Das Stuttgarter Opernhaus: schön, aber renovierungsbedürftig Foto: dpa

Am Staatstheater Stuttgart stehen die Zeichen auf Umbruch: Im kommenden Jahr treten in allen drei Sparten – Oper, Ballett und Schauspiel – neue Intendanten an. Doch die Politik hält damit nicht Schritt, kommentiert Tim Schleider.

Stuttgart - Zwei feste Rituale sind für die deutsche Leitkultur in diesen Wochen prägend: Auf den Mittagstisch gehört der Spargel – und die deutschen Theater stellen ihre Spielpläne für die kommende Saison vor. Beides hat ganz praktische Gründe: Das Stangengemüse sprießt nun mal aus dem Boden. Und die Bühnen sprechen jetzt über die Stücke der Zukunft, weil sie hoffen, damit das Interesse möglichst vieler neuer Abonnenten zu wecken.

Am Stuttgarter Staatstheater ist es just an diesem Dienstag so weit: Die künstlerischen Intendanten des größten Drei-Sparten-Hauses Deutschlands verraten, was sie für die Saison 2017/18 planen. Routine wie immer? Diesmal sicher nicht, denn in allen drei Sparten steht ein Kehraus an: Jossi Wieler wird im Sommer 2018 die Oper verlassen, Reid Anderson das Ballett und Armin Petras das Schauspiel. Was sie für die kommende Spielzeit ins Programm nehmen, wird auch den Charakter einer künstlerischen Bilanz haben. Also heißt es für das Stuttgarter Publikum: sich langsam, aber sicher auf den Abschied vorbereiten.

Ein Intendantenwechsel ist immer eine Zäsur

Theaterfans nehmen in aller Regel nur ungern Abschied. Ob Sänger, Tänzer oder Schauspieler, man hat sie zum Teil über viele Spielzeiten erlebt, ihre Entwicklung verfolgt, mit ihnen gejubelt, manchmal auch mit ihnen gelitten – und daran soll sich eigentlich gar nichts ändern. Der ganz eigene Stil, mit dem ein Intendant seine Bühne prägt, die Themen, die ihm wichtig sind, seine Haltung gegenüber dem Publikum: Just das ist es, was dieses Publikum an einem Haus schätzt, warum es sich dort stets auch ein bisschen zu Hause fühlt. Mag man das so einfach aufgeben?

An den festen, großen Bühnen ist ein Intendantenwechsel immer mit einer deutlichen Zäsur verbunden, inhaltlich und personell. Aber just das trägt wesentlich dazu bei, dass unsere Theaterszene so lebendig und vielfältig ist; dies würden in einer ruhigen Minute sogar Intendanten-Veteranen wie Claus Peymann und Frank Castorf zugeben, die jüngst in Berlin vehement die Meinung vertraten, ihre eigenen Verträge seien ja wohl für die Ewigkeit gemacht. Nein, die Kulturpolitik – und nur sie ist für die Berufung von Intendanten öffentlich finanzierter Häuser zuständig und verantwortlich – muss einen mittelfristig steten Wechsel im Blick haben. Denn dieser Wechsel gehört zur Kunst; nach jedem traurigen Abschied winkt die Chance eines Neuanfangs, eines produktiven Schubs.

Wichtige Eckdaten fehlen

An anderer Stelle allerdings muss die Kulturpolitik für Sicherheit und Zuverlässigkeit sorgen, und prompt (wie kommt das nur?) sind wir bei den Stuttgarter Staatstheatern schon wieder beim Thema Opernsanierung. Wenn Jossi Wieler, Reid Anderson und Armin Petras an diesem Dienstag die Abschiedssaison vorstellen, planen ihre Nachfolger Viktor Schoner, Tamas Detrich und Burkhard C. Kosminski längst schon über den Sommer 2018 hinaus. Und hier fehlen ihnen (und dem Geschäftsführenden Intendanten Marc-Oliver Hendriks) leider wichtige Eckdaten. Wann die seit 18 Jahren fällige Sanierung des Opernhauses beginnen wird, nach welchem Modell, in welchem Zeitraum, wo Oper und Ballett in der Zwischenzeit ihre Vorstellungen geben können, ob in einer Interimsspielstätte für drei, vier oder fünf Jahre, all dies ist heute kein Lichtfünkchen klarer als zum Zeitpunkt der Spielplan-Präsentation im vergangenen Frühjahr.

Oper, Schauspiel und Ballett: Drei Theatersparten von überregionalem, wenn nicht gar internationalem Rang, das sollte, das muss auch weiterhin ein Teil der Stuttgarter Leitkultur sein. Die Intendanten am Eckensee leisten dafür ihre Arbeit, die drei jetzt amtierenden ebenso wie die drei künftigen. Die Theatersanierung bleibt aber derweil die große und durchaus bedrohliche Unbekannte. Es wird höchste Zeit, dass auch die Kulturpolitik von Land und Stadt endlich ihren Bau-Spielplan vorlegt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: