Der evangelischen Pauluskirche in Stuttgart-West droht das Aus. Die Debatte vor Ort wird schärfer. Zur Gemeindeversammlung am 27. September will auch Stadtdekan Søren Schwesig kommen.
Das Banner an der Pauluskirche in Stuttgart-West formuliert spitz: „Noch fünf Mal Weihnachten, dann ist hier Schluss!“. Sorge wird spürbar – Sorge über einen Beschluss des Gesamtkirchengemeinderates vom 30. Juni. Danach finanziert die Gesamtkirche Stuttgart wohl unmittelbare notwendige Sanierungsarbeiten an den Stützen der Pauluskirche im Stuttgarter Westen, nicht aber die Gesamtsanierung von Kirche und Gemeindezentrum des größten Standortes der Kirchengemeinde Stuttgart-West. Für diesen Mittwoch hat die Kirchengemeinde Stuttgart-West zur Gemeindeversammlung eingeladen. Beginn in der Pauluskirche ist um 19 Uhr. Mit dabei ist dann auch der evangelische Stadtdekan Søren Schwesig. Vorab skizziert er die Position der Gesamtkirche.
Herr Schwesig, die Entscheidung zum Gesamtareal Pauluskirche im Juni fiel in einen Windschatten-Zeitraum. Ein „Aufschrei“ blieb bisher aus, formiert sich jedoch spürbar. Wie sehen Sie die aktuelle Lage?
Es spricht für die Lebendigkeit der Kirchengemeinde, dass Menschen sich für den Erhalt der Pauluskirche einsetzen. Ich hätte es als seltsam empfunden, wenn eine solche Zukunftsentscheidung bekannt gegeben worden wäre und sich keine Stimmen dagegen erhoben hätten.
Was erhoffen Sie sich Ihrerseits von dem Forum am 27. September?
Zum einen geht es darum, genauer zu informieren sowie Missverständnisse auszuräumen. Die Gemeindemitglieder können Rückfragen stellen und es soll Raum sein, Enttäuschung und Ärger zu artikulieren.
Gefragt sind parallel ja bereits „Ideen für eine Nachnutzung“. Ist dies nicht fast schon provokant?
Die Gesamtkirchengemeinde Stuttgart als Gebäudeeigentümerin hat erklärt, keine finanziellen Mittel mehr bereit zu stellen. Sie hat nicht entschieden, dass kein Gemeindeleben und kein Gottesdienst mehr in den Räumlichkeiten stattfinden kann. Die Gemeinde ist vielmehr gebeten, über eine künftige Nutzung nachzudenken. Finden sich etwa Menschen oder Einrichtungen, die eigene Nutzungspläne für das Gebäude haben, die aber daneben auch weiterhin Gemeindearbeit und Gottesdienst möglich machen würden? Die Gemeinde ist also aufgefordert, sich frühzeitig aktiv an diesem Prozess zu beteiligen. Dies sehe ich als Gestaltungschance für die Kirchengemeinde.
Die maroden Stahlträger an der Kirche waren schon lange auffällig. Weshalb hat man diese nie saniert?
Die Risse an den Stützen der Pauluskirche sind bereits seit längerer Zeit bekannt. Es handelt sich bei Rissen in Sichtbetonflächen und -bauteilen an Gebäuden dieser Bauzeit um ein häufiges Phänomen. Seit mehreren Jahren war deshalb eine Sanierung der Stützen anvisiert. Das tatsächliche Ausmaß der Schäden wurde erst durch weitergehende Untersuchungen und Bauteilöffnungen sichtbar, da die für die Funktion der Stützen relevanten Schäden sich im nicht einsehbaren Bereich befinden. Daraufhin wurde umgehend ein Statiker hinzugezogen, der die Einordnung der Schäden auf die statische Funktion der Stützen vorgenommen hat. Erst nach dieser Untersuchung konnte festgestellt werden, dass die Metallbewährung der Stützen ihre Funktion nicht mehr erfüllt.
Konnte es wirklich nicht schneller gehen?
Ein früheres Handeln war nicht möglich, da der äußere Eindruck der Schäden nicht die Tragweite der Auswirkung auf die Statik erkennen ließ.
In den vergangenen zehn Jahren ging es in Paulus viel um die Orgel. Zu viel? Hat man die vielen anderen „Baustellen“ darüber vernachlässigt?
Die Thematik der Orgel liegt nicht im Zuständigkeitsbereich der Gesamtkirchengemeinde, sondern bei der Ortsgemeinde. Zwischen beiden Themen gibt es keinen sachlichen Zusammenhang.
Gibt es eine Schätzung zu den möglichen Gesamtkosten einer Generalsanierung von Paulus?
Die Sanierung der Stützen wird voraussichtlich ungefähr 800 000 Euro kosten. Dieser Betrag wird nun investiert, um die Standsicherheit zu gewährleisten. Alleine für die Sanierung des Dachs und des Turms kämen in den Folgejahren nochmals gut 1,5 Millionen Euro hinzu. Alle weiteren Sanierungsmaßnahmen wie zum Beispiel energetische Maßnahmen, Barrierefreiheit, Haustechnik, die langfristig anstehen würden, sind hier nicht einberechnet.
Inzwischen hängen Banner – „Noch 5 x Weihnachten – dann ist hier Schluss!“. Wie fühlt sich das an, in dieser Weise am „eigenen Haus“ angesprochen zu werden?
Das Banner weist auf die Gemeindeversammlung hin. Das finde ich gut. Irreführend finde ich die Aussage „dann ist hier Schluss“. Ob eine weitere gemeindliche Nutzung des Gebäudes möglich ist, auch wenn die Gesamtkirchengemeinde keine weiteren Finanzen dazu geben wird – darüber soll sich nun die Kirchengemeinde vor Ort Gedanken machen.