Caroline Junghanns als Pünktchen, Foto: Bettina Stöß

Pünktchen und Anton wirbeln im Kreis, Piefke, der Hund, hüpft hinter ihnen, die Polizei spielt Swing, die Welt der Erwachsenen tanzt: Fantasie und Lebensfreude schlagen Brücken, das Schauspiel Stuttgart verwandelt Erich Kästners Geschichte in ein abwechslungsreiches buntes Kinderstück.

Stuttgart - Die Welt ist Zirkus, Rummelplatz. Pünktchen und Anton laufen über die Drehbühne des Staatsschauspiels, die eingeschlossen wird von einem prächtigen Tor, über dem großstädtische Bilder leuchten. Hinter einem dieser Bilder lebt Antons Mutter in einem kleinen Raum, hoch droben, in dem sie kauert, von ihrem Sohn gepflegt wird.

Die Schauspieler tanzen und turnen über die Drehbühne, sie werden von ihr davon­getragen und tauchen wieder auf, sie klettern am Tor hinauf und spielen über den Köpfen ihres Publikums – Natascha von Steiger hat dieses Bühnenbild entwickelt.

„Pünktchen und Anton“, inszeniert von Hanna Müller, ist ein Stück voller Bewegung, Tanz und Nostalgie. Nina Gundlach hat ­schöne Kostüme geschaffen, eine dreiköpfige Band sorgt mit Kontrabass, Gitarre, Klarinette und Esslöffeln für beschwingte Stimmung – manchmal, nicht immer, in Uniform.

Die dicke Berta tanzt lustvoll mit dem Telefonpfosten

Caroline Junghanns mit kurzem Haar und Brille, farbigem Kleid und kleinem Kragen, spielt Pünktchen mit naivem Charme; Christian Czeremnych ist Anton, der Lausbub aus der Unterschicht, ihr bester Freund. Sie sind ein ungleiches Paar, denn Anton ist arm, seine Mutter ist krank, ein Geschwür wurde aus ihr herausgeschnitten, er muss betteln ­gehen, um sie zu versorgen, und er versagt in der Schule, weil er in der Nacht nicht schläft.

Pünktchen dagegen stammt aus reicher Familie, aber ihre Eltern, Herr und Frau Pogge (Sebastian Röhrle und Marietta ­Meguid), kümmern sich nicht sehr um sie, überlassen ihre Erziehung dem Kinder­fräulein Andacht (Birgit Unterweger). Die allerdings wird von ihrem fiesen Verlobten erpresst, von Robert, dem Teufel, in dem ebenfalls Sebastian Röhrle steckt.

Robert will das Haus der Pogges überfallen – da kommt die große Stunde der dicken Berta (Rahel Ohm), die, von Anton alarmiert, die Räuber k. o. schlägt, mit den Polizisten turtelt, von der Band einen Tango bekommt und lustvoll mit dem Telefonpfosten tanzt.

Den Zeigefinger muss das Stück kaum heben, nur an einer Stelle zitiert es Bertolt Brecht

Erich Kästners Buch erschien zwischen den Weltkriegen und vermittelt, kinderleicht verspielt, Sozialkritik. Hanna Müllers Inszenierung nimmt den Ton auf, bietet dem ­jungen Publikum viel Unterhaltung, viele schöne Bilder, traumwandlerischen Überschwang, keinen Augenblick der Langeweile – und vergisst doch die Botschaft nicht. Den Zeigefinger muss das Stück kaum heben, aber einmal stehen sich Pünktchen und Anton gegenüber und sagen ein Gedicht auf, das Bertolt Brecht für Kinder schrieb: „Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

Das sind Worte, die nachhallen im bunten Treiben auf der Bühne. „Warum gibt es Arm und Reich?“, fragt Pünktchen. Antons Lehrer (Sebastian Rummel) – er heißt tatsächlich Zeigefinger – will es ihr erklären: „Wer erwachsen geworden ist, der möchte sein Geld nicht mehr teilen“, sagt er. Aber Pünktchen glaubt nicht daran: Sie würde die Hälfte ihres Geldes dann immer noch Anton schenken. Und auch sonst ist sie gescheit – sie geht erst in die vierte Klasse und weiß schon, was Fotosynthese ist. Der Lehrer wundert sich, Pünktchen sagt keck: „Waldorfschule“ – und das Publikum lacht auf.

Aber auch Pünktchen geht heimlich betteln, um Fräulein Andacht zu helfen, und schließlich verirrt sie sich in der anderen, der düsteren Welt der Armen: Die Musik wird bedrohlich, die Szene finster, surreal – Pünktchen irrt durch die Nacht, hinter der Bühne leuchten gelbe Strahler, bleiche Luftballons hüpfen umher, weiße Knollenmenschen springen auf die Drehbühne.

Die Kinder lieben den Hund Piefke – weil er fliegen kann

Frau Pogge, in ihrem teuren Kostüm eigentlich auf dem Weg zu einer Wohltätigkeitsgala im Schauspielhaus, läuft durch den Zuschauerraum, sucht ihre verlorene Tochter, zeigt auf sie und fragt ein Mädchen aus dem Publikum, ganz aufgeregt: „Das ist Pünktchen, ja? Was macht das Pünktchen hier?“ Die junge Zuschauerin gibt ihr artig Auskunft. Sie heißt Henrike und ist elf Jahre alt, das Stück gefällt ihr sehr gut: „Am besten ist der Hund, weil er fliegen kann!“, sagt sie nach der Vorstellung.

Und in der Tat: Hund Piefke kann fliegen, er ist ein Luftballon, den Pünktchen an der Leine hat, hundeförmig, gefleckt und so leicht wie dieses Stück, in dem zuletzt doch alles gut wird – anders als im Leben. Das ­allerdings verschweigt es nicht.

Nächste Termine: 26. 11. um 11 Uhr, 29. 11. sowie 25. und 26. 12. um 16 Uhr. Infos im Netz: www.schauspiel-stuttgart.de

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