Die Sozialarbeiter der Stadt beraten aktuell rund 1400 Geflüchtete. Foto: /Lichtgut/Max Kovalenko

Den alten Betreuungsschlüssel, bei dem ein Sozialarbeiter 80 Geflüchtete beraten soll, kann die Stadtverwaltung nicht halten. Weitere Kürzungen von Bund und Land sind bereits in Aussicht.

Es kommt einer Kapitulation gleich, die jedoch nicht leichtfertig getroffen wird und nicht selbst verschuldet ist. Eine Mehrheit des Sozialausschusses des Ludwigsburger Gemeinderats hat am Mittwochabend entschieden, den Betreuungsschlüssel für Geflüchtete hochzusetzen. Bisher war ein Sozialarbeiter der Stadt für 80 Schutzsuchende in der Anschlussunterbringung zuständig, zukünftig berät einer bis zu 100.

 

Diese Veränderung scheint nicht ungewöhnlich. Auch das Landratsamt kündigte laut der Ludwigsburger Bürgermeisterin Renate Schmetz bereits Kürzungen für die Beratungen der Flüchtlinge in ihrer Verantwortung an. Mit einer Quote von bis zu 1:100 liegt Ludwigsburg im Vergleich zu anderen Städten zudem in einem normalen Bereich. Stuttgart und Bietigheim-Bissingen haben beispielsweise eine Quote von eins zu 90.

Verschiedene Gründe für Anhebung

Doch warum braucht es diesen Schritt? Trotz immer neuer Stellenaufstockungen in den vergangenen Monaten, konnte das Team der Sozialarbeit seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges die selbst auferlegte 80er-Quote nicht mehr halten. Für die Verwaltung scheint nun eine Grenze erreicht zu sein.

„Wir hecheln einem Ziel hinterher, dass wir gar nicht erreichen können“, sagte Schmetz während der Sitzung. Die Anpassung gebe den Sozialarbeitern mehr Flexibilität und sei eine formale Anpassung an eine bereits gelebte Realität. Zudem wird gespart: Laut Beschlussvorlage 10 bis 20 Prozent der Kosten für Sozialarbeit mit Geflüchteten.

Zufrieden war mit der Entscheidung am Mittwochabend jedoch niemand, im Gegenteil. Verärgert und teils emotional kritisierten Schmetz und die Räte die Bundes- und Landespolitik. Denn zum einen stehen laut Schmetz 30 Prozent der Bundesmittel für die Flüchtlingsberatung auf der Kippe. „Wir werden im Regen stehengelassen.“

Zweitens hat die Landesregierung geregelt, dass ein Schutzsuchender nur noch drei Jahre Recht auf eine Beratung hat. Hört sich erst einmal nach einer Entlastung für die Stadt an, für die Integration sei das jedoch „fatal“, sagt Schmetz.

Die Stadträte wirkten am Mittwoch ratlos. Mann müsse den Betreuungsschlüssel wohl anpassen, sagte Margit Liepins (SPD). „Ich habe auch keine andere Lösung.“ Irgendwann müsse über die Machbarkeitsgrenze diskutiert werden, sagte Reinhardt Weiss (Freie Wähler). Er forderte, dass die Städte der Region einen Brandbrief an die Bundes- und Landespolitik schreiben.

Am Ende stimmten die Ausschussmitglieder mehrheitlich für den Beschluss, die Betreuungsquote hochzusetzen. Nur Grünen-Rätin Arezoo Shoaleh stimmte dagegen: Mit einer 100er-Quote seien Sozialarbeiter überlastet und Integrationsziele könnten nicht erreicht werden.

Integrationsarbeit in der Stadt Ludwigsburg

Zahlen
 In der Stadt Ludwigsburg sind etwa 1800 Geflüchtete in Unterkünften untergebracht. 1500 davon in der sogenannten Anschlussunterbringung der Stadt. 756 kommen aus der Ukraine, 227 aus Syrien – mehr als 90 jeweils aus Nigeria und dem Irak.

Arbeit
 Von den 1500 Geflüchteten in der Anschlussunterbringung in Ludwigsburg befinden sich 197 in einem Arbeitsverhältnis oder in einer Aus- und Weiterbildung. 591 haben keine Arbeit und besuchen keine Bildungseinrichtung. Von den 591 sind jedoch 400 erst ein Jahr oder kürzer in Deutschland.

Beratung
 Von den 1500 Geflüchteten in der Anschlussunterbringung werden 1400 beraten. Die restlichen 100 benötigen keine Beratung oder wünschen diese nicht.