Von Festen und Folklore ist 1942 in der „Stadt der Auslandsdeutschen“ nicht mehr viel übrig. Doch am Charlotteplatz lebt die Tradition fort, die Stuttgart einen Nazi-Ehrentitel bescherte.
Als am 10. Januar 1942 in Stuttgart das 25-jährige Bestehen des Deutschen Auslandsinstituts (DAI) begangen wird, verunziert ein Hakenkreuz das Alte Waisenhaus. Die Stadt, die sich seit 1936 mit dem Attribut „Stadt der Auslandsdeutschen“ schmücken darf, empfängt die Gäste in noch unversehrter Schönheit, aber zum Feiern ist im dritten Kriegsjahr niemandem zumute.
1942 gibt es kein Meer aus (Hakenkreuz-) Fahnen wie noch beim 20-jährigen Bestehen und auch keine auslandsdeutschen Festtage mit Festzügen, Trachten, Musik und Kameradschaftsabenden wie vorher zu den Jahrestagungen oder 1938 beim Schwäbischen Sängerfest: „Der Gedenktag fällt in die Zeit des gewaltigen Kampfes, den das deutsche Volk für die Zukunft zu bestehen hat“, schreibt der DAI-Leiter Hermann Rüdiger in der Instituts-Zeitschrift „Deutsche im Ausland“. Allerdings ist 1941 das Gartenschaugelände auf dem Killesberg Schauplatz des volksdeutschen Trachtentreffens mit Teilnehmern aus Böhmen, Mähren, der Slowakei, dem Elsass und Südtirol. 1942 wird dort eine Ausstellung über slowakische Volkskultur samt Bauernhäusern aufgebaut und in der Liederhalle wird ein „Lied der Auslandsdeutschen“ uraufgeführt.
Sichtbar wird Stuttgarts Status als „Stadt der Auslandsdeutschen“ am Wilhelmspalais, das zum „Volksmuseum der Auslandsdeutschen“ umgebaut und am 7. August 1936 in Anwesenheit von Adolf Hitler als „Ehrenmal der deutschen Leistung im Ausland“ eingeweiht wird. „Den Deutschen im Ausland“ steht damals an der Fassade, wo heute der Schriftzug „Stadtpalais“ prangt. Täglich werden Gruppen und Schulklassen durchgeschleust, 80 000 Besucher im Jahr.
Was damals im Stadtpalais zu sehen ist
Es geht um deutsche Siedlungsgeschichte, Dioramen zeigen Stadtbilder von Flandern bis Riga, man kann Handwerkern bei der Arbeit zusehen und Trachten und Bauernstuben samt ländlichem Hausrat bestaunen. Man habe hier, rühmt 1937 Harald Krasser in der siebenbürgischen Zeitschrift „Klingsor“ im zeittypischen Duktus, „eine Erziehungsstätte völkischen Willens und ein Mahnmal an jene Deutschen geschaffen, die außerhalb der Reichsgrenzen im Volkstumskampf stehen.“
„Stadt der Auslandsdeutschen“ ist einer von sieben Ehrentitel, die das Naziregime zwischen 1933 und 1938 an einzelne Städte verteilt. Am bekanntesten sind heute wohl die „Stadt der Bewegung“ (München) und die „Stadt der Reichsparteitage“ (Nürnberg). Für Stuttgart bedeutet der Titel nicht nur Trachten und Folklore, sondern auch die „Zuteilung einer Aufgabe, die alle Gebiete der Verwaltung und des öffentlichen Lebens in Stuttgart erfassen müsse“, wie der Oberbürgermeister Karl Strölin 1936 anlässlich der Verleihung schreibt.
Woher der Nazi-Ehrentitel kommt
Warum „Stadt der Auslandsdeutschen“? Den Begriff prägt der Reichsstatthalter Wilhelm Murr 1933, als das DAI gleichgeschaltet wird. Karl Strölin und Richard Csaki lösen damals den liberalen Theodor Wanner (Mitbegründer des Linden-Museums) und den Juden Fritz Wertheimer als Leiter des im Januar 1917 gegründeten Instituts ab. Dessen ursprünglicher Zweck lautet, die damals weltweit rund 30 Millionen Deutschen oder Deutschstämmigen im Ausland Kontakt zu halten – auch, um zu viel Assimilierung im Gastland zu verhindern. Erklärtes Ziel ist „die Wiedererweckung der deutschen Gesinnung“. Dafür wird bis 1939 ein Netz von fast 3000 V-Leuten weltweit aufgebaut, also letztlich Spionen.
Im Krieg geht es weniger um das ausgewanderte Deutschtum, sondern darum, die Menschen „heim ins Reich“ zu holen, was nach Naziverständnis die zu germanisierenden Gebiete einschließt. So treffen Stuttgart im Juni und Juli 1942 laut DAI-Zeitschrift „auf dem geschmückten Hauptbahnhof Hunderte Heimkehrer aus Nord-, Mittel- und Südamerika ein.“ Etliche lateinamerikanische Länder erklären damals Deutschland den Krieg und machen den Deutschstämmigen auf ihrem Staatsgebiet das Leben schwer. Von den Rückwanderern sind „bisher 90 Prozent weitergereist. Die anderen bleiben im Centralhotel als Gäste der Stadt“, heißt es im Sommer 1942 in der städtischen Chronik.
Stuttgart ist damals auch das Zentrum der auslandsdeutschen Schüler- und Lehrlingsausbildung. 13 Wohnheime werden dafür gebaut oder übernommen. Die VHS bietet Deutsch- und Rechenkurse für Volksdeutsche an. Im Dezember 1942 kommen 50 volksdeutsche Lehrerinnen aus der Ukraine in Stuttgart an, wenig später volksdeutsche Jugendliche „als Nachwuchs für die Hitlerjugend“, heißt es in der Chronik. Damit ist wenig später Schluss: Im April 1943 schließt das Wilhelmspalais kriegsbedingt.