Fußgänger auf der B 27: Da sist die Vision für die nächsten zehn Jahre. Die Jury für die Landesgartenschau-Bewerbung schaut sich das virtuell schon mal an. Foto: factum/Granville/Stadt

Es ist ein Jahrhundertprojekt: Die B 27 könnte beim Schloss Ludwigsburg unter die Erde kommen – und dann zwischen 2026 und 2030 eine Landesgartenschau stattfinden. Doch es gibt noch viele Probleme.

Ludwigsburg - Auf dem Dach von Schloss Ludwigsburg stehen sie, die acht Mitglieder der Fachkommission. Sie entscheiden bis Juli oder August, welche der Städte im Land den Zuschlag für Landesgartenschauen bekommt. 14 haben sich beworben. Um die Jury zu beeindrucken, lässt man sie in Ludwigsburg abheben: Dank einer Virtual-Reality-Brille fliegen die Gäste aus Stuttgart vom Schlossdach aus los und schweben über die Stadt.

Der Eindruck ist erstaunlich realistisch, manche bekommen sogar Höhenangst. So schaut man von oben auf eine Vision, wie Ludwigsburg in zehn Jahren aussehen könnte. Der Salonwald am einen und die verwunschene Marienwahl mit dem Grab der Pferdeliebhaberin Pauline zu Wied am anderen Ende der Stadt. Die Bärenwiese ist als Grünzone geplant, der Walcker-Park mit seinen 150 uralten Kastanienbäumen soll mehr sein als ein Parkplatz. Im Salonwald gibt eine Geigenspielerin der Jury ein Privatkonzert. Auf der B 27 machen Schüler einen Flashmob.

Ein grünes Band in ganz Ludwigsburg

Damit das grüne Band funktioniert, muss die B 27 zwischen Bärenwiese und Heilbronner Torhaus unter die Erde gelegt werden – mit direkter Einfahrt in eine Tiefgarage unter der Bärenwiese. „Die Gartenschau kann für solche Ideen als Beschleuniger wirken“, sagt der Baubürgermeister Michael­ Ilk. Sein Chef, OB Werner Spec, ist an diesem Tag ganz in seinem Element: Im schicken dunkelblauen Anzug führt er die Jurymitglieder durch seine Stadt und spinnt die Fäden. Hier spielt das Stadtoberhaupt seine Stärke aus, auf politischen Ebenen Entscheidungsträger für sich einzunehmen. Auch vor den Kameras der ARD, die ebenfalls gekommen ist, macht Spec eine gute Figur. Die Idee des Oberbürgermeisters ist so einfach wie bestechend: Der „Ludwigsbürger“ muss gar nicht mehr ins Auto sitzen, sondern kann von daheim direkt­ ins Naherholungsgebiet gehen, das bis in die City reicht.

Nach zweieinhalb Stunden ist die Kommission wieder weg – und wird nun auch die anderen Städte besuchen. Am selben Tag sind sie in Vaihingen/Enz, das sich in Konkurrenz zu Ludwigsburg mit dem Entwicklungskonzept rund um das Flüsschen Enz bewirbt. Theoretisch könnten sogar beide Kommunen zum Zug kommen – denn neben den Gartenschauen gibt es auch die so genannten Grünprojekte, die gerade für kleinere Kommunen geeignet sind. In Ludwigsburg setzt man auf eine fundamentale Veränderung des Stadtbildes. Wäre die B 27 als Betonschneise mit 70 000 Fahrzeugen täglich nicht mehr die Barriere zwischen Innenstadt und Schlossensemble mit Blüba, würde sich das Gesicht der Stadt verändern.

Die Bundesstraße zu verlegen kann Jahrzehnte dauern

Doch wie realistisch ist das? Solche Großprojekte, bei denen Berlin beteiligt sein muss, ziehen sich oft über Jahrzehnte. In Schwäbisch Gmünd hat es 30 Jahre gedauert, bis die B 29 durch den Einhorntunnel unter die Erde kam, zweimal musste daher­ eine bereits geplante Gartenschau verschoben werden. 2014 fand sie dann endlich statt. Doch Spec und Ilk geben sich zuversichtlich: „Das kann schnell gehen.“ Als er von 1992 bis 2010 bei der Stadt Stuttgart gearbeitet habe, sei fast jede Woche ein Tunnel gebaut worden, sagt Ilk.

Seine Rechnung ist einfach: Ein Kilometer Tunnel koste 100 Millionen. Bei den 800 Metern, um die es vor dem Schloss gehe­, würden somit 80 Millionen fällig. „Das schreckt mich nicht, das könnten wir sogar bis 2026 hinbekommen“, meint der Baubürgermeister in dem ihm eigenen Optimismus.

Auch Volker Kugel ist zufrieden

Doch allzu sehr mit planerischen Details will man sich an diesem herrlich sonnigen Nachmittag nicht aufhalten. Erst einmal schnaufen alle durch: Der Besuch der Fachkommission hat alle wochenlang in Atem gehalten. Die Inszenierung funktioniert, sodass selbst der fernseherfahrene Blüba-Chef Volker Kugel beeindruckt ist. Er darf als Werbeträger der Stadt natürlich nicht fehlen und verströmt ebenfalls Zuversicht: „Das ist hier etwas ganz besonderes und ein einzigartiges Konzept.“

Bei allen politischen Differenzen, die es in der Stadt und in der Kommunalpolitik zwischen den Akteuren gibt – an diesem Tag wollen alle zusammen halten für die historische Chance einer Jahrhundertschau, die die Stadt verändern soll.

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