Der Leiter des Stadtarchivs Stuttgart, Roland Müller, und seine Stellvertreterin, Katharina Ernst. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Stadtarchiv-Leiter Roland Müller und seine Stellvertreterin Katharina Ernst sprechen über das Stuttgart des Jahres 1942 – und den Bildbestand, den wir mit dem Projekt „Stuttgart 1942“ verarbeiten.

Stuttgart - Mit dem Projekt „Stuttgart 1942“ werten wir 12 000 Bilder aus dem Stuttgart des Jahres 1942 aus. Zum Auftakt sprechen die Experten vom Stadtarchiv über den Bestand: der Leiter Roland Müller und seine Stellvertreterin Katharina Ernst.

Frau Ernst, Herr Müller, um was für einen Fotobestand handelt es sich hier?

Katharina Ernst: Die Bilder wurden 1942 vom Stadtplanungsamt erstellt. Vermutlich hing das mit der Stadtplanung für die Zeit nach dem sogenannten Endsieg zusammen. Genau wissen wir es nicht. Das ist natürlich trotzdem ein unglaublicher Schatz: fast eine Gesamtansicht von Stuttgart, von den Straßenzügen, wie sie damals ausgesehen haben. Von vielen Straßenzügen gibt es aus dieser Zeit sonst keine Aufnahmen mehr.

Roland Müller: Stuttgart hat damals ein monumentales Gauforum geplant, aber auch eine moderne Verkehrsinfrastruktur und Maßnahmen gegen die Wohnungsnot. Außerdem fanden 1942 die ersten massiven Luftangriffe auf deutsche Städte statt. Vielleicht ist auch das ein Hintergrund.

Wir sehen auf den Bildern viele mittelalterliche Strukturen und alte Häuser. Ist Stuttgart 1942 eine moderne Stadt?

Ernst: Rein baulich hat die Stadt viel Modernisierungsbedarf gesehen. Für den motorisierten Verkehr brauchte man neue Verkehrsachsen. Dazu gab es alte Quartiere im schlechten baulichen Zustand.

Müller: Den Nationalsozialisten mit ihrer Blut- und Boden-Ideologie waren große Städte mit ihren liberalen Bürgern suspekt. Aber wenn schon Großstadt, und das hat man mit der Reichsgartenschau bekräftigen wollen, dann war Stuttgart nach NS-Verständnis eine ideale Großstadt: dank der Topografie eher aufgelockert, und es gab keine Armenquartiere.

Wie muss man sich den Stuttgarter Alltag 1942 vorstellen?

Müller: Im Sommer 1942 war die Ernährungslage kritisch. Trotzdem hat die Mehrheit der Bevölkerung das Regime getragen. Im Lauf des Jahres fielen die Rationen wieder großzügiger aus. Vermutlich waren die Einschränkungen damals noch überschaubar. An die nächtliche Verdunkelung hatte man sich wohl gewöhnt, zumal man vom Luftkrieg ja noch nichts gespürt hat. Das kulturelle Leben hat damals noch regelrecht geblüht.

Wie gut ist das Leben abseits der Front für diese Zeit erforscht?

Müller: Die Erzählung der Menschen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs beziehen sich überwiegend auf die Erfahrungen im Luftkrieg. Der Alltag gerade aus den Jahren 1941/42 wird dagegen nur ganz selten geschildert. Die existenzielle Bedrohung hat im Nachhinein alles überlagert. Zumal die Bilder vom zerstörten Stuttgart, die man im Kopf hat, die Erinnerungen prägen und wir heute alles durch diesen Filter sehen. Es gibt Briefwechsel aus der Zeit. Aber was man publiziert oder im Interview erzählt hat – das bezieht sich oft auf die Luftangriffe und die Zerstörungen.

Gab es 1942 noch jüdisches Leben in Stuttgart?

Müller: Es gab drei große Deportationen zwischen Dezember 1941 und August 1942. Danach lebten noch 350 Juden in Stuttgart, zum Teil in sogenannten Mischehen. Aber deren Leben war brutal eingeengt. Ihnen war sogar verboten, Zeitungen zu lesen oder Zigaretten zu kaufen. Es gab Raucherkarten, die Männer haben doppelt so viel bekommen wie die Frauen – und die Juden gar keine. Oder das Verbot vom Mai 1942 für Juden, Straßenbahn zu fahren. An den Häusern, in denen Juden lebten, wurden Judensterne angebracht. Die jüdische Gemeinde war faktisch aufgelöst.

Man sieht auf den Bildern kaum Soldaten oder Naziflaggen. War der Alltag gar nicht so stark von Nazisymbolen bestimmt?

Müller: Beflaggt hat man vor allem an Feiertagen.

Ernst: Vergessen Sie nicht, was Sie alles nicht sehen. Sollten die Fotografen überhaupt noch Menschen mit Judenstern auf der Straße getroffen haben, hätten sie diese Menschen wahrscheinlich nicht fotografiert. Natürlich wussten die Leute permanent, dass die Gestapo und Denunzianten aktiv waren. Und urlaubende Soldaten haben teilweise von den Massenmorden an der Ostfront erzählt.

Was hat Sie beim Betrachten der Bilder am meisten überrascht?

Ernst: Dass es so anders aussieht als heute. Wie häufig ich nachschauen muss, wo man sich eigentlich gerade befindet. Oder ich das Gefühl habe, dass ich es kennen müsste. Und wie viel schöne alte Bausubstanz damals noch existiert hat.

Wie hat der Bilderschatz den Krieg überlebt und wie wurde er genutzt?

Müller: Da gibt es teilweise unglaubliche Zufälle. Gut möglich, dass jemand die Bilder unter den Arm geklemmt und vor der Vernichtung gerettet hat.

Ernst: Der Bestand lagerte lange im Stadtarchiv und wurde erst 2011 verzeichnet. Seither wurde er aber relativ häufig genutzt, deshalb haben wir ihn digitalisiert.

Welchen Wert haben die Bilder für Sie als Historiker?

Müller: Zunächst einmal erhalten wir dadurch sein sehr umfassendes Bild von Stuttgart im Jahr 1942. Es ist äußerst reizvoll, aus den Bildern und aus der Wahrnehmung des Raumes heraus Fragestellungen zu entwickeln und sich dieser Zeit zu nähern.

Ernst: Natürlich haben viele ein persönliches Interesse daran, ihre Straße im Jahr 1942 zu sehen. Darüber hinaus können wir uns der Stadtgeschichte aus einer visuellen Perspektive nähern, also die Bilder systematisch als Quelle nutzen und nicht nur zur Illustration.

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