Immer wieder übernachten Roma-Familien im Freien, unter anderem im Schlossgarten. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Angesichts der gewachsenen Zahl von Roma-Familien in prekären Verhältnissen vollziehen Stadtverwaltung und Gemeinderat einen Strategiewechsel. Es geht vor allem um die Kinder.

Im November vor bald sieben Jahren hatte der Rat auf Vorschlag der Verwaltung mehrheitlich beschlossen, einen Teil der Sitzbänke auf der Königstraße abzubauen. Damit sollte den Obdachlosen, die dort häufig lagerten, der Aufenthalt vergällt werden. Die Maßnahme galt insbesondere Menschen aus der Gruppe der Sinti und Roma, die an der Stelle und nebenan im Schlossgarten nächtigten. Grundsätzlich wollte man weiteren Zuzug nicht befördern.

 

Inzwischen hat sich die Haltung der Stadt zu dieser Gruppe, die seither auch durch Geflüchtete aus der Ukraine noch gewachsen ist, stark verändert. Im Rahmen eines Strategiewechsels haben sich Verwaltung und Rat kürzlich für den Aufbau weiterer Hilfen für diese Menschen entschieden. Obwohl viele von ihnen keine Leistungsansprüche haben. Im Fokus steht dabei die Sorge um die Kinder und Jugendlichen der hier lebenden Roma-Familien.

Ein Gebäude für den Erfrierungsschutz

„Die Haltung hat sich kolossal verändert“, sagt Peter Gerecke, der Abteilungsleiter Armut, Wohnungsnot und Migration bei der Evangelischen Gesellschaft (Eva) in Stuttgart. „Das ist ein Riesenfortschritt“, lobt er die Stadt besonders für den Beschluss, von November bis April erstmals als Erfrierungsschutz speziell für Kinder und deren Eltern dieser Gruppe ein Gebäude im Stuttgarter Osten zu nutzen. Das Haus mit 44 Plätzen diente bisher als Asyl für alleinstehende obdachlose Menschen und sollte wegen des schlechten Zustands saniert oder aufgegeben werden.

„Die Anzahl der Familien aus dem EU-Ausland, die zur Arbeitssuche nach Stuttgart kommen, steigt kontinuierlich“, heißt es in der aktuellen Ratsvorlage dazu. Die bestehenden Notübernachtungsmöglichkeiten seien „nicht kindgerecht und nicht geeignet für eine Unterbringung von Familien mit Kindern“. Der Handlungsbedarf wird begründet mit der „zunehmenden Verelendung dieser Kinder und ihrer Eltern“.

Sozialamtsleiterin Franziska Vogel bestätigt, dass die Gruppe der wohnungslosen Familien „mit rumänischen Pass“ in den vergangenen Jahren und seit Corona „noch mal stark zugenommen hat“. In den Sozialunterkünften der Stadt, das sind alte Hotels und Pensionen, machen diese Familien inzwischen 80 Prozent der Bewohner aus. Das seien derzeit 341 Personen, darunter sind 179 Minderjährige. Wie viele aus dieser Gruppe darüber hinaus unter elenden Verhältnissen in Abbruchhäusern, teils mit Wuchermieten für Absteigen noch in der Stadt leben oder im Freien nächtigen, ist schwer zu sagen. Vor geraumer Zeit hat man diesen Kreis auf nochmals etwa 100 Personen geschätzt. Dazu sind Roma-Familien gekommen, die aus der Ukraine geflohen sind, deren Zahl nicht erfasst wird.

Weil die Sozialunterkünfte nur zur Notunterbringung für ein paar Tage gedacht sind, die rumänischen Familien aber mangels Alternativen oft mit mehreren Kindern in einem Zimmer über Monate oder Jahre leben, hat die Stadt vor geraumer Zeit begonnen, diese mit einem sogenannten „Fachkräftetandem“ aus mobiler Jugendarbeit und Elternarbeit zu betreuen. Überdies kümmern sich das Medmobil, das Obdachlose medizinisch versorgt, sowie Streetworker der Caritas, der Ambulanten Hilfe und des Diakonischen Werks um die Menschen. Die Evangelische Gesellschaft betreibt eine Beratungsstelle für diese Gruppe und hat eine Sozialarbeiterin, die selbst Romanes spricht, in der Stadt im Einsatz. Eva-Abteilungsleiter Peter Gerecke betont, dass in der Stadt nach wie vor Roma-Familien im Freien „auch mit Kindern und Jugendlichen biwakieren“.

München ist Vorbild für Stuttgart

Die Schwierigkeit ist, dass die Familien sehr häufig keinen Leistungsanspruch haben. Sie haben zwar Reisefreizügigkeit, Unterstützung wie aufstockende Hilfen vom Jobcenter erhalten sie aber nur, wenn sie Arbeit haben. Das ist schwierig, weil sie meist über keine Ausbildung verfügen, viele sind Analphabeten. Sie finden deshalb vor allem prekäre Jobs, die sie immer wieder verlieren. Das Angebot eines Tickets für die Rückkehr ins Herkunftsland nehmen sie gleichwohl oft nicht an, wenn doch, kommen sie häufig trotzdem wieder hierher zurück.

Deshalb ist die Stadt dazu übergegangen, Hilfen für Sinti und Roma unabhängig vom Leistungsanspruch aufzubauen. München macht das schon seit einigen Jahren. Man ist sich der Herausforderung bei der Betreuung dieser nicht immer einfachen und auch aufgrund von Diskriminierungserfahrungen nicht leicht zugänglichen Gruppe bewusst. „Wenn die Kinder auf der Straße sind, tragen wir auch für sie Verantwortung, dass sie keinen Schaden nehmen“, sagt Sozialamtsleiterin Franziska Vogel. Das sieht auch der Rat so. Die Amtsleiterin spricht angesichts der unabweisbaren Anwesenheit dieser Menschen von einer „gesetzgeberischen Lücke“.

Weitere VKL-Klassen geplant

In nicht wenigen Vorbereitungsklassen an Grund- und Gemeinschaftsschulen lernen auch Kinder aus Roma-Familien Deutsch. Die einzige reine Roma-VKL-Klasse mit Kindern aus Rumänien und der Ukraine wurde in der Uhlandschule in Zuffenhausen-Rot eingerichtet. Es handle sich um Kinder im Alter von elf bis 15 Jahren, „die zum Teil nicht einen Tag in der Schule waren“, sagt Lehrerin Cornelia Blankenhorn. Auch wenn sie nicht immer zum Unterricht kämen, weil sie die Eltern etwa als Dolmetscher unterstützen müssten, seien sie doch „sehr lernwillig und sehr lieb, sie blühen hier auf und suchen auch den Kontakt zu anderen Kindern“, lobt die Lehrerin die Schüler. Auch zu den Eltern finde man Zugang. „Die sind froh, dass die Kinder diese Möglichkeit haben.“

Das „niederschwellige Angebot“ sei vor allem darauf angelegt, dass die Kinder „positive Erfahrungen mit der Schule machen“, sagt Birgit Popp-Kreckel, die stellvertretende Leiterin des Staatlichen Schulamts. Wegen der vorhandenen Nachfrage plane man für das kommende Schuljahr solche „Schwerpunktklassen für Analphabeten an vier Standorten einzurichten“, diese seien aber „nicht speziell für Roma-Familien“.

Auch die Stuttgarter Bürgerstiftung engagierte sich für Roma-Familien, seit einem halben Jahr mit einer halben Sozialarbeiterstelle. „Kinder und Bildung war schon immer ein Thema der Bürgerstiftung“, sagt die Geschäftsführerin Irene Armbruster. „Alle Kinder in der Stadt sollen eine Chance haben.“ Nach dem bisherigen Plan sollte in einem leer stehenden Ladengeschäft in der Marktstraße in Bad Cannstatt ein Tagesangebot für Mütter mit Kindern entstehen.

Das wird so aber nicht kommen. Gegen ein offenes Angebot an dieser Stelle haben die Ratsfraktionen, die den Plan grundsätzlich gutheißen, ihr Veto eingelegt. Sie fürchten, dass die Marktstraße, die ohnehin an Attraktivität verloren hat, unter einem möglichen verstärkten Auftreten von Roma-Familien weiter leiden könnte. Deshalb werde die Bürgerstiftung dort zusammen mit dem Landesverband der Sinti und Roma nun eine Beratungsstelle „für Multiplikatoren“ einrichten, also etwa für Lehrkräfte und Sozialarbeiter, die mit diesen Familien zutun haben. Das sei dringend notwendig, sagt Irene Armbruster. Und Beratungen von Müttern mit Kindern sollen nur mit festem Termin vergeben werden.

Fachkongress in Stuttgart

Unterbringung
Ende vorigen Jahres waren in Stuttgart insgesamt 3770 Menschen aus verschiedenen Gründen ordnungsrechtlich untergebracht. Von diesen haben laut Stadt 341 Personen in Sozialunterkünften einen rumänischen Pass. Das sind neun Prozent.

Fachkongress
Am Montag, 24. Juli, findet im Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof in Stuttgart ein ganztägiger Fachkongress des Landesverbandes Sinti und Roma statt. Das Thema: „Solidarität mit den aus der Ukraine geflüchteten Roma.“ Dabei geht es um Erfahrungen, Herausforderungen und Chancen im Umgang mit dieser Bevölkerungsgruppe.