Wenn die Geldmaschine im Profifußball Stillstand meldet, stürzen Traditionsclubs wie der VfB Stuttgart in die Krise. Staatshilfen lindern die Probleme, lösen sie aber nicht.
Stuttgart - Es war im Sommer vergangenen Jahres: Der VfB Stuttgart war zum zweiten Mal binnen drei Jahren abgestiegen und Stefan Heim, der redselige Finanzvorstand, tröstete die Fan-Gemeinde mit der bemerkenswerten Formel: „Der VfB hat kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem.“ Besonders klug war diese Analyse der sportlichen Misere schon damals nicht, aus aktueller Perspektive klingt der Satz jedoch wie blanker Hohn. Denn die Kasse ist ein Jahr später offenbar so flüssig wie getrockneter Beton.
Ausgerechnet der VfB
Ausgerechnet der Stolz schwäbischer Fußballseelen, das sportliche Aushängeschild einer der stärksten Wirtschaftsregionen in Europa, will die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) um bis zu 15 Millionen Euro anpumpen. Dass sich die Profi-Fußball-AG vom Cannstatter Wasen mit der Bettelei in teilweise bester Gesellschaft befindet, mag den Groll darüber lindern, das Unbehagen bleibt trotzdem. Auch der SV Werder Bremen denkt offenbar an staatliche Hilfen. Und der FC Schalke 04, schon vor den Geisterspielen mit 197 Millionen Euro verschuldet, bittet beim Land Nordrhein-Westfalen um eine 35 Millionen Euro schwere Bürgschaft. Kein Zweifel: Schuld daran trägt zuvorderst die Corona-Pandemie, die kein Mensch vorhersehen könnte.
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Corona ist nicht an allem schuld
Es wäre aber zu billig, den Grund für die finanzielle Schieflage einzig dem Virus anzulasten. Wie andere Profifußball-Unternehmen auch haben sich die VfB-Verantwortlichen blind darauf verlassen, dass die seit Jahren immer höhertourig laufende Geldmaschine weiter liefert. Jetzt meldet sie Stillstand, und in der Kasse klimpert bestenfalls noch Kupfer. Sponsoren, die in ihren Unternehmen selbst mit Auftragseinbrüchen und Kurzarbeit zu kämpfen haben, zahlen weniger oder drohen abzuspringen. Vip-Logen stehen leer. Die Einnahmen aus Ticketing, Catering und Merchandising brechen weg. Immerhin, die Erträge aus der Vermarktung der Medienrechte fließen vorerst noch einigermaßen konstant. Aber die Fixkosten bleiben, und kein Mensch weiß, wie lange die Pandemie noch anhält.
Ein marodes Geschäftsmodell
Die Misere ist ein weiterer Beleg für die Anfälligkeit des maroden Geschäftsmodells, dessen Zweck scheinbar nur noch darin besteht, relativ planlos möglichst viel Geld ins System zu stopfen, um den maximalen sportlichen Profit zu generieren. Das war schon vor der Corona-Krise keine Erfolgsformel mit verlässlicher Perspektive. Jetzt ist sie im schlimmsten Fall der letzte Sargnagel für die reitende Leiche namens Profifußball.
Vorteil Hoffenheim und Leipzig
Gut möglich, dass die Rockefellers der Liga die Phase der finanziellen Dürre bislang noch einigermaßen unbeschadet überstehen. In Wolfsburg, Hoffenheim, Leipzig oder Leverkusen werden vermutlich die Eigner, Gönner und Investoren die Lücken stopfen. Aber selbst der große FC Bayern München wird die Spielzeit 2019/2020 mit einem Verlust von rund 50 Millionen Euro abschließen. Borussia Dortmund kalkuliert mit einem Minus von 45 Millionen Euro, Borussia Mönchengladbach mit 30, Eintracht Frankfurt mit 20 Millionen Euro.
Darf’s auch ein bisschen weniger sein?
Die Lücken im Schnellverfahren mit staatlichen Krediten zu stopfen, um dann weiter zu machen wie bisher, ist aber keine Lösung, die der zunehmend kritischen Öffentlichkeit zu vermitteln wäre. Emotional betrachtet lautet diese Botschaft: Steuergelder für Fußball-Millionäre! Der Imageschaden wäre verheerend. Der Profifußball braucht stattdessen schlankere Strukturen, eine strenge Ausgabendisziplin, kleinere Mannschaftskader, rational darstellbare Ablösesummen, Gehälter und Beraterhonorare sowie Denkmodelle für eine erhöhte wirtschaftliche Krisenfestigkeit. Und das alles lieber heute als morgen.
gunter.barner@stuttgarter-nachrichten.de