Die Leitstelle der SSB in Stuttgart-Möhringen Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) müssen über den Sommer mangels Fahrern Stadtbahnen ausfallen lassen. Nun erläutert das Unternehmen die Gründe.

Wie konnte es dazu kommen, dass die bisher so zuverlässigen Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) auf einmal mangels Fahrern nicht mehr ihren regulären Fahrplan einhalten können? Anfang der Woche hat das Unternehmen die Notbremse gezogen – allerdings auf eine Art und Weise, die bei vielen Fahrgästen auf Unverständnis stößt: Ohne für die Fahrgäste erkennbares System können bis Ende Juli einzelne Fahrten auf allen Stadtbahnlinien ausfallen.

 

Die SSB haben als Begründung die zusätzlichen Belastungen durch die Sonderline U 21, die Sperrung der Rosensteinbrücke und Bauarbeiten genannt. Doch das sind vor allem Probleme im Neckartal und im Kessel, die man doch eigentlich durch Kürzungen auf Linien wie der U 16, U 19 und der U 34 auffangen wollte. „Aber letztlich hängen das ganze System und alle Betriebshöfe zusammen“, sagt der SSB-Chefdisponent Nils Himmelmann.

Die Krise hat sich rasch zugespitzt Der jetzige Weg sei gewählt worden, da man so schnell wie möglich reagieren wollte. Die Lage habe sich sehr schnell zugespitzt – und man habe nicht viel früher kommunizieren können. Am 26. und 27. Juni sei klar geworden, dass man handeln müsse, so das Unternehmen. Am 28. Juni habe die SSB angekündigt, vermehrt Fahrtausfälle zu verzeichnen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Seit dem 4. Juli bilde man im Voraus die Ausfälle im elektronischen Fahrplan ab.

Warum wird nicht der Takt ausgedünnt? „Warum stellt man nicht einzelne Linien vorübergehend auf einen 15-Minuten-Takt um?“, so fragte Wolfgang Staiger, Sprecher des Fahrtgastbeirats im Verkehrsverbund Stuttgart (VVS), im Gespräch mit unserer Zeitung. Das sei organisatorisch so kurzfristig nicht zu stemmen gewesen, sagt Himmelmann: „Sie müssten dann grundlegend für das ganze System neue Dienstpläne machen“, sagt er. Ein Fahrplanwechsel müsse über Monate vorbereitet werden. Dafür sei diesmal aber keine Zeit gewesen.

Dienstpläne sind nicht völlig flexibel „Sie können Dienstpläne nicht einfach so umwerfen“, bestätigt auch der SSB-Betriebsratschef Platon Karipidis: „Auch unsere Fahrer müssen ihr Leben planen.“ Zudem müsse der Betriebsrat die Möglichkeit haben, die Diensteinteilung vorher zu prüfen. In den Sommerferien soll der Verkehr dann wieder normal laufen. Dafür soll dann die U 16 zwischen Giebel und Fellbach komplett gestrichen werden. Auch die Zusatzlinie U 21 während der DB-Streckensperrung Cannstatt–Waiblingen braucht es dann nicht mehr.

Und warum streicht man die U 16 erst in den Ferien? „Vor den Ferien brauchen wir die Kapazitäten der U 16 noch für den Berufs- und Schülerverkehr“, sagt der SSB-Chefdisponent. Sieben Prozent der Schichten, also 25 Dienste von Fahrern, fallen laut dem Unternehmen zurzeit jeden Tag aus. In ausfallende Fahrten lasse sich das aber nicht so einfach umrechnen. „Fahrerinnen und Fahrer fahren nicht in hundert Prozent ihres Arbeitstags, sie haben zusätzlich noch andere Aufgaben“, sagt Himmelmann. Je nach Linie können die Ausfälle bis Ende Juli unterschiedliche Folgen haben.

Nicht alle Linien gleich betroffen „Wenn Sie als Beispiel einen Langläufer wie die U 12 nehmen, dann heißt es bei einem Zehnminutentakt, dass alle zwei Stunden eine Fahrt ausfällt. Bei kürzeren Umläufen kann es entsprechend häufiger sein“, sagt Himmelmann. Kurze Linien wie die U 3 versuche man zu schonen, weil dort einzelne ausfallende Fahrer den Plan verhageln.

Dennoch ist es nach Beobachtungen von Fahrgästen auch auf der U 3 seit Beginn des ausgedünnten Fahrplans zu Ausfällen gekommen – ausgerechnet auch im Berufsverkehr nach 17 Uhr. Man versuche die Ausfälle eher auf Linien in Kauf zu nehmen, wo es Fahrtalternativen gebe, sagt Himmelmann. Nicht jeder Stadtbahnfahrer fährt aber auf allen Linien. Bestimmte Betriebshöfe haben ihren jeweils eigenen Bereich im Stadtbahnnetz – und so lassen sich kurzfristige Ausfälle etwa durch Krankheiten nicht flexibel über das ganze Netz hinweg ausgleichen.

Einspringen für die Deutsche Bahn Und warum war das nicht absehbar? Bisherige Erfahrungswerte seien in diesem Jahr über den Haufen geworfen worden. Die große Unbekannte bei der Planung war die Entlastungslinie U 21 zwischen Fellbach und Vogelsang, die zur Entlastung der U 1 kurzfristig durch die Streckensperrung der Deutschen Bahn zwischen Bad Cannstatt und Waiblingen notwendig wurde. Während die Bauarbeiten im SSB-Netz und die Sperrung der Stammstrecke der S-Bahn im Sommer langfristig feststanden, kündigte die Deutsche Bahn die Sperrung zwischen Bad Cannstatt und Waiblingen zwischen April und Juli wenige Wochen vorher im März an.

„Die Zeit zwischen den Pfingstferien und September ist die Hauptferienzeit unserer Fahrer. Und dafür werden die Urlaube schon im November des Vorjahrs geplant“, sagt Himmelmann.

Übliche Reserven haben nicht gereicht „Die Reserven, die wir üblicherweise haben, haben nicht mehr gereicht“, sagt er. Den zusätzlichen Personalbedarf wegen umfangreicher Bauarbeiten in den Pfingstferien habe man noch im Griff gehabt. Aber dann hat sich das Problem offenbar schnell aufgeschaukelt. „Wir haben hier eine Belastungsgrenze erreicht“, sagt der SSB-Unternehmensbereichsleiter. Betriebsratschef Karipidis sieht darin aber nicht eine verfehlte Stellenplanung: „Es haben sich auf einmal zu viele Anforderungen gebündelt“, sagt er. Für solche unvorhergesehenen Spitzenbedarfe das Personal vorzuhalten sei nicht vorhersehbar und auch nicht bezahlbar.

Die von einigen Fahrern gegenüber unserer Zeitung beschriebenen chaotischen Zustände, wo teilweise mitten in einer Fahrt die geplante Ablöse nicht da war und die Fahrgäste aussteigen mussten, weil die Stadtbahn aufs nächste Abstellgleis musste, hätten „einzelne Tage“ betroffen, sagt Chefdisponent Himmelmann. „Es hat in der Tat viele Anfragen an Fahrer gegeben, zusätzliche Stunden zu leisten“, sagt der Betriebsratschef Karipidis. „Unsere Fahrerinnen und Fahrer sind an ihren Belastungsgrenzen angekommen, mehr geht nicht.“ Eine Vorhersage, ob das derzeitige Niveau an Fahrten stetig gehalten werden könne, macht Himmelmann nicht: „Ich bin zuversichtlich, dass wir jetzt zumindest eine gewisse Stabilität erreicht haben.“