Stabwechsel im Sindelfinger Kulturamt: Horst Zecha tritt in die zweite Reihe zurück, der langjährige Musikschulchef Markus Nau übernimmt. Dieser Wechsel steht für Kontinuität in der Kulturarbeit, die überregional Anerkennung genießt.
Sindelfinger Kultur ist ein Markenzeichen – weit über die Stadtgrenzen hinaus und strahlt in die gesamte Region. Ihr Aushängeschild sind die Biennalen, die alle zwei Jahre zu einem neuen Thema mit überwiegend Akteuren aus der Stadt stattfinden. Zwei Köpfe steuern diese: Horst Zecha, der Kulturamtsleiter und Markus Nau, der Leiter der Musikschule. Nun tritt Zecha nach 17 Jahren als Chef zurück. Die letzten zweieinhalb Jahre seines Berufsleben will er der Erforschung der Stadtgeschichte widmen. Markus Nau übernimmt den Stab. Im Interview sprechen sie über ihre Pläne.
Herr Zecha, Kulturamtsleiter ist eine herausgehobene Position. Warum geben Sie diese knapp drei Jahre vor dem Ruhestand auf, um sich der Stadtgeschichte zu widmen?
Zecha Ich bin jetzt 17 Jahre Leiter des Kulturamts und habe eine unglaublich erfüllende Zeit erlebt mit vielen interessanten Begegnungen mit tollen Leuten. Und ich blicke dankbar zurück auf diese Zeit mit vielen sehr spannenden Projekten. Mit der Zeit setzt aber ein gewisser Verschleiß ein. In den letzten neun Jahren seit dem Stadtjubiläum befinden wir uns praktisch im Dauerveranstaltungsmodus. Alle zwei Jahre gibt es die Biennale: Entweder wir bereiten sie vor oder wir sind im Veranstaltungsjahr. Wenn man älter wird, empfindet man die Verantwortung dafür schwerer. Ich habe mich gefragt: Schaffe ich es, in die zweite Reihe zurückzutreten ohne die graue Eminenz im Hintergrund zu spielen? Meine Antwort war Ja. Es ist besser, man geht, solange das die Menschen noch bedauern. Jetzt freue ich mich, an die Anfänge meiner Tätigkeit in Sindelfingen zurückzukehren und mich wieder der Erforschung der Stadtgeschichte zu widmen.
Nau Unter uns gibt es diesen Satz: Bei tollen Veranstaltungen fällt auch etwas vom Sternenstaub auf uns als Organisatoren ab. Da ist, denke ich, viel Staub auf Horst Zecha gefallen.
Was ist ihr konkretes Forschungsobjekt Herr Zecha?
Zecha Ich werde mich Sindelfingen im 20. Jahrhundert widmen. Schon als ich hier 1987 in der Stadtgeschichtsforschung angefangen habe, ist mir aufgefallen, dass es sehr viel über die Stadt im Mittelalter gibt, aber wenig zur Zeitgeschichte. Ich habe in meinen Schubladen und im Kopf viele Puzzleteile zur Geschichte des 20. Jahrhunderts liegen. Die kann ich in den kommenden zwei Jahren zusammenfügen. Dazu werde ich auch viel in Archiven forschen.
Was waren ihre wichtigsten und herausragendsten Erlebnisse in den 17 Jahren? Auf was sind Sie stolz?
Zecha Es sind oft eher die kleinen Begegnungen. Die vielen Ehrenamtlichen, besonders die vielen jungen Leute, die bei uns mitmischen – das fällt auch Außenstehenden auf. Die haben eine ungeheure Energie und gehen mit Unbefangenheit an große Projekte heran. Sie kommen mit einer Idee und wenn man sie lässt und ihnen eine Basis gibt – Räume und Finanzen – dann entsteht daraus Großartiges. Das sehen wir in Sindelfingen. Nehmen Sie die Kinderfilmakademie oder die Junge Bühne. Die stellen wirklich Qualitätsvolles auf die Beine.
Nau Und diese jungen Leute wirken auch überregional. Nehmen Sie die Hanke-Brothers, die mittlerweile in ganz Deutschland unterwegs sind und Musik machen. Das sind Eigengewächse unserer Musikszene. Oder Johannes Held mit seinem Liedfestival. Über die Netzwerke dieser jungen Leute kommen wir wieder an andere Künstler und zu großartigen Konzerten.
Sind diese jungen Leute das Geheimnis des Erfolgs der Sindelfinger Kultur, die ja vor allem vom Engagement vieler Ehrenamtlicher lebt?
Zecha Das Geheimnis ist, glaube ich, Vertrauen. Wenn ich den jungen und alten Menschen vertraue und ihnen Freiraum gebe, dann wachsen sie über sich heraus. Das gilt auch für unser Verhältnis als Kulturamt zur Stadtverwaltung und dem Gemeinderat. Auch da herrscht Vertrauen. Wo gibt es das sonst, dass man uns sagt: Hier sind 250 000 Euro, macht mal eine Biennale daraus.
Die Biennale haben Sie beide ja als Tandem organisiert. Wie wird das künftig?
Nau Das ist der Wermutstropfen meines neuen Jobs: dass ich künftig auf meinen Tandempartner Horst Zecha verzichten muss. Wir sind ein eingespieltes Team ohne jede Eitelkeiten. Bisher habe ich noch keinen Ersatz gefunden. Allerdings unterstützen mich die Mitarbeiterinnen des Kulturamts, Astrid Paul und Tina Schömperle, sehr gut.
Zecha Ich glaube es ist selten, dass es ein solches Männerteam wie uns gibt: Ohne jedes Konkurrenzdenken. Das war eine tolle Zusammenarbeit.
Sie werden nicht mehr dabei sein bei der nächsten Biennale?
Zecha Ich werde Führungen über den Alten Friedhof anbieten. Aber bei der Organisation bin ich nicht mehr dabei. Ich werde mich nicht ungefragt in die Arbeit meines Nachfolgers einmischen – und habe ja auch eine eigene neue Aufgabe.
Herr Nau, wie werden Sie das Kulturamt umkrempeln?
Nau Ein Umkrempeln ist, glaube ich, nicht nötig. Vieles läuft hervorragend. Und ich muss mich zunächst ja einarbeiten, dann sind wir an der Vorbereitung der Biennale für das nächste Jahr. Und die Sanierung der Stadtbibliothek und der Galerie steht an. Da gibt es genügend zu tun. Außerdem muss ich bis Ende des Jahres die Musikschule weiterleiten. Erst dann wird ein Nachfolger da sein.
Verfolgen Sie auch neue Projekte?
Nau Es gibt ja diesen Beschluss des Gemeinderats zur Integration von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Das ist im Kulturbereich bisher nur wenig mehr als ein Papier. Das möchte ich gerne angehen. Als erstes versuchen wir das bei der nächsten Biennale, die ja unter dem Motto Vielfalt steht.
Was planen Sie da?
Nau Wir sind gerade dabei gemeinsam mit dem Amt für soziale Dienste Gespräche zu führen. Die verschiedenen Religionsgemeinschaften haben sich als Partner herauskristallisiert: neben den beiden großen christlichen Konfessionen auch die Moscheegemeinden, die orthodoxen Kirchen und einige andere. Wir planen so eine Art Stadtplan der Religionen, auf denen die Stationen wie Moscheen und Kirchen eingezeichnet werden. Manche Gemeinden und Vereine werden zusätzlich bei der Biennale noch Veranstaltungen anbieten, andere Informationstafeln mit QR-Code aufstellen. Auch mehrere überkonfessionelle Pilgerwege sind angedacht
Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem neuen Job gekommen? Hat Herr Zecha Sie empfohlen? Oder haben Sie sich beworben?
Zecha Ich habe mich ganz bewusst aus der Nachbesetzung herausgehalten. Aber ich bin sehr froh, dass Markus Nau mein Nachfolger wird.
Nau Ich wurde vom OB Dr. Vöhringer gefragt, ob ich das machen will. Er möchte wohl Kontinuität in der Kulturarbeit. Dafür stehe ich. Schon aus der langjährigen Zusammenarbeit mit Horst Zecha.
Und was reizt Sie am Kulturamt so? Sie kommen doch von der Musik?
Nau Es ist ein bisschen ähnlich wie bei Horst Zecha. Mit der Zeit braucht man etwas Neues und ich bin nun seit mehr als 20 Jahren der Leiter der Sindelfinger Musikschule. Und dass sich mir im späten Berufsalter noch einmal eine solche Chance bietet, das ist ein Glücksfall, dafür bin ich dankbar. Ich muss einiges, was mir wichtig ist, dafür aufgeben: Das Dirigieren bei der Stadtkapelle zum Beispiel. Ich werde oft gefragt: Wirst du nicht deine Proben vermissen? Dann antworte ich: Nein, ich habe in meinem Leben etwa 5000 Proben als Dirigent geleitet, das brauche ich nicht mehr.
Und was werden Sie künftig nicht vermissen, Herr Zecha?
Zecha Die Verantwortung für die Mitarbeiter, die im Laufe der Jahre immer schwerer auf meinen Schultern gelastet hat. Die Angst, dass bei einer Veranstaltung jemand verunglückt. Die Frage, wie reagiere ich, wenn ich sehe, dass sich jemand zu viel zumutet. All das ist künftig nicht mehr in meiner Verantwortung.
Gibt es etwas in Ihrer Amtszeit, das Sie bedauern?
Zecha Dass wir mit der Sanierung der Kulturstätten nicht so vorangekommen sind, wie ich das für nötig halte.
Und auf was freuen Sie sich?
Zecha Auf die Biennale. Ich werde nicht darüber nachdenken müssen, ob es genügend Stühle gibt und wo sich der Notausgang befindet. Ich setze mich hin, schaue zu und genieße.
Der Kultur verbunden
Horst Zecha
Geboren wurde Horst Zecha 1959 in Holzgerlingen und er lebt bis heute dort. Er besuchte das Sindelfinger Goldberg-Gymnasium und studierte anschließend Germanistik und Geschichte in Tübingen. 1987 kam er – zunächst mit einer befristeten Stelle – nach Sindelfingen, wo er die Stadtgeschichte erforschte. Bald wurde er Leiter für die Museen der Stadt, später kam noch das Archiv dazu. 2005 wurde er zunächst kommissarischer, zwei Jahre später offizieller Leiter des Kultur- und Schulamts. Das Schulamt wurde vor einigen Jahren abgespalten.
Markus Nau
Der gebürtige Cannstatter, Jahrgang 1964, wuchs in Ehningen auf und war ebenfalls Schüler des Goldberg-Gymnasiums. Er studierte Trompete und Dirigieren an der Stuttgarter Musikhochschule. Schon früh dirigierte er in Sindelfingen: den Kammerchor, die Stadtkapelle und andere. Seit 1999 leitet er die Sindelfinger Schule für Musik, Tanz und Theater (SMTT).