Kernstück des Staatstheater-Areals in Stuttgart: das sanierungsbedürftige Opernhaus Foto: dpa

Aktuell wird heftig über die städtebauliche Neuordnung des Staatstheater-Areals in Stuttgart diskutiert. 2018 bekommen Oper, Ballet und Schauspiel neue Intendanten. Dies aber darf die lange überfällige Sanierung des Opernhauses und die baulichen Neuordnungen nicht beeinflussen, finden die „Stuttgarter Nachrichten“.

Stuttgart - Das mit Oper, Ballett und Schauspiel größte Dreispartentheater Europas steht wo? In Stuttgart. Das mit einer Auslastungsquote von insgesamt knapp 90 Prozent in Zahlen erfolgreichste Theater dieser Größe steht wo? In Stuttgart. Das Theater, das international für seine künstlerische Linie und Qualität in der Oper und im Ballett gefeiert wird und im Schauspiel auch bittere Realitäten der Stadtgesellschaft beleuchtet, gibt es wo? In Stuttgart.

Das Staatstheater Stuttgart ist eine Vorzeigebühne. Bis hin zur gleichberechtigten Verantwortung der Künstlerischen Intendanten Reid Anderson (Ballett), Armin Petras (Schauspiel) und Jossi Wieler (Oper) und des Geschäftsführenden Intendanten Marc-Oliver Hendriks für die Lenkung und Weiterentwicklung des Gesamtgebildes Staatstheater.

Vorzeigebühne und Sanierungsfall

Zugleich aber gilt: Das Staatstheater Stuttgart – besser: das Staatstheater-Areal in der Stadtmitte – ist ein Sanierungsfall. Und längst geht es nicht mehr nur um betriebsgefährdende technische Unzulänglichkeiten im mehr als 120 Jahre alten Opernhaus. Mit gutem Grund. Von den Werkstätten über die künstlerischen Vorbereitungsräume und die Gastronomie bis hin zu den Möglichkeiten der zu Recht eingeforderten Vermittlungsarbeit für alle Zielgruppen liegt das Staatstheater Stuttgart meilenweit selbst hinter bloßen Standards.

Ein bisschen Sanierung geht längst nicht mehr. Die große Lösung muss kommen. Nicht von der Sanierung des Opernhauses ist zu sprechen, sondern von einer Sanierung und Neuordnung des Staatstheater-Areals. Der Finanzbedarf ist gewaltig – 340 Millionen Euro sind aktuell veranschlagt. Ein Volumen, das mehr als nur den politischen Willen einer Landesregierung und einer Stadtregierung (Land und Stadt tragen das Staatstheater gemeinsam) verlangt. Sanierung und Neuordnung des Staatstheater-Areals sind eine Herkulesaufgabe. Vor allem aber: Sie sind von zentraler Bedeutung für den Standort Metropolregion Stuttgart. Und sie werden nur über den Schulterschluss der Politik mit einer engagierten Bürgerschaft und Unternehmen möglich sein, die klug das viel beschworene „Ringen um die besten Köpfe“ ernst nehmen.

Personeller Neuanfang in Oper, Ballett und Schauspiel

Mitten hinein in die absehbaren Diskussionen vor allem des kommenden Jahres fällt im Herbst 2018 ein künstlerischer Neuanfang in allen drei Sparten. Die Ära Reid Anderson endet mit der Übergabe der Ballettintendanz an Tamas Detrich, die ebenso erfolgsverwöhnte Oper erlebt den Stabwechsel von Jossi Wieler an Viktor Schoner – und auch das Schauspiel wird mit Burkhard C. Kosminski (für Armin Petras) neue Wege gehen.

Der zeitgleiche Wechsel in der Verantwortung der künstlerischen Linien für Oper, Ballett und Schauspiel war nicht geplant. Und er birgt durchaus Risiken. Drei Spielzeiten wollen Tamas Detrich und Viktor Schoner das Opernhaus nutzen, müssen sie Fuß fassen, zugleich Ballett und Oper auch in den internationalen Diskussionen halten. 2021 dann sollen die Baumaßnahmen beginnen, muss ein Ausweichquartier bereitstehen.

Künstlerisch ist Zeitgenossenschaft gefragt

Das Staatstheater Stuttgart bewegt sich 2018 und 2019 in absehbar stürmischer See. Gerade dann aber gilt es, Kurs zu halten, das Befragen der (eigenen) Geschichte mit unbedingter Zeitgenossenschaft zu beflügeln. Es kann Holperer geben, Eindrücke, die kritische Fragen provozieren. Umso mehr braucht die ­Vorzeigebühne sichtbare, fühlbare und hörbare Unterstützung für die bauliche Neuordnung ihres Gesamtareals. Nicht nur von der Politik. Und nicht nur dann, wenn die Lobpreis-Wimpel auf hoher, ruhiger See lustig im Wind flattern.

nikolai.forstbauer@stuttgarter-nachrichten.de

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