Die Frau wählt drastische Worte, bezieht sich aber allein auf die Öffnungszeiten der Stadtbücherei. Foto: Tiktok: @azraarts7 / Roberto Bulgrin

Esslingen sei eine tote Stadt, sagt eine junge Frau auf der Social-Media-Plattform Tiktok. Das Video wird tausendfach geherzt. Was stört sie?

Es ist eine harte Aussage, mit der die junge Frau ihr Video auf der Social-Media-Plattform Tiktok beginnt: „Wieso redet keiner darüber, dass Esslingen einfach die toteste Stadt ist?“, sagt sie wörtlich und verrät kurz darauf den Grund ihres Frustes. Nicht etwa zu wenig attraktive Ausgehmöglichkeiten oder coole Läden ärgern die Tiktokerin, die angibt, Azra zu heißen.

 

„Es ist Montag. Unsere Stadtbücherei hat montags geschlossen. Ich überlege ungelogen seit zwei Stunden, zu welcher Bibliothek ich gehen soll, um zu lernen“, sagt Azra. Im Hintergrund dudelt die Melodie von Chopins „Nocturne No.2“. Zuhause könne sie sich nicht immer gut konzentrieren, dabei sei gerade Prüfungsphase. Ein Problem. Denn nach Stuttgart will sie nicht – „kommt mir nicht mit diesen 0815-Spots“. Die dortige Stadtbibliothek am Mailänder Platz sei weder gemütlich – „ich brauche warme Farben ... die ganze Bibliothek ist weiß, nur die Bücher sind bunt“ – noch ruhig genug.

@azraarts7 seit 8. Klasse reg ich mich darüber auf 🥀 #fy #esslingen #bücherrei #stuttgart #lernen ♬ [Nocturne No. 2] Piano Chopin(155315) - racoa_production

Ihre knapp einminütige Tirade endet mit den Worten: „Welcher Mensch kommt auf die Idee, montags die Bibliothek zu schließen, Junge. Wird wohl heute nichts mehr.“ Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wurde der Clip knapp 2700 Mal mit „Gefällt mir“ markiert und 40 000 Mal aufgerufen. In den rund 170 Kommentaren pflichten ihr viele Userinnen und User bei. „Stand schon zwei Mal montags vor der Bücherei“, steht dort unter anderem. Und: „Ohne Spaß, ich gehe deswegen immer in andere Städte.“

Warum hat die Stadtbücherei Esslingen montags geschlossen?

Doch auch die bekommen ihr Fett weg. „Plochingen ist die toteste Stadt“, schreibt ein User, ein anderer nimmt Kirchheim mit ins Rennen. Die Büchereifrage, die Azra aufwirft, ist indes gar nicht so verkehrt. Vermutlich ungewollt hat die Tiktokerin ein größeres Problem angesprochen, mit dem die Stadtbücherei schon länger zu kämpfen hat.

Die Regelung, dass die Bibliothek nicht nur sonntags, sondern auch montags geschlossen hat, bestehe nämlich schon seit vielen Jahren, sagt Alexa Heyder, Leiterin des Esslinger Kulturamts. „Hintergrund sind die insgesamt sehr personalintensiven Öffnungszeiten: Um an den übrigen Tagen ein breites und verlässliches Angebot sicherzustellen, reichen die vorhandenen personellen Ressourcen derzeit nicht aus, um zusätzlich montags zu öffnen.“ Dabei gebe es eine sehr hohe Nachfrage an Lern- und Arbeitsplätzen in der Bücherei. An vielen Tagen seien diese stark ausgelastet und „reichen aus unserer Sicht oft nicht aus, um allen Bedürfnissen gerecht zu werden.“

Für Studierende gibt es an der Esslinger Hochschule Lernmöglichkeiten. Foto: Roberto Bulgrin

Bleibt Esslingens Bücherei in der Heugasse – oder zieht sie ins Kögel-Haus?

Für Studierende gibt es zumindest Ausweichmöglichkeiten in der Esslinger Hochschule. „Am Campus Stadtmitte empfehlen wir Gebäude 5 und 8. Dort gibt es Lernplätze und auch eine neu eingerichtete Lernlounge. Am Campus Flandernstraße und Campus Göppingen stehen sowohl die Bibliotheken als auch verschiedene Plätze in den Gebäuden zur Verfügung“, heißt es auf Nachfrage. Allerdings profitieren davon ausschließlich Studierende. Schülerinnen und Schüler oder andere lernwillige Menschen müssen sich anderswo umschauen.

Ein Tiktok-User unter Azras Video weist derweil auf ein weiteres, verwandtes Thema hin: „Die Bibliothek in Esslingen hat gerade andere Probleme. Thema Bürgerentscheid im März“, kommentiert er nüchtern. Genauer gesagt am 8. März dürfen die Esslingerinnen und Esslinger über den künftigen Standort ihrer Stadtbücherei entscheiden – Heugasse oder Kögel-Haus, unabhängig der Öffnungszeiten.