Ein Bild, das der Vergangenheit geweiht ist: eine dunkle Unterführung, die es in Zukunft womöglich nicht mehr geben wird, mit einer Rolltreppe, die seit Jahren nicht mehr fährt, und das Nürk-Areal im Hintergrund, das neu geplant wird – wie auch die Straßenführung. Foto: Roberto Bulgrin

Die Pliensauvorstadt befindet sich schon seit über einem Jahrzehnt in einem großen Wandel. Jetzt stehen weitere große Veränderungen bevor. Wie geht die Bevölkerung damit um? Und wie begleitet das Rathaus den Stadtteil?

Ursprünglich sollte die Veranstaltung in einem kleineren Saal stattfinden, aber das Interesse aus der Pliensauvorstadt war deutlich größer als erwartet. Es geht auch nicht gerade um wenig: Kaum ein Stadtteil veränderte sich in der vergangenen Zeit so rasant wie dieser. Die Pliensauvorstadt wird voraussichtlich in einigen Jahren rund 30 Prozent mehr Einwohner haben als zu Beginn der 2000er Jahre. Das weckt Aufmerksamkeit, das schürt aber auch Ängste. Um darüber zu sprechen, hatte die Stadt zu einer öffentlichen Veranstaltung geladen.

 

Mehr als 100 Menschen kamen am Mittwochabend ins Kulturzentrum Dieselstraße. Im Saal des Bürgerhauses, dem ursprünglichen Veranstaltungsort, hätten nur 60 Besucher Platz gefunden. Einer, der schon seit langer Zeit über die Geschicke des Stadtteils nachdenkt, ist Andreas Jacobson. Seit 2012 ist er Mitglied im Bürgerausschuss, seit 2018 Vorsitzender des Stadtteilgremiums.

Unkontrolliertes Wachstum

Jacobson findet, dass die rasante Entwicklung der Pliensauvorstadt auf eine gewisse Art und Weise unkontrolliert abläuft. Denn das Wachstum hat Folgen: Die Infrastruktur – Gesundheitsdienste, Einkaufsmöglichkeiten, Freizeitangebote, Schulen, Kitas und vieles mehr – darf bei einer solchen Entwicklung nicht stehen bleiben, wenn es nicht zu Verwerfungen kommen soll. Daher setzt sich der Bürgerausschuss seit mehr als zehn Jahren für ein Gesamtkonzept ein, das diese dynamische Entwicklung steuert. Diesem Ziel sieht sich Jacobson jetzt einen großen Schritt näher: „Zu unserer großen Freude ist das ISEK vom Gemeinderat beschlossen worden.“

Dass es dazu kam, sieht Jacobson auch als ein Verdienst des Bürgerausschusses an. Die vier Buchstaben ISEK stehen für „integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept“, womit nichts anderes als die Gesamtschau auf die Entwicklung gemeint ist. „Ein ISEK dient dazu, den Stadtteil strategischer auszurichten und noch stärker im Sinne der Menschen zu gestalten“, so die Definition der Stadtverwaltung. Eben deshalb trafen sich Stadtverwaltung und Bürger in der Dieselstraße: Hier nahm dieser Prozess am Mittwochabend seinen Anfang. Ein klassischer Kick-off also, wie es im Marketingdeutsch heißt. Baubürgermeister Hans-Georg Sigel: „Die Pliensauvorstadt verdient jede Chance, gehört zu werden. Wir beginnen den Prozess mit einer Stadtteilbefragung und wünschen uns hierbei eine rege Beteiligung der Bürgerschaft, damit wir die relevanten Themen im weiteren Prozess berücksichtigen können.“ Nach der Bürgerbefragung sind Workshops mit der Bürgerschaft geplant. Im letzten Schritt sollen sogenannte Fokusgruppen einzelne Themen vertiefen.

Das klingt abstrakt, und es wäre nicht das erste Projekt, das in der Absichtserklärung hängen bleibt. Doch Sigel ist sich sicher, wenn erst einmal die Fokusgruppen installiert worden sind, „ist das der Punkt, an dem es konkret wird“. Im April und Mai soll die repräsentative Befragung über die Bühne gehen, im Herbst die Themen- oder auch Fokusgruppen ins Arbeiten kommen. Der ganze Prozess bis hin zu konkreten Ergebnissen, Planungen und Fördermittelanträgen dürfte sich allerdings sehr viel länger bis ins Jahr 2024 ziehen. Fachlich begleitet wird der Prozess von einem Beratungsbüro aus Stuttgart. Als Referenzen gibt Reschl Stadtentwicklung unter anderem ein Gesamtkonzept für die Innenstadt von Dornstetten im Schwarzwald und einen Gemeindeentwicklungsplan in Obersulm (Landkreis Heilbronn) an. Letzterer ist insofern interessant, als da auch diese Gemeinde mit ihren inzwischen 14 000 Einwohnern sehr stark gewachsen ist in den vergangenen Jahren. Bei der Gesamtbetrachtung, wie sie das ISEK anstrebt, werden neben baulichen auch soziale und ökologische Faktoren betrachtet.

Es wird also weiterhin etwas passieren in dem Stadtteil, der den Makel der Vorstadt sogar im Namen trägt. Die Pliensauvorstadt hatte zumindest im vergangenen Jahrhundert nicht den besten Ruf, hat aber im Verlauf der letzten Jahrzehnte an Renommee gewonnen. Das hat auch mit dem Bau der Grünen Höfe zu tun. Hinter dem prosaischen Namen stehen energieeffiziente Eigentumswohnungen. Die Häuser haben den Luxus, relativ viel begrünten Abstand zueinander zu haben. Etwa 600 Menschen mit gutem und sicherem Einkommen wurden in den 2010er Jahren in die Häuser der Pliensauvorstadt gelockt. Nicht wenige von ihnen dürften auf der ISEK-Auftaktveranstaltung in der Dieselstraße dabei gewesen sein.

Die Pliensauvorstadt

Wandel
Die Pliensauvorstadt ist schneller als andere Stadtteile gewachsen, hat einen überdurchschnittlichen Migrantenanteil sowie einen verhältnismäßig hohen Kinderanteil. Lange Zeit galt sie auch als weniger gut betucht. Durch das geförderte Projekt „Soziale Stadt“ veränderte sich viel, soziale Einrichtungen wurde angesiedelt, eine Art Mitte bebaut, einzelne Straßenzüge gentrifiziert. Nun stehen weitere große Veränderungen an, die Bebauungspläne liegen teilweise schon in den Schubladen der Investoren. Mit ISEK, dem integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzept, wird das Projekt „Soziale Stadt“ nun weitergeführt.  

Baustellen
Vier große Wohnungsbaustellen warten auf den Stadtteil, der knapp 7000 Einwohner hat. Mit den neuen Wohnungen könnte die Bevölkerung des Stadtteils noch einmal in kürzester Zeit um eine vierstellige Zahl wachsen. Gebaut wird unter anderem auf dem Nürk-Areal und dem Gelände des VFL Post.