Erstmals seit 16 Monaten gibt es wieder Premieren mit Publikum im Staatstheater Stuttgart. Ist die Vorfreude so groß wie die Anspannung? „Stuttgarter Nachrichten“-Titelautor Nikolai B. Forstbauer hat sich hinter den Kulissen umgesehen.
Stuttgart - Die Leere in den verwinkelten Gängen des Stuttgarter Opernhauses bleibt ungewohnt. Kein eiliges Grüßen freudiger Gesichter im Vorübergehen, kein Sekundenplausch. Und doch herrscht Hochbetrieb hinter den Kulissen. Erstmals seit fast 16 Monaten hebt sich an diesem Samstag der Vorhang im 1400 Besucherinnen und Besucher fassenden Zuschauerraum für eine Ballettpremiere mit Publikum. Ballettintendant Tamas Detrich ist hörbar erleichtert. „Wir erobern unseren Raum – das Opernhaus – als Ort der Begegnung zwischen Publikum und Tänzern endlich zurück!“, sagt Detrich und ergänzt: „Für beide Seiten gilt: Nichts ersetzt das Gefühl, live dabei zu sein!“
700 Gäste im Opernhaus
Keine 1400 Augenpaare werden den Abend „New Works“ mit Stücken der früheren Haus-Choreografen William Forsythe, Christian Spuck und Marco Goecke sowie von Edward Clug verfolgen. Aber ein Modellversuch des Sozialministeriums für die Öffnung der Kulturbetriebe lässt das seit mehr als einem Jahr von Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant des Staatstheaters, immer wieder geforderte „Schachbrett“ zu. Ein besetzter Platz ist umgeben von je einem leeren Stuhl – 700 Gäste sind so möglich. Leicht hätte das Stuttgarter Ballett, das in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen feiert, das Zehnfache der Karten verkaufen können. „Mein Herz klopft jetzt schon, wenn ich an die Premiere denke“, sagt Detrich. „Es wird das große Highlight der Spielzeit für uns sein und auf jeden Fall unserem Jubiläum würdig!“
Das Haus lebt davon, dass es lebt
Auch für Diana Eckmann sind es aktuell „ganz besondere Tage“. Seit 21 Jahren arbeitet sie im Staatstheater, mit seinen 1400 Beschäftigten das größte Dreispartenhaus der Welt. „Es ist etwas ganz anderes“, sagt die Produktionsleiterin Kostüm im Stuttgarter Ballett, „ob wir für einen Livestream mit einer Besetzung arbeiten oder für einen Abend, der 17-mal in möglichst vielen Besetzungen getanzt wird.“ Und Eckmann, die „viele abgebrochene Kontakte“ nicht unerwähnt lässt, fügt fast einen Leitsatz hinzu, wenn sie sagt: „Unser Haus lebt davon, dass es lebt.“
Jede Aufführung vor Publikum ist kostbar
Da darf man auch Bitterkeit und Trauer heraushören. Beides formuliert auch Intendant Tamas Detrich: „In der Zeit, die wir hoffentlich hinter uns haben, war das Gefühl der Leere am schlimmsten – vor allem für die Tänzerinnen und Tänzer. Was auf die Kompanie also vor allem wirkt, ist das Bewusstsein, wie kostbar jede Aufführung vor Publikum und wie lebensnotwendig der Austausch mit einem Publikum ist.“
Ein Team im Sturm
Zum Austausch gehört die Ansprache – und für die ist im Staatstheater zuvorderst Denis Mörgenthaler mit seinem zehnköpfigen Team verantwortlich. Der 40-Jährige ist Teamleiter telefonischer Kartenservice und damit – ob negativ oder positiv – fast immer im Sturm. Als erste Anlaufstelle für die „enorm wichtige Vermittlung“ (Mörgenthaler) spüren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des telefonischen Kartenservice mit als erste, wie es um die Stimmung des Publikums bestellt ist.
Telefonischer Kartenservice gefragt wie nie
Spielt aber die telefonische Kartenbestellung wirklich noch eine nennenswerte Rolle? Mörgenthaler lacht. „Seit 2015 gibt es die Digitalbuchung. Aber seitdem hat für uns die Arbeit in gleicher Weise zugenommen“ – zu den zahlreichen Zusatzservices des Staatstheaters werden „fast unendlich viele Fragen gestellt“. Entsprechend „werden wir unsere Erreichbarkeit schnell hochfahren“ – von jetzt vier auf bald wieder acht Stunden.
Wissen, wer wo sitzt
Damit sich aber nach dem Ticketverkauf irgendetwas bewegt im Staatstheater, braucht es noch viele Hände. Auch die von Maurus-Bernhard Zinser. Als Abteilungsleiter Besucherservice hat er wiederholt Hygienekonzepte erarbeitet. Dazu gehören von diesem Samstag an die „3-G-Kontrolle“ (geimpft, getestet, genesen) noch vor dem Opernhaus, die Ticketkontrolle an den inneren Foyer-Türen und die Besucherdatenerfassung. „Wir wissen, welcher Gast auf welchem Stuhl sitzt“ , sagt Zinser – „inklusive Begleitperson.“ Sicher ist sicher.
Garderoben bleiben geschlossen
„Eine Stunde“, schätzt Zinser, „brauchen wir, um 700 Gäste zu überprüfen.“ Wer eine Karte hat, sollte also entsprechend früh vor Vorstellungsbeginn am Opernhaus sein. Und möglichst ohne Mantel und Tasche kommen. „Die Abstandsregeln“, sagt Maurus-Bernhard Zinser, „wären an der Garderobe nur sehr schwer einzuhalten.“ Sein Team ist bereit, alle jeweils eingesetzten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für jeden Vorstellungstag getestet. „Themen, die wir intensiv bearbeitet haben“, sagt er, „sind: Wie zeige ich ein Lächeln unter der Maske? Wie signalisiere ich durch Körpersprache, bitte die Abstände einzuhalten?“ Professionelle Hilfe auf dem Weg zum Modellversuch holte sich das Staatstheater auch von der Tübinger Pandemiebeauftragten Lisa Federle.
Freyers Blick auf Molière
Doch nicht nur im Opernhaus gibt es an diesem Samstag eine Premiere. Im Schauspielhaus hat um 19.30 Uhr Molières Lustspiel „Don Juan“ Premiere – und der künstlerisch ewig junge Gesamtkünstler Achim Freyer dürfte für manch Zeitbezug sorgen. Auch Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski kann das „Schachbrett“ nutzen. 343 von 661 Plätzen können belegt werden. Aber alle Gespräche hinter den Kulissen und in den Schauspielhaus-Foyers drehen sich nur um eines: die Zuschauerzahl möglichst schnell erhöhen zu können.
Wer haftet im Covid-Fall?
„Wir freuen uns alle sehr, dass es wieder losgeht“, sagt Philipp Unger, Leiter der Requisite Schauspielhaus. „Alle beweglichen Teile“ gehören zu seinem Verantwortungsbereich. Die Pandemie habe vieles einfach auf den Kopf gestellt. Wie geht Schauspiel, wenn niemand etwas anfassen darf, was schon eine andere Hand berührt hat? „Die Covid-19-Anforderungen“, sagt Unger, „fließen von Beginn an in die Arbeit der Regieteams ein.“ Die Herausforderung ist groß: „Klar“, so Unger, „haben wir die Haftung, dass sich niemand etwas einfängt.“ Achim Freyer lasse sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen. „Er strahlt eine wunderbare Souveränität aus und macht zugleich so viel Lust, Theater zu entdecken“, sagt Unger.
Theater will „vollständige Öffnung“
Das Staatstheater Stuttgart also ist bereit für seinen ersten Premierenabend mit Publikum seit langer Zeit. Derweil gibt Marc-Oliver Hendriks bereits ein neues Ziel aus. „Das ,Schachbrett‘“, sagt der Geschäftsführende Intendant, „bedeutet einen wesentlichen Zwischenschritt auf dem Weg zu einer vollständigen Öffnung, die wir für die kommende Spielzeit jetzt schon betrieblich planen. Durch einen erfolgreichen Modellversuch sind wir der ,Icebreaker‘ für alle Theater und Orchester in Baden-Württemberg.“
Erster Auftritt in Stuttgart vor Publikum
Ganz besondere Bedeutung hat der Neustart für Mackenzie Brown. Im September 2020 als Gewinnerin des Prix de Lausanne (2019) ins Stuttgarter Ballett gekommen, wird die junge US-amerikanische Tänzerin an diesem Samstag zum ersten Mal im Opernhaus vor Publikum auftreten. „Ich verspüre eine immense Aufregung“, sagt sie, „aber auch Dankbarkeit für die Gelegenheit, endlich das tun zu können, was ich am meisten liebe: mit meinen geschätzten Kolleginnen und Kollegen vor Publikum aufzutreten! Die Bühne ist unser Zuhause. Dorthin zurückzukehren ist ein Traum!“