„Einen Dachs im Garten kann man auch als Bereicherung verstehen“, sagt der Karlsruher Wildtierbeauftragte Stefan Lenhard. Foto: privat

Die Stelle für den Wildtierbeauftragten wird in Kürze ausgeschrieben. Stefan Lenhard aus Karlsruhe macht Wildtiermanagement in der Großstadt schon seit 2017. „Es geht darum, eine gute Lösung für das Zusammenleben zu finden“, sagt er.

Stuttgart/Karlsruhe - „Während der Pandemie waren die Marder bei uns pünktlich fünf nach zehn unterwegs. Die Tiere haben das sofort spitzbekommen, dass von da an Ruhe ist.“ Stefan Lenhard lacht. Wenn der 42-jährige Diplomforstingenieur von Wildtieren wie Marder, Fuchs und Waschbär in der Stadt spricht, scheint das Wort „Problem“ aus seinem Wortschatz gestrichen. Er, der Wildtierbeauftragte der Stadt Karlsruhe, nennt Wildtiere in der Großstadt eine „ökologische Bereicherung“.

 

Seit knapp zwei Jahren muss jeder Stadt- und Landkreis in Baden-Württemberg nach dem Jagd- und Wildtiermanagementgesetz (JWMG) einen Beauftragten für Wildtiere stellen, die dem Jagdrecht unterliegen. War es bis dahin nur eine Soll-Aufgabe der unteren Verwaltungsbehörden, wurde es mit der Gesetzesänderung vom 24. Juni 2020 verpflichtend, einen Beauftragten für das Wildtiermanagement zu stellen. Das gilt seitdem für Landkreise genauso wie für kreisfreie Großstädte.

Die Stelle wird erst zwei Jahre nach der Gesetzesverabschiedung besetzt

In Karlsruhe begleitet Stefan Lenhard diese Aufgabe bereits seit Frühjahr 2017. Demgegenüber wurde in Stuttgart erst im Zuge der Haushaltsplanungen für 2022/2023 beschlossen, die hauptamtliche Stelle eines Wildtierbeauftragten auch in der Landeshauptstadt einzurichten. Sie soll demnächst ausgeschrieben werden. Wie das Ordnungsamt erklärt, seien die Aufgaben in Stuttgart vor 2019 zunächst von einem Mitarbeiter des Forstamts wahrgenommen worden, nach der Forstreform dann durch die untere Jagdbehörde und „fachkundig Beschäftigte beim Städtischen Vollzugsdienst“. Soll heißen: eher nebenbei.

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Dass die Stadt Stuttgart ihren Wildtierbeauftragten nun allerdings erst zwei Jahre nach Verabschiedung des entsprechenden Landesgesetzes erhalten wird – zudem nur als 50-Prozent-Stelle – begründet die Stadtverwaltung mit dem Termin der Gesetzesnovellierung 2019: Demnach fanden die Haushaltsplanungen für den Doppelhaushalt 2020/2021 damals bereits vor der Änderung des JWMG statt. Zu spät angeblich, um die Stelle des Wildtierbeauftragten noch rechtzeitig zu berücksichtigen. Dabei nimmt der Handlungsbedarf, wie Lenhard betont, gerade in den Großstädten enorm zu. Soll der erfahrene Experte zusammenfassend beschreiben, was ein Wildtierbeauftragter in der Großstadt macht, sagt er: „Es geht darum, eine gute Lösung für das Zusammenleben von Menschen und Wildtieren zu finden.“ Wobei die Betonung auf dem Wort „und“ liegt. Denn: Der Tod der Tiere durch Bejagung sei eben nicht die Antwort, die das urbane Wildtiermanagement gibt, wenn es darum gehe, Konflikte zwischen Mensch und Tier zu beheben.

Öffentlichkeitsarbeit betreiben und die Akteure vernetzen

Lenhard, der selbst seit der Jugend auch als Jäger aktiv ist, sieht deshalb eine der Hauptaufgaben des Wildtierbeauftragten im urbanen Bereich darin, zu beraten, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, die verschiedenen Akteure, wie Umweltverbände und Jägerschaft, zu vernetzen. „Wir wollen Akzeptanz schaffen“, sagt Lenhard. „Einen Dachs im Garten kann man auch als Bereicherung verstehen.“ Doch auch er räumt ein: „Wer einen Steinmarder im Dach hat und der Urin schon durch die Decke tropft, dem muss geholfen werden.“

Dass immer mehr Wildtiere den Großstadtdschungel als ihr Revier wahrnehmen, sagt der Karlsruher, habe indes handfeste Gründe: Zum einen führe die Klimaerwärmung dazu, dass die ohnehin schon warmen Asphaltschluchten immer wärmer und damit auch attraktiver für Wildtiere werden. Zum anderen führten immer mildere Winter zu einem Anwachsen der Tierpopulationen: „Die Sterblichkeit der Wildtiere in der kalten Jahreszeit hat sich deutlich verringert.“ Hinzu komme ein üppiges Nahrungsangebot in der Stadt sowie die Tatsache, dass Städte zunehmend grüner werden und die renaturierten Flächen wachsen.

An Tauben in Städten hat man sich gewöhnt – bald auch an mehr?

Doch auch der Mensch bewegt sich auf das Wildtier zu: Durch die Ausdehnung von Siedlungsflächen lebten, so Lenhard, auch immer mehr Menschen dort, wo die Wildtiere schon immer waren. „Wie wir uns daran gewöhnt haben, dass Tauben in unserer Städten leben, werden wir uns deshalb auch nach und nach an die Anwesenheit anderer Tiere gewöhnen“, prognostiziert Lenhard.

In Karlsruhe haben sich zuletzt insbesondere die sogenannten invasiven Neozoen, gebietsfremde Tierarten, verbreitet: „Dazu gehören Nutria, Waschbär oder Nilgans“, erklärt der Fachmann. „Und auch Wildschweine drücken mehr und mehr in die Stadt.“ Hört man Lenhard länger zu, hört sich das alles nicht mehr wie ein Grund zur Sorge an. Eher wie ein spannender Prozess, auf den man eben intelligent reagieren muss. Und so ist es auch gemeint. Auf den fachlichen Austausch mit seinem künftigen Stuttgarter Kollegen freut sich der Karlsruhe Wildtierbeauftragte jedenfalls schon.