So sehen zu Corona-Zeiten ausverkaufte Konzerte aus: Am Mittwoch hat das Staatsorchesters auf der Freilichtbühne am Killesberg Mozart gespielt. Foto: Staatsoper

Die Musik ist zurück! Das Staatsorchester Stuttgart hat unter der Leitung von Cornelius Meister auf der Freilichtbühne Mozart gespielt.

Stuttgart - Das Konzert hat drei Solisten. Die eine ist eine blutjunge Geigerin, die den Solopart eines Mozart-Konzerts nicht spielt, sondern auf Saiten singt, oft zum Niederknien schön. Die anderen beiden sitzen ein paar Meter über ihr, heißen Turdus philomelos und Fringilla coelebs und machen dem Gesang der 20-jährigen Niederländerin mächtig Konkurrenz. In den Kadenzen des A-Dur-Konzertes KV 219, vor allem dort, wo sich die Geigerin ins zarteste Pianissimo hineinträumt, entsteht fast so etwas wie ein Sängerkrieg zwischen Kultur und Natur: hier Noa Wildschut, dort Singdrossel und Buchfink. Das ist bezaubernd – und tröstet darüber hinweg, dass die Kunst zwischenzeitlich auch mit weniger angenehmen und deutlich lauteren Tönen von außen zu kämpfen hat.

 

Egal. In der Stunde Null nach sieben Monaten ohne Präsenzkultur herrscht auf und vor der Bühne eitel Freude. Die Musiker des Staatsorchesters und ihr Dirigent Cornelius Meister haben spürbar Spaß. Die zugelassenen 100 Zuschauer, allesamt getestet, geimpft oder genesen, mit viel Abstand in den Reihen verteilt (die Reihen der Freilichtbühne sind ausverkauft, aber fast leer), bis zum Platz maskiert, manche obendrein zwecks Kontaktverfolgung über die Luca-App registriert, sind glücklich und dankbar.

Melodien und Mückenstiche

Das liegt am Ort, der einen Zauber hat und sich als Entdeckung auch für klassische Musik entpuppt. Es liegt an der Erleichterung darüber, dass das Licht am Ende eines langen Tunnels absehbar ist. Und es liegt, natürlich, an Mozart. Zwei Serenaden, also Frischluft-Stücke mit unterhaltendem Charakter, bilden den Rahmen. Zunächst die „Kleine Nachtmusik“, die Cornelius Meister zügig, luftig, mehr phrasierend als taktschlagend dirigiert: Hier klingt der Evergreen vibratoarm und sehr gesanglich, aber ab und zu bemerkt man auch Koordinationsprobleme bei Einsätzen und innerhalb der einzelnen Streichergruppen, vor allem in den ersten Geigen, die im Ton nicht immer zusammenfinden. Zum Abschluss spielen je zwei Oboen, Klarinetten, Fagotte und Hörner die Es-Dur-Serenade KV 375 mitsamt einem traumhaften Adagio, bei dem die Melodie so wunderweich durch die Stimmen wandert, dass sich die Frage, ob ein Oktett wirklich einen Dirigenten braucht, nicht mit letzter Dringlichkeit stellt.

Beim Violinkonzert ist Noa Wildschut ein Ereignis. Zwar sorgt sie, weil sie sich jedes musikalischen Details mit Akribie Liebe annimmt, mit dafür, dass diese Aufführung Längenrekorde aufstellt. Aber die Langsamkeit spürt man nicht, weil die Dichte des Erzählten eminent hoch ist, auch im ausgearbeiteten Dialog mit dem Orchester. Die Geigerin hat gefeilt, man hört viele Feinheiten, sie kann weite Bögen spannen. Und, vielleicht entscheidend, die Musik ist ihr ein echtes Anliegen, sogar beim derb lärmenden türkischen Marsch, der im Menuett-Rondeau des Finales das Trio vertritt. Die zarte Hüterin des zarten Geigentons, so kann auch anders. Das beweist zudem Piazzolla als Zugabe. Fazit des Abends: virtuose Kunst, virtuose Vogelstimmen. Und neun Mückenstiche – mindestens.