Neumann. Iris Neumann hofft, das Gebäude möge noch mindestens fünf Jahre stehen bleiben, denn erst dann steht dem Paar der wohlverdiente Ruhestand bevor.

„Ich kämpfe bis zuletzt“

„Ich kämpfe bis zuletzt“, sagt dagegen Max Nowak, der Inhaber des Reformhauses Klett, der das Unternehmen in dritter Generation führt. Nowak ist nicht nur ein leidenschaftlicher Einzelhändler, sondern auch ein Mann mit politischem Einfluss als Mitglied der Freien Wähler in Böblingen. Für ihn wäre der Abriss nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine ökologische Katastrophe. Die Bausubstanz des Gebäudes sei so gut, dass es noch viele Jahrzehnte überdauern könne. Es sollte lieber renoviert und aufgestockt werden. Das Gebäude einfach abzureißen, wäre für ihn eine sinnlose Verschwendung von Energie und Rohstoffen. Und sollte das passieren, dann würde der 66-Jährige sein Traditionsgeschäft schließen. Für einen Neuanfang an anderer Stelle fehlen ihm die Kraft und das Kapital.

Mehr als 30 Eigentümer

Die vielschichtige Eigentümerschaft des EKZ bedeutete für die BBG eine große organisatorische Herausforderung. Nach dem Erwerb bei einer Zwangsversteigerung im Jahr 2018 waren das rund 30 weitere Teileigentümer, die es unter einen Hut zu bringen galt. Der ursprünglich sehr lang laufende Vertrag mit der Tankstelle etwa konnte mit neuen Laufzeiten neu abgeschlossen werden. Da das EKZ in einem Sanierungsgebiet liege, „unterliegen Mietverträge ohnehin der Genehmigung und können immer nur sehr kurz laufend vereinbart und abgeschlossen werden“, teilt Karin Lebherz, die Pressesprecherin der BBG, mit.

Um wirtschaftlich bauen zu können, formuliert Rainer Ganske, der Chef der BBG, unter anderem folgende Voraussetzungen: Das Grundstück müsse sinnvoll nutzbar sein und man brauche eine gute Ausnutzung des Grundstücks mit mindestens drei bis vier Geschossen. Darüber hinaus hänge die Wirtschaftlichkeit auch von vielen anderen Faktoren ab, wie etwa rechtlichen und energetischen Vorgaben, so der Geschäftsführer der Baugesellschaft.

Wenn der Beschluss des Böblinger Gemeinderates gefasst sein wird, und er sich für den Plan der BBG entscheidet, dann dauert es in der Regel noch ein Jahr, bis der Bebauungsplan aufgestellt, ausgelegt, geprüft und rechtsgültig wird. Erst dann werden die Bagger anrücken. Von diesem Zeitpunkt an, schätzt die BBG, wird es ungefähr vier Jahre dauern vom Abbruch des alten Betonriegels bis zur Eröffnung des neuen Stadtquartiers. Dann würde dem Pulse auf der westlichen Seite der Wolfgang-Brumme-Allee ein gleichwertiges Bauwerk auf der östlichen Seite gegenüberstehen.

Eine der ersten Shopping Malls im Süden

Bau
 Im Architekturführer des Baudezernats Böblingen „Architektur und Stadtplanung in Böblingen“ aus dem Jahre 2003 ist das Einkaufszentrum genauer beschrieben. Nach dem Vorbild amerikanischer Shopping-Center wurde auf einer freigehaltenen Innenstadtfläche eines der ersten Kaufzentren Süddeutschlands erbaut. In einer Mischung von kleineren und größeren Gesellschaften wurden rund 25 000 Quadratmeter Verkaufsfläche errichtet, die Böblingen zu einer Einkaufsstadt für das Umland werden ließ. Mit der Entscheidung, das Erdgeschoss für Parkierung und Anlieferung zu nutzen, wurden die Verkaufsflächen den Obergeschossen zugeordnet und über eine Passage erschlossen.

Bauherren
 Die Architekten waren das Büro Aumüller, Böblingen, und das Büro Kölsch aus Essen. Die Bauherren waren die Firmen Hertie und Krauß sowie einige andere Eigentümer. Die Bauzeit betrug zwei Jahre von 1965 bis 1967.