2012 hat das Land Baden-Württemberg den Wildensteiner Altar erworben, der sich in der Fürstlich Fürstenbergischen Sammlung befand. Foto: Staatsgalerie Stuttgart

Alle reden von der Reformation. Der Meister von Meßkirch arbeitete dagegen vor 500 Jahren für eine katholische Kundschaft. Erst jetzt widmet die Staatsgalerie Stuttgart dem großen Meister aus Sigmaringen eine große Ausstellung.

Stuttgart - Vermutlich wird die Forschung sich auf ewig die Zähne an ihm ausbeißen. Nie wird man erfahren, wer der Mann gewesen ist. Er kam aus Sigmaringen und scheint bestens im Geschäft gewesen zu sein. Um die hundert Kunstwerke hat er der Welt hinterlassen – und trotzdem weiß man nicht, wer hinter dem Maler steckt, den die Kunstgeschichte als Meister von Meßkirch bezeichnet – notgedrungen.

Wenn jemand Hinweise auf den Anonymus hätte finden können, wäre es sicher Elsbeth Wiemann gewesen. Die Kuratorin der Staatsgalerie Stuttgart hat sich intensiv mit dem Werk des namenlosen Künstlers befasst und stellt nun das Ergebnis ihrer wahrlich beeindruckenden Recherche vor: „Meister von Meßkirch. Katholische Pracht in der Reformationszeit“ nennt sich die Große Landesausstellung, die erstmals umfassend das Werk dieses vernachlässigten Künstlers präsentiert. Knapp achtzig Werke wurden ausgeliehen, biblische Szenen und zahlreiche Heilige, die häufig köstlich strahlen und glänzen. Denn am Gold wurde hier wahrlich nicht gespart.

Damit verrät sich der Meister von Meßkirch allerdings als rückwärtsgewandt. Denn dieser Künstler, dessen produktivste Zeit zwischen 1520 bis 1540 war, arbeitete für katholische Auftraggeber. Einige Werke der Reformation machen in der Ausstellung die Unterschiede deutlich: Hier wird kein Gold mehr eingesetzt. Es werden keine Heiligen mehr dargestellt und nur Christus besitzt noch einen Heiligenschein – während der Meister bei den Sigmaringer Marientafeln (um 1520) seine Figuren sogar mit tellergroßen Heiligenscheinen versieht. Bei der „Verkündigung“ sitzt auch ein alter Mann mit langem Rauschebart auf einer Wolke – so, wie sich das Bild von Gottvater ins kollektive Kindergedächtnis eingebrannt hat.

Der Meister muss eine große Werkstatt besessen haben

Wer aber war er nun, dieser Maler, der in seiner Werkstatt mehrere Mitarbeiter und Gesellen beschäftigt haben muss, zumindest lassen das die unterschiedlichen Handschriften und die schwankende Qualität vermuten. 1535 wurde er beauftragt, die Innenausstattung der Pfarr- und Stiftskirche St. Martin in Meßkirch zu übernehmen. Ein Großprojekt mit 84 Bildern, zwölf Mittelstücken und 72 Flügeln. In den Säulensaal der Alten Staatsgalerie wurden eigens Nischen eingebaut, die einen Eindruck geben wollen von der Fülle der Werke, acht bis elf Nebenaltäre soll der Meister geschaffen haben. Das Meiste wurde später entfernt und in alle Winde verstreut.

Der Meister packte häufig mehrere Motive in seine Bilder. Im Hintergrund „Christus vor Pilatus“, vorne eine dramatische „Geißelung Christi“, bei der der Folterknecht in strammer Strumpfhose kniend die Peitsche schwingt, sein Kollege hat sogar eigens die Schuhe ausgezogen. Die Gewänder und Stoffe sind kunstvoll gestaltet, der Lendenschurz Christi ist fein plissiert. Die Bilder warten mit zahlreichen Details auf. Da steckt sich der Peiniger den Finger in den Hals, um Christus zu bespucken. Oder man sieht die Heilige Kunigunde, die in einer Hand das Modell einer Kirche balanciert – es könnte sich auf den Bamberger Dom beziehen.

Höhepunkt ist die „Anbetung der Heiligen Drei Könige“

Elsbeth Wiemann hat eine durch und durch kunsthistorische Ausstellung konzipiert und den Tafeln des Meisters Werke von Zeitgenossen gegenübergestellt. Dürers „Handwaschung des Pilatus“ (um 1509) könnte dem Meister als Vorlage gedient haben. Bei seiner „Beweinung Christi“ scheint er die Komposition von Hans Baldung Grien übernommen zu haben. Der Meister stellt die Szene alltäglicher dar, sie wirkt wie aus dem Leben gegriffen.

Eines seiner besten Werke ist das Hochaltarretabel aus St. Martin. Die Anbetung der Heiligen Drei Könige betört durch prächtige Gewänder und herrlich ausmodellierte Stoffe. Liebevoll und menschlich blickt Maria auf das blasse Kind, das kess mit einem Goldgefäß spielt. Auftraggeber war das Ehepaar Gottfried Werner von Zimmern und Apollonia von Henneberg. Den von Zimmern wird in der Ausstellung eine eigene Sektion gewidmet mit zahlreichen Schriften und Dokumenten. Ein Gemälde zeigt Meßkirch im 17. Jahrhundert – mehr als fünfzig Häuser besaß das Städtchen damals nicht.

Keine Frage: Hinter dieser Ausstellung steckt eine beeindruckende Expertise – und sehr, sehr viel Aufwand. Das belegt nicht nur der umfassende Katalog, sondern lässt sich auch an den vielen Exponaten ablesen, die ergänzt wurden. Aus dem Stadtarchiv Meßkirch hat man Urkunden mit roten Siegeln geliehen und aus dem Fürstlich Fürstenbergischen Archiv Donaueschingen einen Bericht über die Eroberung von Meßkirch durch die Herren von Zimmern im Jahre 1503.

Leider hat die Ausstellung vor allem Experten im Blick

Umso bedauerlicher, dass die Vermittlungsabteilung der Staatsgalerie offensichtlich nicht in die Konzeption eingebunden war und die Schau an vielen Stellen verrät, welches Publikum sie im Visier hat: Experten und Kollegen. So geht es in den anspruchsvollen Saaltexten um „mariologische Sujets“ oder die „offenbarende Realpräsenz Gottes“. Man stolpert über „Versehbecher mit Patenendeckel“ und „Balusterpokale“, „Horae canonicae“ oder eine „Herzkapsel“, eine metallene Dose, von der man gern gewusst hätte, wofür Graf Wilhelm Werner von Zimmern sie genutzt hat. Selbstverständlich wird auch vorausgesetzt, dass das Publikum bibelfest ist.

Eines ist aber sicher: Der letzte Saal der Ausstellung wird das Publikum begeistern. Zum ersten Mal seit mehr als 350 Jahren ist in Stuttgart der Gothaer Tafelaltar wieder zu Gast, ebenfalls ein Beispiel für Reformationskunst. Es ist ein 162 Einzelbilder umfassendes Werk von Heinrich Füllmaurer, das um 1538 entstand und wie ein Comic wirkt mit kurzweiligen Bildergeschichten. Eine Reise durch Landschaften, Städte und Architekturen. Das Böse stakst hier auf Krähenfüßen und hat Hörnchen am Kopf – und wer die Szenen nicht versteht, dem helfen knappe Texte auf die Sprünge. Ein Altar, der sein Publikum erreichen wollte – und das definitiv auch heute noch kann.

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