Buntes Spektakel voller Spiegelungen: „Rusalka“ in Stuttgart Foto: Staatsoper Stuttgart/Matthias Baus

Die Staatsoper Stuttgart hat in der Spielzeit 2021/22 auf stilistische und ästhetische Vielfalt gesetzt und außerdem das Großprojekt von Wagners „Ring“ mit gleich sechs verschiedenen Regieteams begonnen.

So viel Anfang war selten: Zu Beginn der Saison war das vom Juni-Sturm schwer beschädigte Dach des Opernhauses wieder dicht, der zweite Rang wieder trocken; noch saßen die Zuschauer im sogenannten Schachbrettmuster im Saal, aber schon im November sorgte die Rückkehr zur Vollbesetzung bei der ersten Premiere der Spielzeit, „Die Verurteilung des Lukullus“, für einen denkwürdigen Auftritt des Intendanten Viktor Schoner. Der entschuldigte sich freudig: Leider beginne die Vorstellung verspätet, weil man mit dem großen Zuschauerandrang an den Abendkassen nicht gerechnet habe. Das würde er sicherlich gerne häufiger sagen, vor allem vor Repertoirevorstellungen. Die Pandemie wirkt nach.

 

Das Kollektiv Hauen und Stechen machte aus Paul Dessaus und Bertolt Brechts Friedensoper eine grellbunte Collage aus Bildern, Videos und Bühnenaktion – lehrreich, unterhaltsam, aber auch verwirrend. Berührt dieses Stück heute noch? Bernhard Kontarsky koordinierte die Musik präzise.

Die drei Teile der „Walküre“ fügen sich nicht zusammen

Dann begann das Großprojekt: Wagners „Ring des Nibelungen“, erneut erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven. Wobei die Aufteilung der „Walküre“ unter gleich drei Regieteams noch einmal eins draufsetzt. Stephan Kimmig treibt in seiner hochpolitischen Inszenierung von „Rheingold“ fast alle brisanten Themen unserer Tage durch eine Zirkusmanege. Die Sängerbesetzung ist sehr gut, und Cornelius Meister setzt am Pult des Staatsorchesters auf Ruhe und auf den Puls der Musik.

So hat auch „Die Walküre“ zumindest musikalisch einen roten Faden. Szenisch können sich die drei sehr unterschiedlichen Regie-Handschriften von Hotel Modern (Vexierspiel zwischen Bühne und Livevideos), Urs Schönebaum (poetische Lichtwirkungen und Kinderdoubles von Siegmund und Sieglinde) und Ulla von Brandenburg (reduzierte Bewegungen vor bunten Wellen) weder ergänzen noch wirksam konterkarieren. Immerhin hört man eine exzellente Sieglinde (Simone Schneider) und Brünnhilde (Okka von der Damerau).

Vivaldi in Weiß und eine grellbunte Märchenoper

Silvia Costas Bebilderung von Antonio Vivaldis Oratorium „Juditha triumphans“ ist eine assoziative Folge von Bildern auf einer weißen Bühne. Axel Ranisch nimmt gemeinsam mit der Dirigentin Alevtina Ioffe die grellbunt aufgemotzte Oper „Hänsel und Gretel“ naiv, spielerisch und auch ein bisschen ironisch. Hänsel und Gretel (exzellent: Ida Ränzlöv und Josefin Feiler) tanzen Hip-Hop. Und überall wuchern Pilze.

Monteverdis „L’Orfeo“ als Opern-Parcours im Club Wizemann ist ein nettes Sommer-Experiment zum Saisonabschluss. Der Höhepunkt der Spielzeit aber ist zuvor Dvoráks „Rusalka“, dirigiert von Oksana Lyniv und szenisch intelligent auf mehreren Ebenen verschachtelt von Bastian Kraft: eine hochpoetische Fantasie mit Dragqueens als Spiegelfiguren. Esther Dierkes glänzt in der Titelpartie. Und die Junge Oper (Join) krönt ihre Nachwuchs-Sidekicks mit einem zweiten Nixen-Stück, „Melusine“ von Lisa Pottstock und Catalina Rueda, das ebenfalls um das Thema der geschlechtlichen Identität kreist. Der Mix stimmt. Jetzt müssen nur noch die Zuschauer (wieder-)kommen.