Überlebende: Jello Biafra spielt im Universum, einem der letzten Live-Clubs der Stadt. Foto:Leif Piechowski/Lichtgut Foto:  

Die Fantastischen Vier kommen ins Museum. Ihr 30. Bandgeburtstag wird von Dienstag an im Stadtpalais gefeiert. Schöne Sache. Doch wo sind die neuen Fantas? Ihre Nachfahren finden keine Orte mehr, wo sie auftreten können. Nun will die Stadt helfen

Stuttgart - Es ist ein alter Streit: Was ist Kultur? Die Musikpädagogin Gotho von Irmer warnte 1968 vor dem Hang junger Menschen zur „Beatmusik“. Diese verändere den Herzschlag und könne zum „plötzlichen Musiktod“ führen, es drohe ein Massensterben. In Stuttgart warnten Kritiker 1976 vor einem Auftritt der Rolling Stones vor „der Zweckentfremdung des Neckarstadions“. Das wirkt nach bis heute: Mit Steuergeld fördert die Stadt wie selbstverständlich Theater, Oper, Ballett, Museen und klassische Musik. Für populäre Musik und Kultur blieben Brosamen. Das soll sich nun ändern.

 

Wie wird gefördert?

Angeführt vom Popbüro und gemeinsam mit dem Kulturamt brüteten Veranstalter und Clubbesitzer einen Vorschlag aus, wie man die Clubkultur fördern könne. Offenbar wird es bei den Haushaltsberatungen im Dezember eine große Mehrheit dafür geben, die Clubs jährlich mit 80 000 Euro zu unterstützen. 10 000 Euro sollen zusätzlich ans Popbüro gehen für die Prüfung und Abwicklung. Das Geld wird es allerdings nicht für Partys geben. Es fließt nur an jene, die Konzerte und Kulturelles veranstalten.

Wer wird gefördert?

Die Veranstaltungsfläche darf nur 500 Quadratmeter groß sein, es müssen dort mindestens 15 Musikveranstaltungen im Jahr stattfinden. Weitere Grenzen: maximal 400 Besucher, höchstens 20 Euro Eintritt. Errechnet wird die Fördersumme mittels eines komplizierten Systems. Man orientiert sich an den bei Konzerten fällig werdenden Abgaben an die Verwertungsgesellschaft Gema. Diese nimmt die Rechte von Komponisten, Textern und Musikverlegern wahr.

Warum wird gefördert?

In der Stadt brechen Spielstätten weg. Röhre, Rocker 33, Club Zollamt, Zwölfzehn, Schocken sind zu oder veranstalten keine Konzerte mehr, der Keller Klub schließt. Walter Ercolino vom Pop-Büro: „Wir müssen und wollen die Live-Kultur stärken und im besten Falle neue Spielstätten entwickeln.“ Viele Veranstalter klagen unisono, sie fänden keine Orte mehr, an denen sie kleine Konzerte veranstalten können. Christian Doll von C2 Concerts sagt: „Es muss etwas passieren, wir haben viele Anfragen, können aber nichts veranstalten.“ Paul Woog von SKS Russ erhofft sich „von diesem ersten kleinen Schritt“ ein Signal. Dass so mancher Clubbetreiber seinen Laden für Live-Musik öffnet. „Wir großen Veranstalter wollen gar nicht gefördert werden“, sagt Matthias Mettmann von Chimperator, „Konzerte ab 400 Besuchern müssen kostendeckend sein.“ Darunter wird es eng, bei kleinen Konzerten lege man 1000 bis 1500 Euro drauf, sagt Woog.

Warum gibt es Steuergeld für Pop-Musik?

Um die Summe einzuordnen: Der Kulturetat der Stadt beträgt 120 Millionen Euro. 50 Millionen Euro im Jahr erhält alleine das Staatstheater. Ercolino: „Bands, Songwriter, Live-DJs tragen zur Kultur dieser Stadt bei.“ Und werden auch genutzt, wenn man Investoren, Touristen und Arbeitskräfte locken will. So renommiert Stuttgart gerne mit den Fanta Vier oder dem Freundeskreis. Für Mettmann ist die Förderung „eine Anerkennung der Live-Kultur als wichtiger Bestandteil der Stadtgesellschaft“. Reiner Bocka veranstaltet im Café Galao Konzerte. Er verlangt dafür keinen Eintritt, bezahlt daher kaum Gema und wird deshalb auch kaum Förderung erhalten. „Aber das ist gar nicht so wichtig“, sagt er, „und wenn die Summe noch so klein ist: Es ist ein Zeichen der Wertschätzung für unsere Arbeit.“

Warum sind die kleinen Bühnen wichtig?

Ohne Auftrittsmöglichkeiten kann sich keine Band, keine Szene etablieren. Und später mal in Porsche-Arena oder Schleyerhalle auftreten. Das gilt für lokale Bands, aber auch für Musiker von außerhalb. „Bandentwicklung ist ganz klar unser Aufgabengebiet“, sagt Doll, „da investieren wir auch Geld.“ Die Happy, In Extremo, Katzenjammer, Revolverheld habe man in Clubs vor wenig Publikum präsentiert, bevor sie auf die großen Bühnen gingen. Mettmann erinnert sich an ein Konzert mit Anne Mey Kantereit in der Rosenau, „für das wir 20 Karten verkauft haben.“ Da legt man drauf. Doch wird eine Band groß, zahlt sich Treue aus. Sie kommt wieder und tritt in Stuttgart auf. Was ja nicht selbstverständlich ist. Wer in Mannheim, Frankfurt und München spielt, kommt nicht unbedingt noch nach Stuttgart.

Wie machen es die anderen?

Die Berliner Clubs haben jüngst eine Studie veröffentlicht, dass ihre Branche 1,5 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das Stuttgarter Pop-Büro plant mit der Wirtschaftsförderung eine ähnliche Studie. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Überall sind Clubs und Live-Bühnen unter Druck durch steigende Mieten, Aufwertung der Innenstädte, Beschwerden wegen Lärms. London hat seit 2007 die Hälfte seiner 430 Clubs verloren. Jüngst beschloss der Rat des Stadtteils Hackney, dass alle neuen Bars, Clubs und Bühnen um Mitternacht schließen müssen. In Hamburg spricht man vom Clubsterben – dort schlossen in den letzten beiden Jahren acht Clubs. Dafür gibt es auf St.Pauli mittlerweile 60 als Kioske getarnte Mini-Kneipen. Die Stadt Hamburg fördert mit 500 000 Euro Live-Musik, 550 000 Euro investierte sie in Lärmschutzmaßnahmen, knapp 700 000 Euro in die Sanierung des Bühnenschiffs MS Stubnitz und des Golden Pudel Clubs.

Was wünschen sich Stuttgarter Clubbetreiber?

Ein Nachtbürgermeister soll als Ansprechpartner dienen. Den gibt es etwa in Mannheim, Paris, Toulouse, Zürich, Amsterdam. Zudem wünschen sie den Ausbau des Nachtverkehrs mit Bus und Bahn. Die Stadt hilft bereits bei Zwischennutzung und Standortsuche, „die Zusammenarbeit kann man sicher ausbauen“, sagt Ercolino. Er und auch die Veranstalter würden sich wünschen, dass die Stadt eigene Flächen prüft, ob dort Konzerte für Pop und Rock möglich seien. Mettmann selbst baut im Wizemann einen kleineren Raum zu einer Spielstätte um. Und fragt sich, warum das städtische Siegle-Haus nur Spielstätte der Philharmoniker und Jazzer sein muss. Dort traten früher mal Motörhead, die Scorpions, Chris de Burgh, die Dead Kennedys auf. Und AC/DC gaben anno 1977 ihr erstes Konzert in Stuttgart.