Christian Czeremnych in einer Szene auf der Bühne im Nord Foto:  

Im Nord wird Bertolt Brechts zivilisationsskeptisches Fragment „Der Untergang des Egoisten Fatzer“ zum knalligen Pop-Art-Stück. Die Inszenierung beschwört die Dämonen des postmodernen Kapitalismus.

Stuttgart - ine verschmierte Plastikfolie hängt von der Decke und schleift geräuschvoll über den Boden. Dahinter drängen sich verwahrloste Menschen in Hippie-Gewändern, lecken am dreckigen Plastik und pressen sich in unreflektierten Bewegungen gegen die Plane. ­Irritiert zuckt man als Zuschauer zurück und will sich gerade schon mit einem „Die sind doch nicht ganz richtig“ von der Bühne abwenden, als ein Schriftzug aufleuchtet: „Every night in the world is a night at the hospital.“

Die Welt als Irrenhaus, der Mensch als hysterischer Patient – mit diesem Ausdruck fast schon pathologischer Zivilisations-Skepsis beginnt Thomas Schmausers Inszenierung von Bertold Brechts über 500-seitigem Fragment „Der Untergang des Egoisten Fatzer“ im Nord. Sechs Jahre feilte Brecht an diesem Text über vier Deserteure im ersten Weltkrieg, bevor er ihn schließlich aufgab – dass die Bruchstücke, die Heiner Müller 1978 zu einer spielbaren Bühnenversion aufarbeitete, heute dennoch modern wirken, verdanken sie einem Kerngedanken.

Denn die Geschichte der getürmten Soldaten, die sich, statt die ersehnte Revolution voranzutreiben, letztlich nur gegenseitig ­radikalisieren, ist nicht weniger als eine nüchterne Abhandlung über eine raue Kriegswelt, in der Individualität im alles verzehrenden Massendenken verloren geht.

Die Neuinterpretation ­variiert Brechts zentrales Konzept geschickt

Die visuell überbordende Inszenierung, die am Freitag Premiere feierte, erinnert ­jedoch zunächst weniger an ein von der Trümmerästhetik des Kriegs beeinflusstes Lehrstück als an eine postmoderne Collage, die mit mehr oder weniger direkten Referenzen auf popkulturelle Massenphänomene anspielt. So wird während der Odyssee von Fatzer und seinen Mitdeserteuren über Robbie Williams gewitzelt, fröhlich ein Volkslied über Rollmöpse angestimmt oder eben der anfänglich erwähnte Schriftzug eingeblendet – eine Anspielung auf die gleichnamige Komposition von Clara Latham.

Doch gerade diese Neuinterpretation ­variiert Brechts zentrales Konzept geschickt: Dem Querdenker Fatzer, hier von Rahel Ohm nuanciert als wütender Misanthrop dargestellt, setzt Brechts Originaltext nämlich eine hörige, kopflose Gemeinschaft der Hinterher-Renner entgegen. Eine formlose Masse, die Fatzer, der Egoist, der endlich ein bisschen leben möchte, vergeblich zur Revolution anstachelt. Auch auf der Bühne des Nord fordert man von den Menschen, die hier als uniforme Wahnsinnsmaschine von Schauspielschülern der Akademie für Darstellende Künste verkörpert werden, eine neue Moral. Doch das Schreckensbild von damals ist ein anderes geworden. An die Auslegung von René Polleschs Brecht-Interpretation „Kill your Darlings. Streets of Berladelphia“ anknüpfend, beschwört die Inszenierung die Dämonen des postmodernen Kapitalismus herauf – hirnloser Superkonsum im Zeitalter der Digitalisierung, der Massenmensch als animalische, lustgesteuerte Maschine. So sieht Brechts Konformitätstheorie also 2017 aus. Nur so richtig zu Ende gespielt wird das leider nicht.

Stellenweise ist die Inszenierung ein kaum mehr decodierbaren Effektmonstrum

Denn die oft nur lose zusammenhängenden Handlungsstränge zerfasern auf der Bühne vollends und werden zu einem kaum mehr decodierbaren Effektmonstrum. Aus den Lautsprechern knacken dann unangenehme Störgeräusche, von irgendwoher kommt rhythmische Gitarrenmusik, darüber sprechen zwei Darsteller unverständliche Textzeilen ins Mikrofon, die Figuren tanzen in ihren knalligen Gewändern über die Bühne und auf einer überdimensionalen Leinwand leuchten manifestartige Halb­sätze. Nur: Worum es genau geht inmitten dieses sinnlichen Dauerbeschusses, bleibt oft schleierhaft.

Trotz der Masse an artifiziellen Entfremdungstechniken und Sinnbildern driftet das Ganze nicht in effekthascherisches Großkotz-Theater ab, dafür sorgen Momente, in denen sich die Figuren ihrer eigenen Überdrehtheit plötzlich bewusst werden. Wenn die sexuell frustrierte Ehefrau des Landwirts, bei dem Fatzer und seine Kumpane einkehren, minutenlang an sich herumfingert und dazu halbbewusste Geilheitsphrasen nuschelt, wirft ihr eine der Darstellerinnen nur gelangweilt entgegen: „Liebe ist für die klugen Bitches.“ Und plötzlich wird dieser triebhafte Wahn wieder aufgefangen und der Menschenhass zu einem ironisch distanzierten Augenrollen, das so eben nur die Postmoderne leisten kann.