Sie haben den Dienst für Flüchtlingsfrauen aufgebaut, und sie möchten ihn gern fortsetzen: Diana Busch und Chris Scheuing-Bartelmess (von links) vom Ludwigsburger Verein Frauen gegen Frauen. Foto: factum/Granville

Weil sich die Stadt und der Landkreis Ludwigsburg über die Bezahlung streiten, kann die Beratung von Flüchtlingsfrauen mit Gewalterfahrung nur noch eingeschränkt arbeiten. Zum Jahresende droht das Aus.

Ludwigsburg - Benefizaktionen veranstalten, bei möglichen Sponsoren Klinken putzen und immer wieder öffentliche Zuschüsse beantragen – all das gehört zum Alltag des Vereins Frauen für Frauen. Bisher sind die Geschäftsführerin Chris Scheuing-Bartelmess und ihre Mitarbeiterinnen damit über die Runden gekommen, doch jetzt stoßen sie an Grenzen. Das Geld wird knapp, die Fachberatung von Frauen mit Gewalterfahrung steht auf der Kippe. Der Grund: Die Stadt und der Landkreis streiten darüber, wer wie viel zu zahlen hat.

Minimale Zugeständnisse

Zuletzt ist der Verein im Kreistag als auch im Ludwigsburger Gemeinderat nur mit minimalen Zusagen abgespeist worden. Viele Räte im Kreistag sind der Ansicht, das Angebot könne auslaufen, da kaum noch Flüchtlinge in den Landkreis kämen. Die Ludwigsburger Stadträte indes meinten, sie zahlten schon bisher mehr als sie müssten. Sie sehen das Landratsamt und die Kreiskommunen in der Pflicht.

Die Kreisbehörde steht auf dem Standpunkt, dass es sich bei der Hilfe für Frauen mit und ohne Fluchterfahrung um ein zeitlich begrenztes Projekt handle: „Es wurde mit der Förderung des Deutschen Hilfswerks bis Mitte 2019 konzipiert und ist bis dahin finanziert“, sagt Pressesprecher Andreas Fritz. Statt einer von den Frauen für Frauen beantragten Förderung von 50 000 Euro – für den gesamten Beratungskomplex Frauen mit Gewalterfahrung – gestand ihnen der Kreistag nur eine Einmalzahlung von 20 000 Euro zu.

Die meisten Frauen kommen aus dem Kreis

Die Stadt Ludwigsburg, die ihren jährlichen Beitrag für den Verein 2016 von 21 390 Euro auf 35 000 Euro erhöht hat, möchte dagegen, dass das Landratsamt und die Kreiskommunen mehr zahlt. Darum hat auch die Stadt nur einmalig weitere 10 000 Euro zugesagt. Ludwigsburg zahle die Beratungsstelle zu 80 Prozent, obwohl das Gros der hilfesuchenden Frauen aus den Kreisgemeinden kämen, sagt der Erste Bürgermeister Konrad Seigfried. In Bezug auf Frauen mit Fluchterfahrung kämen zwei Drittel aus den Umlandgemeinden, ergänzt Scheuing-Bartelmess.

Der Verein Frauen für Frauen bietet kreisweit viele verschiedene Dienste an, aber jeder wird anders finanziert. Richtig zufrieden ist Scheuing-Bartelmess mit der Förderung des Frauenhauses und der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt, die unter anderem Platzverweise für gewalttätige Männer in die Wege leiten kann. Im Fall der Interventionsstelle werden die Kosten anteilig von den Kreiskommunen getragen, im Fall des Frauenhauses erhält der Verein Tagessätze – je nach Heimatgemeinde des Opfers.

Ganz anders sieht es dagegen bei der 2016 neu geschaffenen Fachberatung für Frauen mit Fluchterfahrung aus, die Teil der Beratung für Frauen mit Gewalterfahrung ist. „Wir können diese Beratung nur noch bis zum Jahresende anbieten“, sagt die Sozialarbeiterin Diana Busch. „und nur, wenn wir Abstriche machen.“ Informationsveranstaltungen müssen schon jetzt ebenso entfallen wie Besuche bei Betroffenen in den jeweiligen Landkreisgemeinden. Das aber sei wichtig gewesen, um Vertrauen zu gewinnen.

Gewalterfahrung auf der Flucht

„Man muss sich klar machen, was diese Frauen erleiden mussten“, sagt Busch. Viele von ihnen seien traumatisiert, weil sie selbst brutal geschlagen oder vergewaltigt wurden oder weil sie es mit ansehen mussten. Dazu komme das Problem von Zwangsheirat und ein Patriarchat, bei dem die Misshandlung und der Missbrauch durch Ehemänner oder männliche Verwandte ungeahndet blieben. „Wir betreuen hier zurzeit 155 Frauen“, sagt Diana Busch.

Nachdem man sie darüber aufgeklärt habe, dass sie sich nach deutschem Recht zur Wehr setzen und sich scheiden lassen können, gehe es nun darum, den Frauen bei der Sicherung einer Existenz für sich und ihre Kinder behilflich zu sein. „Auch wenn keine oder kaum noch neue Flüchtlinge kommen, diese Beratung muss fortgesetzt werden“, sagt Scheuing-Bartelmess.

„Unhaltbarer Zustand“

Sie hält auch den Zustand der schon länger angebotenen Beratung bei häuslicher Gewalt für unhaltbar. Die Mittel seien auch hier so knapp, dass sich Ratsuchende auf Wartezeiten von vier Wochen einstellen müssten. Dabei gehe es um Frauen, die geschlagen oder vergewaltigt wurden. „Da muss der Dienst schnell Hilfe leisten können“, sagt die Geschäftsführerin. Sie versichert, sie werde auf jeden Fall weiter um den Erhalt dieser Dienste kämpfen.

Wie aber könnte ein Lösung aussehen? Bürgermeister Seigfried versprach dem Verein, er werde in der Sache beim Landratsamt vorstellig werden. Aus der Behörde ist indes zu hören, man sei grundsätzlich gesprächsbereit. Vielleicht könne man den Beratungsservice für Frauen mit Fluchterfahrung über Tagessätze finanzieren – ähnlich wie das Frauenhaus. Zuvor aber müsse das Projekt noch ausgewertet werden, sagt der Pressesprecher: „Über eine Finanzierung kann deshalb noch keine abschließende Aussage gemacht werden.“

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