Johann Jürgens blickt auf seine Arbeit in Stuttgart Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Armin Petras hat 2008 Johann Jürgens als Absolvent der Berliner Schauspielschule Ernst Busch ans Berliner Maxim-Gorki-Theater geholt. Und Jürgens ist Petras nach Stuttgart gefolgt. Als nächstes ist er dort in der Premiere von „Zeit zu lieben, Zeit zu sterben“ zu sehen.

Stuttgart - Die Augen, immer wieder diese hell aufscheinenden Augen. Mit ihnen schaut und guckt und starrt er unter der gerunzelten, von seinen unzähmbaren Locken umkränzten Stirn hervor und erkennt: schätzungsweise wenig bis gar nichts. Momente, in denen plötzlich alles gleichzeitig ist: Frust und Lust, Schmerz und Leid. Transzendentale Obdachlosigkeit gepaart mit einem ungläubigen „Booaah, ey!“.

Immer wieder zelebriert Johann Jürgens auf der Bühne dieses eigenartige Staunen über die selten schöne und meist schreckliche Welt. Zuletzt in „Tschewengur“ im Stuttgarter Schauspielhaus unter der Regie von Frank Castorf. Der Intendant der Berliner Volksbühne inszeniert einen gut fünfstündigen Amoklauf und Psychotrip durch die Revolutionshölle eines Andrej Platonov. Der zeugte zwischen 1926 und 1939 ein metaphernmächtiges Romanungetüm über den gescheiterten und blutigen Versuch, den russischen Menschen in eine sowjetische Klassenkampfmaschine zu verwandeln.

In der apokalyptisch anmutenden Bühnenlandschaft von Castorfs Inszenierung sucht der heimliche Held Platonovs, Sascha Dvanov – gespielt von eben diesem Augenzauberer Johann Jürgens – mit seinem Begleiter Sergej Kopjonkin (Astrid Meyerfeldt) das kommunistische Paradies. Er findet aber lediglich eine fiese Monsterkakerlake (Matti Krause), die sich alsbald in eines seiner Gliedmaße festbeißt, bis das Blut spritzt. An der faulenden, von der kapitalistischen Gier vergifteten Wunde krepiert nicht nur die Sozialutopie, sondern vor allem der Glaube an die Macht der Kunst.

Singen und Spielen

Und doch geschehen Zeichen und Wunder. Zwischen Hysterie und Wahnsinn ertönt ein Konzert. Johann Jürgens’ Sascha greift zum Cello. Und wie er das tut. Feine Instrumentenklänge statt hohler Worte – von einem mitreißenden Schauspieler, der auch ein begnadeter Musiker ist, obwohl er keine Noten lesen kann. Als seine Cello-Lehrerin einst darauf bestand, dass er Noten lernt, brach er die Ausbildung ab. Musik nehme er über das Gehör wahr, sagt er, nicht mit den Augen.

Bei „Songbook“, der schon legendären revueartigen Hommage an Johnny Cash im Schauspielhaus, durfte Jürgens eindrücklich seine Vielseitigkeit mit und ohne Instrument unter Beweis stellen. „Singen und Spielen setzen völlig unterschiedliche Energien frei“, schwärmt Johann Jürgens, der – logisch – eine Band hat. Sternburg Rot lautet ihr Name. Deutsches Liedgut. Powerpop, Punkrock – und etwas dazwischen, was an Falco und Müller-Westernhagen erinnert.

„Geil“, antwortet Johann Jürgens. „Einfach geil.“ Die Frage? Na, wie das erste Mal mit Frank Castorf so war, die persönliche Premiere mit dem wohl auch berüchtigtsten Regisseur Deutschlands. „Und er hat mich bei den Proben nur ein einziges Mal entnervt zurechtgewiesen“, berichtet Johann Jürgens sichtlich stolz.

Der 30-Jährige sitzt im Café vis-à-vis des Schauspielhauses, der Morgen ist noch frisch und jung. Beste Frühstückszeit. Ob es denn Erdbeertorte gäbe?, fragt Jürgens den verdutzten Kellner. Nein, Torte gibt’s nicht, dafür einen Apfelstrudel. Auch gut.

„Die Erfahrung mit Frank Castorf war wichtig. Sehr wichtig. Da ist etwas aufgegangen in mir“, sinniert Johann Jürgens und drückt die Gabel in den weichen Strudellaib so souverän wie Christoph Waltz es als Nazi in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ tut.

In Stuttgart angekommen

Der gebürtige Mecklenburger weiß, dass es keiner großen Gesten bedarf, um in Erinnerung zu bleiben. Beim Coolsein kommt es auf den Rhythmus an, die wohl gesetzten Pausen – und eine Gabel voll eines cineastischen Zitats kann auch nicht schaden. Wortlos gaffen, wenn alle quatschen. Einfach mal spontan zu Cello, Gitarre oder Schlagsahne greifen. Das Leben? Eine Bühne.

„Ich bin mit Tschewengur sensibler geworden“, flüstert Johann Jürgens fast zärtlich, und man weiß nicht, ob das vielleicht doch nur ironisch gemeint ist. Die Unberechenbarkeit harmoniert stilmäßig perfekt mit der Halbstarken-Attitüde: den Cowboystiefeln, dem Lederjäckchen, der Buddy-Holly-Tolle, den Röntgenaugen und der unverschämt sympathischen Zahnlücke. Wenn Jürgens sein schlawinerhaftes Lachen lacht, geht die Sonne zwischen den Wolken auf. Nie weiß man, woran man ist bei ihm, was auch für seine Figuren gilt, die er stets mit einer Aura des Naiven und Komischen umgibt. Ob als Kohlenmunk in Hauffs „Das kalte Herz“, Macheath in der „Dreigroschenoper“ oder in der Rolle des jungen Pfister in Wilhelm Raabes „Pfisters Mühle“ – Johann Jürgens zieht sein eigenes Ding durch, und er macht es gut. „Ich bin in dieser Stadt endgültig angekommen“, sagt er, betont das Vertrauen, den Zuspruch, den er bekommt. Das motiviert. Wohl deshalb ist Johann Jürgens ziemlich präsent nicht nur auf der Bühne. Im Kino kann man das Multitalent zurzeit neben seinem Ensemble-Kollegen Peter Kurth in der deutsch-tschechischen Produktion „Schmitke“ bewundern. Ein großer kleiner und vor allem geräuschvoller Film um zwei Windradtechniker, die in einem Kaff im Erzgebirge verloren gehen.

Nach Stuttgart kam Jürgens mit dem Intendanten Armin Petras, der den jungen Mann 2008 ans Maxim-Gorki-Theater in Berlin geholt hatte. Da hatte er gerade seine Ausbildung an der renommierten Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin absolviert. Er spielt viel, ist an diesem Dienstag in Fritz Katers „zeit zu lieben zeit zu sterben“ in der Regie von Antú Romero Nunes zu sehen. Und beklagt in einem Nebensatz, dass er oft das Gefühl habe, der Zeit beim Rasen zuzusehen. Ihm fehle die Zeit, die auf ihn einprasselnden Erfahrungen in seiner Theaterarbeit zu verarbeiten.

Und Berlin? An Berlin vermisst Johann Jürgens lediglich seine kleine Tochter, die er so oft wie möglich besucht und für die er kürzlich zum Geburtstag eine Kostümparty schmiss. Der Wunsch der vierjährigen Dame: Alle männlichen Gäste sollten als Batman erscheinen, die Mädchen als Dornröschen. Gesagt, getan. Papa Jürgens verkleidete sich als leicht verpeilter, verdammt cooler Superheld in Strumpfhosen. Ein Erfolg, wie nicht anders zu erwarten war.

Das Leben? Eine Bühne für Johann ­Jürgens.

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