Der Palast der Republik überträgt keine EM-Spiele und erlebt trotzdem einen Ansturm der Fans. Das Bier ist hier billiger als in der Fanzone. Jetzt droht die Stadt dem Wirt ein Zwangsgeld an, sollten seine Gäste etwa auf dem Gehweg trinken.
Die Stadt Stuttgart ist noch bis Sonntag Host City der EM – das bedeutet: Ausnahmezustand! In ihrer Zwischenbilanz rühmen die Veranstalter die großartige Stimmung. Fans, die alle lieben, also die Schotten, zogen mit Dudelsäcken vergnügt durch die Stadt. Sind sie dabei vom erlaubten Bereich abgekommen? Wissen sie, dass man in Stuttgart nur auf den dafür zugewiesenen Flächen feiern und was trinken darf?
Wer dachte, dass die Stadt in all der EM-Euphorie mal ein Auge zugedrückt, der irrt. Den Brief, den Palast-Betreiber Stefan Schneider aus dem Rathaus bekommen hat, kommentiert er mit einem Wort: „Unglaublich!“ In diesem Brief beklagt ein Sachbearbeiter der Gewerbe- und Gaststättenbehörde, dass Gäste dieses Hotspots ihre Getränke auf dem Gehweg, an Ampelübergängen, an Eingängen und auf der angrenzende Straße getrunken hätten, obwohl sie das nur „auf genehmigten Straßenwirtschaftsflächen“ tun dürften. Es lägen auch Beschwerden über laute Musik vor. Durch das Gästeaufkommen sei die Zahl der Toiletten nicht ausreichend. „Ein ungehindertes Durchkommen“ sei draußen mitunter nicht mehr möglich.
Zwangsgeld in Höhe von 500 Euro angedroht
Die Behörde fordert den Wirt dazu auf, wenn wieder ein Ansturm herrscht, nicht alle Gäste zu bedienen, sondern etliche abzuweisen. Bei Zuwiderhandlung droht die Stadt ein Zwangsgeld in Höhe von 500 Euro an. Man werde die Polizei ersuchen, regelmäßig zu kontrollieren und bei Verstößen sofort den Betreiber zur Kasse zu bitten.
Der Schreiber der Behörde, so ist zu vermuten, dürfte kein Stuttgarter sein. Sonst wüsste er, dass die denkmalgeschützte Minibar in einer ehemaligen Bedürfnisanstalt zu den kuriosesten Attraktionen des hiesigen Nachtlebens gehört und zum Imagegewinn von Stuttgart beiträgt. In der Stadtwerbung werden immer wieder Bilder von dieser unkonventionellen Art des Feierns verwendet. Diese Bilder sollen das Klischee vom spießigen Provinzstädtle Stuttgart widerlegen.
Kürzlich war OB Nopper im Palast der Republik zu Gast
In über 30 Jahren hat’s bisher niemanden gestört, wenn ein Gast mit einer Bierflasche auch mal auf dem Gehweg steht. Der Palast verfügt über „nur“ 120 Sitzplätze, die meisten Gäste stehen deshalb drum rum oder hocken am Rand der Rabatte. Diese einzigartige Gastro-Einrichtung befindet sich im Besitz der Stadt. Kürzlich kam OB Frank Nopper zu Besuch und lobte das besondere Flair dieser Institution. Die Stadt hat den Pachtvertrag mit dem Wirt bis 2039 verlängert.
Da sich die Behörde auf „anonyme Beschwerden“ beruft, fragen sich nun Palast-Besucher: Stecken gar Wirte der Fanzone dahinter, weil es ihnen nicht passt, dass bei ihnen angesichts der hohen Bierpreise (6,50 Euro für die Halbe) wenig los ist und die Massen zum ehemaligen Klohäuschen ziehen, wo das Bier 4,80 Euro kostet? Und was denkt sich die Stadt dabei, mit so einer Androhung bei auswärtigen Gästen den Eindruck zu erwecken, Stuttgart sei immer noch Provinz?
Die ganze Stadt eine Partyzone
„Es war doch von der Stadt gewollt, dass während der EM gefeiert wird“, sagt Wirt Stefan Schneider. Nun will er von der Gaststättenbehörde wissen, ob sie auch benachbarte Einzelhändler und Supermärkte für Trinkgelage etwa auf der Treppe des Kleinen Schlossplatzes verantwortlich mache. Großer Ansturm herrschte in den EM-Tagen bei zahlreichen anderen Lokalitäten. Auf der Bolzstraße etwa ist Bier in Dosen palettenweise verkauft worden. Die Konsumenten mischten sich unter die Palast-Gäste – getreu dem Motto: Die ganze Stadt ein Stadion, die ganze Stadt eine Partyzone. Wirt Schneider hat sein Personal angewiesen, Getränke nur an Gäste auszugeben, wenn sie auch hier trinken wollten. Dennoch könne nicht verhindert werden, dass manche doch die Getränke to go mitnehmen würden.
Vielleicht ist es gut, dass die schottischen Fans bereits wieder zu Hause sind. Die würden sich wahrscheinlich darüber köstlich amüsieren, dass man in Stuttgart bei einer EM zwar feiern darf und soll, aber alles tun muss, um nicht mit einem Bier auf dem Gehweg erwischt zu werden, weil sonst der Wirt Ärger bekommt.
Was die städtische Pressestelle dazu sagt
„Der Palast wächst über sich hinaus“, erklärt Stadtsprecher Sven Matis. Dies wirke sich „massiv auf den Fuß- und Radverkehr“ aus. Außerdem biete der Betrieb nicht genügend Toiletten für die Menge an Publikum. Die Auswüchse seien so massiv, „dass man beide Augen hätte zudrücken müssen“. Die Gaststättenbehörde habe den Betreiber deshalb „mit dem mildesten Mittel der Abmahnung“ an den Umfang seiner Konzession erinnert. Eine Ausdehnung der Außengastronomie auf die Geh- und sogar Straßenfläche sei nicht hinnehmbar.
In der EM herrscht Ausnahmezustand – da soll eine Ausnahme nicht möglich sein? „Das ist realitätsfremd, wenn man sieht, was bei der EM los war“, sagt Stefan Schneider, der an einer gütlichen Lösung interessiert ist. Deshalb will er Vertreter der Behörde einladen. Am Freitag hat er Gitter angebracht. Nun überlegt der Wirt, ob er am 27. Juli zumacht. Da ist traditionell „Lehrertag“ zum Ferienbeginn. Aus ganz Baden-Württemberg verabreden sich Lehrer im Palast. Der Ausflug ist ein Statement für Stuttgart. Doch dann würde manch einer auf dem Gehweg stehen. Dies könnte Schneider die Konzession kosten.
Wenn sich die Absage in den sozialen Medien herumspricht, könnte der Aufschrei groß sein. Was ist plötzlich in Stuttgart gefahren, dass die Stadt verbietet, was jahrelang erlaubt war? Kehrt das Provinzimage zurück?