Unerschrocken: Stadtdekan Christian Hermes Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stadtdekan Christian Hermes drängt im Interview auf vorbildliche Standards beim Kinderschutz in der katholischen Kirche. Doch wie bewertet er den Missbrauchsgipfel?

Stuttgart - Papst Franziskus hat bei dem Missbrauchsgipfel im Februar die „Abscheulichkeit“ des sexuellen Missbrauchs verurteilt. Konkrete Maßnahmen benannte er zum Ärger von Opfern zunächst aber nicht. Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes kann die Kritik verstehen, sieht die Kirche jedoch auf dem richtigen Weg. Mit dem Thema Missbrauch befasst sich auch die Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz in Lingen im Emsland, die am Montag began.

Herr Hermes, der Missbrauchsgipfel in Rom ist nun knapp zwei Wochen her. Wie haben Sie den Ausgang erlebt?

In dieser komplexen und erhitzten Lage war dieser Gipfel wichtig. Viele haben jedoch zu viel davon erwartet. Dabei war schon vorher klar, dass sich die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen nur reflektiert austauschen können. Daher waren meine Erwartungen nicht groß.

Verstehen Sie die Enttäuschung der Menschen?

Ja, weil man teilweise selbst den Druck erzeugt hat, den man jetzt beklagt.

Was sind positive Ergebnisse?

Dass das Thema Kinderschutz jetzt unumstößlich auf der Agenda der Weltkirche steht. Der päpstliche Kinderschutzbeauftragte Pater Zollner macht eine sehr gute Arbeit. Viele seiner Forderungen setzen wir in der Diözese und im Stadtdekanat schon um. Gut fand ich auch, dass es jetzt nicht nur um eine moralische Umkehr geht, sondern um die Veränderung von Strukturen.

Wie bewerten Sie die Rolle des Papstes?

Ich war mit seiner Abschlussrede nicht zufrieden. Er hat das Thema in einen irritierenden Kontext gestellt, der zu weit vom Kern weggeführt hat. Irritierend fand ich auch, dass die amerikanischen Bischöfe bereits vergangenes Jahr schärfere Leitlinien einführen wollten, dann aber vom Vatikan zurückgepfiffen wurden, weil man diese Konferenz abwarten müsse.

Missbrauch und die Vertuschung der sexualisierten Gewalt wurde nach Ihrer Meinung möglich, weil das System Kirche versagt hat. Ist dieser Systemfehler behoben?

Er ist noch nicht behoben, aber zunehmend mehr Bischöfe sind der Meinung, dass wir eine unabhängige Verwaltungsgerichtsbarkeit brauchen, einen zentralen Strafgerichtshof der Diözesen, der nicht einem Bischof untersteht. Dann muss man das Thema Gewaltenteilung angehen. Allerdings sehe ich da auch Widersprüche: Man beklagt Klerikalismus und Zentralismus, vertraut aber zu wenig auf die Kompetenz der Ortskirchen.

Wie sind die Reaktionen in Ihrem Dekanat? Gibt es böse Briefe, gar Austritte?

Es gibt zum Beispiel Enttäuschungen darüber, wie beim Gipfel Opfer oder Opfervertreter vorkamen. Sie wurden nicht wirklich integriert in den Ablauf. Austritte sind mir wegen des Gipfels nicht bekannt. Ich glaube, dass viele Katholiken froh sind, dass es jetzt in die richtige Richtung geht.

Was sagen Sie diesen Menschen?

Dass wir noch einen längeren Weg vor uns haben. Das hat auch das grässliche und ekelhafte Thema des Missbrauchs von Ordensfrauen deutlich gemacht, das ja schon lange bekannt ist. Die weiblichen Orden dürfen jetzt nicht mehr locker lassen. Für mich sind die Ordensfrauen die Schlüsselpersonen, die die Frage des Umgangs der Kirche mit Frauen insgesamt weiterbringen können.

Greift der Schaden des bisherigen Umgangs mit dem Thema Missbrauch etwa noch tiefer als die eigentliche Ursache?

Das Pressecho fand ich zum Teil sehr ungerecht. Ich verstehe aber die Ungeduld oder sogar Verbitterung. Aber wir dürfen uns jetzt nicht verrückt machen lassen, sondern Schritt für Schritt das Richtige tun.

Auf dem Boulevard wird die Kirche derzeit massiv angegangen. Was halten Sie davon?

Auch damit müssen wir professionell umgehen. Grundsätzlich ist es gut, dass wir jetzt eine kritische Öffentlichkeit haben, die uns mit knallender Peitsche vorantreibt. Es ist verdient, weil große Teile der Kirche in sträflicher Weise versagt haben. Daher tut es jetzt weh, aber es geschieht uns Recht. Kritischer Journalismus ist heilsam – und daher bezahle ich übrigens auch gerne Geld für ein Zeitungs-Abo. Kurzum: Die Kritik muss uns anspornen.

Zu was?

Dass man über uns sagen kann: Die katholische Kirche hat vorbildliche Standards in Sachen Kinderschutz.

All das setzt die katholische Kirche noch stärker unter öffentlichen Druck. Schadet das eher den Reformbemühungen im Hinblick auf den Zölibat oder die Rolle der Frau in der Kirche?

Leider reagieren einige auf den öffentlichen Druck auch mit Abschottung. Aber diese Reaktion wäre der Weg in die Versektung. Natürlich sagen jetzt manche: das Thema Kinderschutz wird als Vehikel für andere Themen benutzt. Das ist blanker Unsinn. Über die Zulassung von Frauen zum Amt oder den Zölibat wird schon ziemlich lange diskutiert. Diese Themen kann man nicht durch obrigkeitliche Ansage vom Tisch wischen. Ich könnte so einen Weg nicht mitgehen. Da wäre ich nicht mehr dabei.

Braucht die katholische Kirche eine grundlegende Reformation? Braucht Ihre Kirche einen Martin Luther?

Fantasien, dass jetzt irgendein Held auf die Bühne tritt und alles umkrempelt, halte ich für wirklichkeitsfremd. Genauso unsinnig ist es, zu glauben, dass jetzt alles vom Papst kommen muss. Wir müssen alle, jeder an seinem Ort, eine guten Job machen. Genau das versuchen wir hier in Stuttgart.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: