Was braut sich über dem Stuttgarter Rathaus zusammen? In den nächsten fünf bis 20 Jahren muss man bangen, dass genügend Personal verfügbar ist. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Arbeitsmarkt ist fast leer gefegt. Die Neuruheständler werden zahlreicher. Die Zahl der Bewerbungen nimmt ab. Die Landeshauptstadt Stuttgart hat ein Riesenproblem. Wie soll sie gegensteuern?

Stuttgart - Manchen Bürgern reißt der Geduldsfaden. Bei Frank Dietrich, Besitzer eines Elektroinstallationsbetriebs in Weilimdorf, brannte fast die Sicherung durch, als er sein Wohnhaus ein wenig aufstocken wollte – und er erfuhr, dass im Baurechtsamt die durchschnittliche Bearbeitung eines Bauantrags im Schnitt 63,5 Tage dauert.

Autofahrer reiben sich die Augen, weil in der Friedrichstraße die Fahrbahn für Baustellenverkehr gefühlt seit Jahren eingeschränkt ist, obwohl die Baustelle am früheren Amerika-Haus wirklich aus dem Gröbsten raus ist. Besucher von Bürgerbüros staunen, dass die Meldestelle in ihrem Bürgerbüro oder die Kfz-Zulassungsstelle manchmal unerwartet weitere Kunden abweist.

Auch dieses Jahr unplanmäßige Schließzeiten in Bürgerbüros

All dies sind Symptome eines Mangelzustands. Des akuten Personalmangels bei der Stadt Stuttgart. 2018 mussten die Öffnungszeiten der Bürgerbüros deswegen zwar nicht so drastisch eingeschränkt werden wie 2017, weil man organisatorische Änderungen vornahm, doch die notbedingten Schließzeiten in den Meldestellen hätten sich in diesem Jahr auch schon wieder auf 41 volle Tage summiert, sagt Dorothea Koller, Leiterin des Ordnungsamts. Seit Wochen müsse man auch die Wartenummern-Ausgabe in der Zulassungsstelle in Feuerbach immer wieder vorzeitig beenden, weil das Personal die Kundschaft nicht mehr bedienen kann. „Im Zweifel muss da jemand unverrichteter ­Dinge gehen, der sein Auto anmelden oder abmelden wollte“, gibt Koller zu.

Offene Stellen oft nur schwierig und spät zu besetzen

Selbst wenn – wie im Baurechtsamt – endlich weitere Stellen geschaffen sind, können sie oft nicht schnell genug mit ausgebildetem und eingearbeitetem Fachpersonal besetzt werden. Der Abteilung Verkehrs­management im Ordnungsamt etwa fehlt es chronisch an Mitarbeitern, um Anträge auf Baustelleneinrichtungen abzuarbeiten, die Situation zu kontrollieren und für zügige Rückbauten zu sorgen – besonders, wenn noch die Deutschlandtour der Radrennfahrer durch Stuttgart geschleust werden muss.

Jede zehnte der rund 11 500 Planstellen bei der Verwaltung (ohne Eigenbetriebe) war im zweiten Quartal 2018 unbesetzt. Brennpunkte mit Mangelquoten von bis zu 18 Prozent waren das Hochbauamt, das Garten-, Friedhofs- und Forstamt, das Amt für Liegenschaften und Wohnen und das Jugendamt. Dort, im größten Amt der Stadt, sind allein schon rund 200 Stellen unbesetzt, doppelt so viele wie beim Ordnungsamt.

Die Stadt Stuttgart hat ein Problem – und es wird größer statt kleiner. Weil die Wirtschaftskonjunktur blüht, öffentliche Verwaltungen noch mehr mit Privatunternehmen konkurrieren, der Arbeitsmarkt im Raum Stuttgart so angespannt ist und die demografische Entwicklung die Lage noch verschärft. In den nächsten Jahren gehen die ersten der Babyboomer-Generationen in den Ruhestand. Die Stadt muss die Neurentner ersetzen und auch neue Stellen schaffen, um die Folgen früherer Sparmaßnahmen aus der Welt zu schaffen, um Brunnen, Grünflächen und Brücken wieder besser zu pflegen, Serviceleistungen aufzubessern.

Zahl der Kündigungen schnellt wieder hoch

Schon im Personalbericht 2017 wurden die Herausforderungen deutlich. Von den 13 738 Mitarbeitern der klassischen Verwaltung sowie der Abfallwirtschaft, der Stadtentwässerung und der Bäderbetriebe werde man in sechs Jahren bis 2023 voraussichtlich 1571 durch „Altersaustritte“ verlieren. Dazu kämen die Kündigungen, deren Zahl allerdings von 320 im Jahr 2014 auf 194 im Jahr 2016 zurückgegangen war, was ein Aufatmen nach sich zog. Doch zu früh gefreut. Der druckfrische Personalbericht 2018 kündet vom Rückfall. Demnach schnellte die Zahl der Kündigungen wieder auf 381. Und in den nächsten sechs Jahren – nun im Zeitraum bis 2024 – werden wohl 1618 Mitarbeiter altersbedingt ausscheiden. Es drohe ein Anstieg bis 2035 auf bis zu 450 Neuruheständler pro Jahr, erklärte Verwaltungsbürgermeister Fabian Mayer. Überproportional betroffen von der Altersfluktuation seien die Führungspositionen. Der Bedarf an Fach- und Führungskräften werde sich verdoppeln. Mehr Büroflächen braucht es auch.

Hoffnung auf Besetzung einiger Schlüsselsellen

Schon die Aufgabe, nach Kündigungen Ersatz zu schaffen, ist schwierig. Ganz zu schweigen von den zusätzlichen Stellen. Bei den Etatberatungen 2017 hat der Gemeinderat laut Pressestelle 736 neue Stellen oder Entfristungen von Stellen beschlossen, viele für mehr Kitas. Inzwischen sind bei der klassischen Verwaltung ohne Eigenbetriebe 403 eingerichtet, aber längst noch nicht alle besetzt. Daher erhöhte sich die Zahl der unbesetzten Stellen noch. Der Gesamtpersonalrat hofft auf kleine, aber wichtige Fortschritte in den nächsten drei Monaten: dass endlich Lücken geschlossen werden, wo Neueinstellungen samt Ausschreibungen und der aufwendigen Auswahlverfahren umgesetzt werden müssen. Solche Engpässe gebe es im Ordnungsamt, im Haupt- und Personalamt sowie in der Branddirektion, sagt Claudia Häußler vom Gesamtpersonalrat. Verwaltung und Fraktionen hätten sich im Dezember 2017 lieber um „Stellen an der Schnittstelle zu den Bürgern“ gekümmert. Jetzt hoffe man auf den Kleinen Stellenplan. Darunter versteht man die Korrektur des Stellenplans in der Halbzeit zwischen den alle zwei Jahre stattfindenden Beratungen zum Doppelhaushalt und zum eigentlichen Stellenplan. Mit dem Kleinen Stellenplan könne man aber nur die Spitze des Eisbergs bearbeiten, sagt Häußler.

Die Verwaltungsspitze setzt auf eine neue, „modernere“ Marketingkampagne – und wirbt mit den Fotos von Mitarbeitern statt mit Fotomodellen. In der Hoffnung, dass sie ansteckend wirken. Die zu halten, die man schon beschäftigt, ist angesichts des leeren Arbeitsmarkts aber die allererste Aufgabe.

Gesamtpersonalrat mahnt Gesamtkonzept an

Um einer Krise vorzubeugen, mahnte der Personalrat schon vor Jahresfrist ein Gesamtkonzept an, mit dem man privaten Arbeitgebern in der Konkurrenz um Fachkräfte besser Paroli bieten kann. Und den öffentlichen Verwaltungen in der Umgebung, wo das Leben günstiger sei als in der Landeshauptstadt mit ihren „horrenden Mieten, der Arbeitsüberlastung in der Verwaltung und der S-Bahn-Misere auf der Strecke zum Arbeitsplatz“, wie Häußler sagt. Man müsse schnell Anreize schaffen, doch es sei zu wenig geschehen. Trotz bezuschusstem Job­ticket. Außer mit ihm wirbt die Stadt mit Teilzeitmodellen, Familienfreundlichkeit, Unternehmenskultur, Fortbildungen und Gesundheitsförderung. Aber die Zahlung weiterer Prämien wie jener für die dringend benötigten Erzieherinnen lehnte Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) im Juli ab: Beschäftigte der Stadt hätten ja einen ­sicheren Arbeitsplatz, der auch nicht verlagert werde. Immerhin soll es inzwischen ein Gespräch zwischen der Verwaltungsspitze und der Personalvertretung gegeben haben, das der Personalrat im Juli gefordert hatte.

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