Cornelius Meister (am Pult), das Staatsorchester und Schorsch Kamerun in Aktion Foto: Martin Sigmund

Es ist nicht nur ein Konzert zur Spielzeiteröffnung. Es ist ein politisches Statement. In „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ finden Rap und Robert Schumann, Beat und Beethoven zusammen – dank Max Herre, Schorsch Kamerun, Joy Denalane, Cornelius Meister und dem Staatsorchester.

Stuttgart - Es ist nicht perfekt. Aber es ist der vielleicht anrührendste Moment des sehr besonderen Abends, mit dem die Staatsoper Stuttgart am Donnerstag in die Spielzeit 2020/21 startet. „Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen / gleitet, wie Schwäne, der wankende Kahn“: Joy Denalane gibt Schuberts „Auf dem Wasser zu singen“ mit fast schüchtern zurückgenommener Stimme, begleitet von einem Streichquartett des Staatsorchesters. Die Soul-Diva, deren mächtige Stimme sonst mühelos große Konzertsäle füllt, gibt das Lied ganz leise, ganz intim; mit ihren Händen, die sonst zu emphatischen Gesten neigen, stützt sie sanft das wogende Auf und Ab der schnellen Sechzehntel. Nicht jedes von ihnen trifft sie so, wie es eine gute klassische Sängerin täte. Aber das spielt überhaupt keine Rolle.

 

Den Corona-Verordnungen entsprechend sind die Zuschauer in den Reihen des Opernhauses weit verstreut. Als Denalane singt, ist es mucksmäuschenstill. Dabei könnten die Besucher auch hier schon so jubeln, wie sie es am Ende tun werden: Denn die Staatsoper bietet in ihrem Konzert zum 30-Jahr-Jubiläum der deutschen Einheit nicht nur Klangrausch zum Fest, sondern eine überzeugende künstlerische Antwort auf die Frage, ob und wie in diesem Land, dessen Geschichte so viele dunkle Stellen hat, ein Miteinander gelingen kann. Das Konzert, dem die Heinrich-Heine-Zeile „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ seinen Titel gab, beweist mit musikalischen Mitteln, dass Integration gelingt, wenn auf beiden Seiten Offenheit und Respekt herrschen – und wenn neben dem Bewahren von Eigenem die Erkenntnis steht, dass man auch mal etwas aufgeben muss, um Neues möglich zu machen.

Tiefer Ernst mit ironischen Brechungen

Dabei ist das Ganze kein Thesenpapier. Sondern ein Spiel, dessen Dramaturgie Steven Walter vom Esslinger Podium-Festival erdacht hat. Und unter seiner ernsten Oberfläche ist es ironisch, ja oft sogar witzig. Ob dazu auch die Tatsache zählt, dass sich der Abend stolz mit dem Etikett „Premiere“ schmückt, obwohl ihm keine weiteren Aufführungen folgen, ist zwar zu bezweifeln, aber das hübsche Wort verstärkt immerhin das Bedauern darüber, dass diese kluge und muntere Lehrstunde zum Saisonauftakt ein Solitär bleiben soll. Der Mix aus Rap, Soul, Punk und Klassik und vor allem die Übergänge und Vermischungen der Genres würden zu einer klingenden Gemeinschaftskunde-Stunde taugen, die kein Schüler so rasch vergäße.

Max Herre rappt: über Nichtwissen und Vergessen, über einen Flüchtling ohne Papiere (mit dem Schauspieler und Rapper Yonii alias Yasin el Harrouk an der Seite), über Juden in Deutschland (gemeinsam mit Joy Denalane); das Staatsorchester webt dazu einen sinfonischen Hintergrund, der nicht wie plakativ sich anbiedernder sinfonischer Pop wirkt, sondern wie Empathie, zuweilen gar wie pure Emphase. Die hoch brisanten Songs, die Schorsch Kamerun und seine Band Die goldenen Zitronen über die Gefahren des kollektiven Jasagens, deutsches Spießertum und über die Reibung von deutschem Reisewahn und Flüchtlingselend schrieben, werden gar ausschließlich vom Orchester begleitet. Kamerun selbst trägt sie vor mit dünner, schneidender Stimme: „Ja, für eine Fahrt ans Mittelmeer / geb’ ich meine letzten Mittel her“. Zwischendurch singt die Mezzosopranistin Diana Haller, ein Juwel des Ensembles, Lieder von Schumann, Fanny Hensel und Gustav Mahler.

Musik mit doppeltem Boden

Sie alle sind Deutschland. Unser Land hat viele Stimmen. Für den Rahmen des Abends sorgt Cornelius Meister am Pult seines Orchesters, das selbst eine Multikulti-Truppe ist, und beide Stücke, die den Abend rahmen, haben (mindestens) einen doppelten Boden. Eingangs, als das Publikum allmählich den Saal betritt, redend, grüßend, sodass die Kunst sich hier erst behaupten muss, als habe sie zuvor ein Virus ausgebremst, gibt es das 1945 komponierte Streicherstück „Metamorphosen“ von Richard Strauss. Der war immerhin zwei Jahre lang unter den Nationalsozialisten Präsident der Reichsmusikkammer, hat aber hier ein Werk geschaffen, das die permanente Veränderung zur Maxime erklärt – und nebenbei ein Wechselspiel zwischen Individuum und Kollektiv in Szene setzt. Zum Abschluss schließlich hört man das Notturno aus dem „Sommernachtstraum“. Felix Mendelssohn war, auch wenn er später konvertierte, ein deutscher Jude. Draußen auf der Treppe spielt das Ensemble Erpfenbrass „Hey Jude“. Mal ganz im Ernst: Das kann kein Zufall sein.