Thomas Dietz (M.), Leiter der Stadtbahnfahrschule, weist mich ein. SSB-Chef Thomas Moser (l.) beobachtet alles. Foto: Lichtgut/Ferdinando/ Iannone

Die Stadtbahnen der SSB stehen im Ruf, pünktlich und zuverlässig unterwegs zu sein - wenn nicht gerade gestreikt wird. Was muss man tun, um die gelben Fahrzeuge durch den Verkehr zu manövrieren? Ein Selbstversuch. [Archiv]

Der Mann hat seine Augen offensichtlich überall. Ehe ich das Auto überhaupt wahrgenommen habe, wittert Thomas Dietz eine Gefahr, die von dem in die Straße hineinragenden Heck ausgehen könnte. Wir können nicht ausweichen, denn wir sind mit einem Stadtbahnzug der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) in den engen Straßen von Stuttgart-Ost unterwegs. Thomas Dietz ist es gewohnt, für seine Schützlinge mitzudenken. Er leitet die Stadtbahnfahrschule des städtischen Nahverkehrsunternehmens. Heute muss er aber keinen normalen Novizen im Führerstand im Auge behalten, sondern den Schreiber dieser Zeilen – im Berufsalltag Redakteur unserer Zeitung.

 

1000 neue Stadtbahnfahrer in Stuttgart gesucht

Nicht nur die Eisenbahnunternehmen landauf landab unternehmen große Anstrengungen, um Personal für den Führerstand zu gewinnen. Lokführer, früher einmal fester Bestandteil der Karriereplanung kleiner Jungs, droht zum Mangelberuf zu werden. Thomas Moser, Chef der SSB und einziger Passagier bei unserer Rundfahrt durchs Stadtbahnnetz, nennt Zahlen. „Bis 2030 müssen wir 1000 neue Stadtbahnfahrer einstellen.“ Alleine 900 davon ersetzen Kollegen, die in den Ruhestand gehen, weitere 100 sollen den absehbaren Mehrverkehr sicherstellen.

Die „Neuen“ auf ihre Aufgabe vorzubereiten, das ist der Job von Thomas Dietz. Elf Wochen dauert die Ausbildung. Nach den erfolgreichen Prüfungen sind die Fahrerinnen und Fahrer noch unter Aufsicht erfahrener Kollegen unterwegs, dann auf sich alleine gestellt.

Stadtbahn prüft Wachsamkeit des Fahrers

Davon bin ich meilenweit entfernt. Dietz hat mir auf dem SSB-Gelände in Möhringen die grundlegenden Funktionen im Führerstand des Stadtbahnzugs nahegebracht. Erste Erkenntnis: Stadtbahn fährt man mit links. Das ist aber nur auf die Seite bezogen, auf der sich der sogenannte Sollwertgeber befindet. Ein kleiner Hebel mit großer Wirkung: Schiebt man ihn nach vorne, setzt sich der Zug in Bewegung. In der mittleren 0-Stellung rollt die einmal beschleunigte Bahn vor sich hin, ein nach hinten gezogener Hebel bremst das Vorwärtskommen – bis zum Anschlag nach hinten gezogen, ist die Bremswirkung heftig.

"Totmannpedal" in der Stadtbahn

Aber dazu später mehr. Zudem muss ich den Hebel spätestens alle 20 Sekunden nach unten drücken, um dem Fahrzeug zu signalisieren, dass ich noch anwesend und aufmerksam bin. Vergesse ich das, so wie in den ersten Minuten meiner Fahrt eigentlich ständig, ertönt ein durchdringender Ton und erinnert an den Vorgang. Passiert auch daraufhin nichts, bremst der Zug selbstständig bis zum Stillstand. Einem ganz ähnlichen Zweck dient eine Einrichtung, die auf den hübschen Namen „Totmannpedal“ hört. Auf dem ruht während der Fahrt mein linker Fuß und drückt es leicht herab. Täte ich das nicht, würde die Bahn ebenfalls abbremsen.

Temposünder werden eingebremst

Unterdessen sind wir in Vaihingen angekommen, einem Endpunkt im SSB-Netz. Bis hierhin waren wir auf der im Normalfall nur von der U 3 befahrenen Strecke unterwegs. Nun, nachdem wir die Richtung gewechselt haben, geht es via Kaltental hinunter in die Stadt, wo ich im normalen Stadtbahnverkehr mitschwimmen und möglichst keinen Stau hinter mir verursachen soll. Auf der Kaltentaler Abfahrt merkt man deutlich das Gewicht des Zuges. Die mehr als 60 Tonnen schieben ordentlich hangabwärts. Kleine Täfelchen, die mal im Gleisbett stehen und mal an der Oberleitungen hängen (ohne Hinweis von Thomas Dietz natürlich prompt übersehen), zeigen an, wie schnell ich unterwegs sein darf. Das sind keine unverbindlichen Vorschlägen. An vielen Stellen im Netz wird die Einhaltung des Tempolimits technisch überwacht. Wer notorisch zu schnell unterwegs ist, wird automatisch eingebremst.

Kopfhörerträger unter Beobachtung

Wenn die Gleise, so wie jetzt bei der Durchquerung von Heslach, in der Straße liegen, gilt für mich die selbe Geschwindigkeitsbegrenzung wie für die Autos. Mit 30 rolle ich durch die Böblinger Straße – das finde ich angesichts der Enge der Verhältnisse ziemlich flott. Autos parken direkt neben den Schienen, sie können aber auch unvermittelt aus den Querstraßen auftauchen. Fußgänger sind gleichfalls unterwegs. Insbesondere auf die, die Kopfhörer tragen, solle ich aufpassen, sagt Dietz zu mir. Bei denen hilft dann vielleicht die durchdringende Klingel, die ich durch einen Tritt mit dem rechten Fuß auf einen Schalter am Boden des Führerstand auslöse.

Ein wenig später geht es durch die Schlossstraße Richtung Botnang. „Hier haben wir einen unserer Unfallschwerpunkte“, sagt Thomas Dietz, was nicht zu meiner Beruhigung beiträgt. Es gilt, die Autokolonnen, die parallel zu den Gleisen fahren, im Auge zu behalten. Es könnte ja doch der eine oder andere beschließen, spontan abzubiegen. Bei den entgegenkommenden Bahnen erkennt Dietz den einen oder anderen Kollegen im Führerstand, der eigentlich schon im Ruhestand ist und nun noch aushilft. Wer die alle drei Jahre anstehende medizinische Untersuchung besteht, behält seine Fahrerlaubnis.

130 Kilometer langes Netz in Stuttgart

Rund 1100 Stadtbahnfahrer beschäftigen die SSB aktuell. Die müssen das gesamte, mehr als 130 Kilometer lange Netz kennen, weil sie überall eingesetzt werden. Streckenkunde heißt das im Fachjargon. Dazu gehört auch, zu wissen, wo genau an den Haltestellen gebremst werden muss. Ein kleines Täfelchen mit dem Buchstaben H markiert die Stelle, an der die Bahn zum Halten gebracht werden muss. Ich rausche ein paar Mal daran vorbei.

Totale Erschöpfung nach zwei Stunden

Nach Abstechern nach Wangen und Untertürkheim geht es wieder zurück in Richtung Vaihingen. In der Tunnelstrecke zwischen Staatsgalerie und Charlottenplatz soll ich ausprobieren, was passiert, wenn ich ein auf Halt stehendes Signal ignoriere. Sagen wir es so: Der Bremsweg ist kurz. Nachdem der Sachverhalt mit der Leitstelle geklärt ist, geht es weiter. Auch das Ignorieren der Geschwindigkeitsbeschränkung in der engen Kurve kurz vor dem Marienplatz hat ein automatisches Bremsmanöver zur Folge.

Bergwärts hinter Kaltental simulieren wir eine Gefahrenbremsung. Unter lautem Bimmeln kommt die Bahn schnell zum Halten. „Bei einem Tempo von 80 Kilometern in der Stunde darf der Bremsweg nur 80 Meter betragen“, erklärt Thomas Moser die Faustregel. Der SSB-Chef hat auch eine Fahrberechtigung und weiß, wovon er spricht, wenn er sagt: „Ich habe vor den Leistungen des Fahrpersonals allerhöchsten Respekt.“ Ich jedenfalls bin nach der zweistündigen Rundtour geschafft. Eine normale Schicht dauert etwas länger als acht Stunden.

Dieser Artikel erschien erstmals am 9. Juni 2023 und wurde am 4. Februar 2026 aktualisiert.