Sie ist ein Star der Kunstszene. Aber Cindy Sherman wurde auch bekannt durch ihre Modefotografien, für die sie sich selbst auf besondere Weise inszenierte.
Zunächst war sie sauer – verständlicherweise. Ein unzufriedener Auftraggeber kratzt schließlich am Ego. Aber die Werbefotos, die Cindy Sherman abgeliefert hatte, entsprachen so gar nicht dem, was man sich bei der französischen Modemarke Dorothee Bis erhofft hatte, als man die junge Fotografin 1984 engagierte.
Sherman fand deren Mode insgeheim langweilig, deshalb inszenierte sie sich mit den „Wollsachen“ mal aggressiv, mal depressiv. Werbewirksam im traditionellen Sinne war das sicher nicht. Die harsche Kritik beflügelte Cindy Sherman aber sogar, sodass sie beschloss, fortan „noch mehr ins Extrem zu gehen“.
Sie hat sich als Model und Clown inszeniert
Heute, vierzig Jahre später, ist Cindy Sherman eine der bekanntesten Fotografinnen weltweit, für deren Werke horrende Preise bezahlt werden. Das teuerste wurde 2014 für 3,63 Millionen Euro verkauft. Das liegt auch daran, dass die Amerikanerin letztlich so radikal ins Extrem ging.
Shermans Markenzeichen ist es, sich als ihr einziges Model immer neu zu inszenieren, mal ulkig, mal bizarr. Sie ist schon in zahllose Rollen geschlüpft, hat sich im Stil Alter Meister oder als Hollywoodstar fotografiert, als Clown, als Monster und als Model. Die Staatsgalerie Stuttgart hat sich für ihre neue Ausstellung nun einen spannenden und bisher unterbeleuchteten Aspekt aus dem gigantischen Werk herausgepickt: Shermans Verflechtungen mit der Modewelt.
Den Modezirkus kritisch kommentiert
Denn auch wenn die Pariser „Vogue“ 1984 ihre vernarbten, blutigen Charaktere ablehnte, wurde Cindy Sherman bald zum gefragten Star auch der Modebranche. Die machte in den 1990er Jahren immer wieder negative Schlagzeilen mit magersüchtigen und depressiven Supermodels – und die inzwischen in der Kunstwelt gefeierte Fotografin reagierte mit Kampagnen, die den Modezirkus kritisch kommentierte. Sie zeigte sich mit Bierbüchse, Kippe und vernarbtem Gesicht – und trotz des fröhlich rot-weiß gestreiften Kleides war die Tristesse dabei nicht zu übersehen.
Auf den Fotografien von Cindy Sherman fehlt der Mode der Glamourfaktor. Sie zeigt stattdessen, welche Ängste und Abgründe hinter der Fassade lauern, sie entlarvt das Menschenbild, das die Modewelt propagiert. Als sie sich 1993 für die amerikanische Zeitschrift Harper’s Bazaar inszeniert, trägt sie Designermode in typischen Modelgrößen, die ihr allerdings zu eng oder zu lang sind. Sie schnallt sich auch einen künstlichen Babybauch um, sodass sich die Bluse erst recht nicht schließen lässt. Damit macht sie sehr deutlich, wie wenig Models mit weiblicher Wirklichkeit zu tun haben.
Bei Sherman inspirieren sich Kunst und Kommerz gegenseitig
Was zunächst für Zeitschriften konzipiert wurde, hängt in der Staatsgalerie nun im Großformat an den Wänden. Die Kuratorin Alessandra Nappo will in der Ausstellung aufzeigen, wie sich Modeaufträge und freie künstlerische Fotografie bei Sherman immer wieder gegenseitig inspiriert haben. Eine ihrer berühmtesten Serien etwa, bei der sie sich als Clown zeigt, konzipierte sie ursprünglich als Modekampagne.
Der Modebetrieb nutzt Shermans Bekanntheit
Deshalb wirkt es ein wenig wie Geschichtsklitterung, dass sich die Ausstellung in der Staatsgalerie auf Wunsch der Künstlerin „Anti-Fashion“ nennt. Denn Cindy Sherman bediente zwar keine gängigen Werbestrategien, sie war aber doch sehr wohl Teil des Modebetriebs, der ihre Popularität kommerziell für sich nutzte. Sonst hätte man die Künstlerin sicher nicht immer wieder engagiert.
Die Ausstellung sabotiert sich selbst – leider
Umso bedauerlicher, dass die Ausstellung sich selbst ein Stück weit selbst sabotiert und diese Zusammenhänge zwischen Kunst und Mode zwar zum Thema macht, in der Präsentation selbst aber strikt trennt. Hier die „bahnbrechenden Fotografien“, wie es heißt – während die dazugehörigen Modemagazine schamhaft in ein kleines Kabinett verbannt wurden, grad so, als hätte man Sorge, dass der Mythos (oder der Marktwert) durch einen allzu deutlichen Hinweis auf die kommerziellen Hintergründe Schaden nehmen könnte.
Die jüngeren Arbeiten haben an Biss verloren
Manche modische Selbstdarstellung von Sherman ist grandios und dabei nicht immer kritisch und subversiv, sondern mitunter ziemlich schick. An anderer Stelle verraten die zu riesigen Kunstwerken aufgeblasenen einstigen Zeitschriftenkampagnen aber auch, dass Shermans stete Selbstbefragung in den vergangenen Jahren ein wenig an Schlagkraft verloren hat, was vielleicht auch mit dem Einsatz digitaler Technik zusammenhängt.
2010 bekam sie den Auftrag, die historische Haute Couture von Chanel in Szene zu setzen. Sie bearbeitete ihre Selbstporträts am Computer und montierte ihr Abbild hintan in befremdliche Landschaften hinein. So steht sie nun mit Schlaghosen und roter Perücke vor einer künstlichen Felslandschaft oder im Spitzenkleid im Irgendwo. Die riesigen Formate mögen Bedeutsamkeit suggerieren, den Motive selbst aber fehlt der gesellschaftskritische Biss ihrer früheren Charaktere.
Fotografin mit zahllosen Gesichtern
Person
Cindy Sherman wurde 1954 in New Jersey geboren und hat in New York Kunst studiert. Mithilfe von Schminke, Perücken und verschiedensten Kleidern ist sie in zahllose Rollen geschlüpft. Inzwischen arbeitet sie mit der Digitalkamera und bearbeitet ihre Fotos am Computer.
Ausstellung
bis 10. September, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr.