Zum Jahresanfang 2021 tritt ein neuer Mietspiegel in Kraft. Darin wird nachvollzogen, wie sich die Mietpreise zuletzt änderten. Der Mieterverein beurteilt die Preisaufschläge als dramatisch. Er ärgert sich besonders über Handtuchwärmer.
Stuttgart - Anfang 2021 wird der neue Stuttgarter Mietspiegel mit im Durchschnitt 7,7 Prozent höheren Preisen in Kraft treten. Der Mieterverein Stuttgart beurteilt dies als dramatisches Finale einer Mietpreisexplosion, die zehn Jahre währt und die Preise um 45 Prozent in die Höhe trieb.
Der qualifizierte Mietspiegel 2021/2022 wurde völlig neu aufgestellt, denn nach dem Gesetz sei er alle zwei Jahre der Marktlage anzupassen, alle vier Jahre neu aufzustellen, so die Stadtverwaltung. Sie erhob im April aktuelle Daten. In die Auswertung flossen 3056 Mietverhältnisse ein, die relevant waren. Es handelt sich um Mietpreise, die auf dem freien Wohnungsmarkt bei Wohnungsbezügen oder durch Preisanhebungen innerhalb der letzten sechs Jahre zustande gekommen waren. Ergebnis: „Insgesamt stiegen die Mieten für einen Quadratmeter Wohnfläche in den relevanten Wohnungen zwischen April 2018 und April 2020 um durchschnittlich 7,7 Prozent auf 10,34 Euro.“ Das wird auch wieder vielen Vermietern, die sich die ortsübliche Vergleichsmiete anschauen, ein wichtiges Kriterium bei ihrer Preisgestaltung sein.
Das Plus von 7,7 Prozent ist ein hoher Anstieg und laut Stadtverwaltung identisch mit der Entwicklung vor dem Mietspiegel 2015/2016, als der Zuwachs auch 7,7 Prozent betragen habe. Ähnlich stark war er im Mietspiegel 2019/2020 mit 7,2 Prozent und im Mietspiegel 2003/2004 mit 7,1 Prozent, wohingegen die Entwicklung in den Mietspiegeln 1999/2000 (mit plus 2,8 Prozent) und 2007/2008 (mit plus 3,8 Prozent) undramatischer war.
Der Leiter des federführenden Statistischen Amtes der Stadt Stuttgart, Thomas Schwarz, sagte, die aktuelle Steigerungsrate liege deutlich über der Entwicklung der Nettokaltmieten in Baden-Württemberg im selben Zeitraum (+4,1 Prozent). Die Verbraucherpreise insgesamt seien in Baden-Württemberg im Vergleichszeitraum um 3,0 Prozent gestiegen.
Wären manche Wohnungen jetzt sogar 21 Prozent teurer?
Quer durch die Baualtersklassen und Lagen stellt sich die Situation im neuesten Mietspiegel unterschiedlich dar: Für Wohnungen bis Baujahr 1914 liegt das Mietspiegelniveau jetzt bei 10,47 Euro pro Quadratmeter (plus 6,2 Prozent), in der zahlenmäßig bedeutsamen Gruppe der Baujahre 1915 bis 1984 bei 9,90 Euro (+8,1 %), bei den Baujahren 1985 bis 2010 bei 10,71 Euro (+6,5 %) und bei den Baujahren 2011 bis April 2020 bei 12,76 Euro (+6,3 %). Die Durchschnittsrate wird nun auch Erhöhungen bei öffentlich geförderten Wohnungen zugrunde gelegt.
Der Mieterverein hält die Entwicklung für noch dramatischer, als es die 7,7 Prozent ausdrücken. Das versuchte er an Wohnungen in der Arnoldstraße in Mühlhausen (+21,2 %), in der Badbrunnenstraße in Bad Cannstatt (+21 %) und in Stuttgart-Ost (+18,5 %) zu belegen. Denn durch die Berücksichtigung des Alters und der Ausstattungsbesonderheiten kommt es zu Zuschlägen – und da hat die Stadt nach eigener Auskunft „die Kriterien zur Feststellung der Ausstattung und der sanitären Einrichtungen neu erarbeitet, das bisherige System der Bepunktung durch einfach anzuwendende Zu- und Abschläge in Eurobeträgen ersetzt“.
Mieterverein erkennt die Spitze eines Eisbergs
Das hält der Mieterverein für „wenig nachvollziehbar“, zumal nun auch der Handtuchwärmer im Bad einen Zuschlag von 58 Cent pro Quadratmeter Wohnfläche und Monat nach sich ziehen könne. Mit so einem relativ kostengünstigen Gerät könne der Preis für eine 75-Quadratmeter-Wohnung um 43,50 Euro pro Monat erhöht werden. Doch leider sei die Verwaltung nicht zu den Änderungen bereit gewesen, die der Mieterverein – und ähnlich der Hausbesitzerverein – gewünscht hätten. Es sei nur eine Überprüfung beim nächsten Mal avisiert worden. Das Werk in der jetzigen Form hat der Gemeinderatsausschuss für Wirtschaft und Wohnen am Freitag aber beschlossen.
Der Mieterverein beklagt so etwas wie die Spitze eines Eisbergs. Verglichen mit 2010 summierten sich die Preissteigerungen im Schnitt auf 45 Prozent. Die durchschnittlichen Nettogehälter seien nur um 28 Prozent gestiegen. Mieterhaushalte müssten einen immer größeren Anteil vom Einkommen fürs Wohnen ausgeben. Deshalb fordert der Deutsche Mieterbund inklusive Mieterverein von der Bundespolitik einen („atmenden“) Mietendeckel für mindestens fünf Jahre für Gebiete mit einem Mangel an Mietwohnungen. Notfalls werde man vor der Bundestagswahl eine „Kampagne führen“. Die Linke im Rathaus übte wegen der Systematik beim Mietspiegel auch Kritik. Sie will zügig beantragen, die Folgen zu begrenzen, wo die Kommune es in der Hand hat.
Debatten über Wohnungsbau dürften angeheizt werden
Der neue Mietspiegel dürfte auch die Debatten über den Wohnungsmangel in Stuttgart und das Für und Wider von Wohnungsbau auf der grünen Wiese beeinflussen, die zuletzt auch den OB-Wahlkampf mitgeprägt hatten. Wesentlicher Grund für die Preisentwicklung sei die mit dem Bevölkerungswachstum verbundene starke Nachfrage nach Wohnraum, erklärte die Stadtverwaltung. Es lasse sich weiterhin eine Entkoppelung der Stuttgarter Mietpreise von der Entwicklung auf Landesebene beobachten. Ähnlich wie in vielen anderen Ballungszentren bleibe die Marktanspannung in Stuttgart auf einem sehr hohen Niveau. Allerdings hatte sich der Einwohnerzuwachs zuletzt wieder etwas abgeschwächt.