Staatsgalerie Stuttgart in der Baustellen-Falle Wo, bitte, geht es in die Staatsgalerie?

Von Nikolai B. Forstbauer 

Vie kommt man in die Staatsgalerie? Der Baustellen-Hindernislauf macht dem Museumsflaggschiff immer stärker zu schaffen. „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer hat sich umgesehen.

Stuttgart - „Leicht irritiert“ fühle sie sich, sagt Maria Kramer. Mit der Bahn ist die 56-Jährige aus Albstadt nach Stuttgart gefahren. „Weil ich die Ausstellung zum ,Meister von Meßkirch‘ in der Staatsgalerie unbedingt sehen will.“ „Alle Tafeln des protestantischen Gothaer Altars und die ganze Pracht der katholischen Meister-von-Meßkirch-Bilder in einer Schau – das gibt es ja vielleicht nie wieder.“

Klassisch: Erst Bummeln, dann in die Staatsgalerie

Maria Kramer hat ihre Tochter dabei. Auch, weil sie seit einem „dummen Ausrutscher“ bei Treppen vorsichtig sein soll. „Nur für zwei, drei Wochen, aber es wird mir jetzt schon zu lang.“ Kaum sagt sie es, lacht sie. „Zu lang ist ein gutes Stichwort“, sagt die Tochter. Vom Bahnhof aus sind die zwei „erst einmal Richtung Schlossplatz gegangen, das mache ich immer so“, sagt Maria Kramer. „Zum Bummeln. Und weil da vorne ja überall Baustelle ist.“ Da vorne – das ist der Gebhard-Müller-Platz, Verkehrsknotenpunkt der Landeshauptstadt inmitten der Versorgungslinien für die Baufelder des neuen Tiefbahnhofs.

Oberirdisch werden die Wege lang

Kramers eigentlicher Weg würde vom Schlossplatz aus am Eckensee und an der Oper vorbei durch die Unterführung hinüber zur Staatsgalerie führen. „Aber das wollte ich mit meinem Fuß nicht“, sagt sie. Also über die Planie weiter zum Charlottenplatz und dann am Haus der Geschichte vorbei. „Aber da ist ja jetzt auch zu“, sagt die Tochter. Der Neubau der Landesbibliothek versperrt den Weg. Also jetzt, da die beiden vor der Unterführung an der Oper stehen, doch unten durch? Den Hinweis, es gehe auch oberirdisch, am Opernhaus vorbei, vor an die Ampel am Gebhard-Müller-Platz, hinüber zum Altbau der Staatsgalerie und dann nach rechts zum Eingang im Stirlingbau, nehmen die beiden Frauen eher amüsiert zur Kenntnis. „Der nächste Weg ist das aber nicht“, sagt Maria Kramer und geht, gut ­gestützt, doch die Treppen.

Beeinträchtigungen seit 2016

Geschichten wie diese „hören wir immer wieder“, sagt eine Sprecherin der Staats­galerie. Hatte aber Staatsgalerie­direktorin Christiane Lange nicht in unserer Zeitung schon im Dezember 2016 für das Museumsflaggschiff des Landes „SOS“ gefunkt? Und was ist seither passiert?

Land will „bessere Sichtbarkeit“ erreichen

Einiges, folgt man dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK). Dort verweist man auf „mehrere Gespräche und Abstimmungsrunden zwischen dem ­Ministerium, der Stadt Stuttgart und den Kultureinrichtungen an der Konrad-Adenauer-Straße“. Derzeit werde „unter Leitung der Staatsgalerie ein Vorschlag für kurzfristige Lösungen zur besseren Sichtbarkeit erarbeitet. Dazu gehört insbesondere eine gemeinsame Wegebeschreibung, den alle von den Baustellen betroffenen Einrichtungen verwenden werden.“ Die Vorschläge würden „derzeit final ausgearbeitet und ­anschließend mit Stadt und Land ­abgestimmt“.

Staatsgalerie-Direktorin Christiane Lange engagiert sich

„Einen solchen Auftrag haben wir ­erhalten“, bestätigt Beate Wolff, in der Staatsgalerie für die Gesamtkommunikation verantwortlich. Sie kennt das Haus schon seit der Zeit, zu der Christiane Langes Vorvorgänger Christian von Holst zur Jahrtausendwende den „Stuttgarter Aufbruch“ propagierte. Christiane Lange wäre derweil schon froh, ließen sich die zentralen Verbindungswege zwischen Hauptbahnhof beziehungsweise Schlossplatz und Staatsgalerie gut sichtbar kennzeichnen. „Die Direktorin“, sagt Beate Wolff, „engagiert sich hier unwahrscheinlich – und das immer im Dialog mit den sieben weiteren Kultureinrichtungen an der ­Adenauerstraße.“

Prominente Kultureinrichtungen in der Nachbarschaft

Tatsächlich finden sich neben der Staatsgalerie, dem Staatstheater-Areal mit Opernhaus und Schauspielhaus und dem Haus der Geschichte weitere Kulturgrößen an der Straße: Hauptstaatsarchiv, Landesbibliothek, Stadtpalais und Institut für Auslandsbeziehungen. Und überall stehen die Zeichen auf Öffnung der Häuser – entsprechende Ansprüche an den Straßen- und Stadtraum inklusive.

„Kulturquartier“-Anläufe schon vor zehn Jahren

Überlegten aber nicht schon der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, Christiane Langes Vorgänger Sean Rainbird und vor allem Marion Ackermann als Gründungsdirektorin des Kunstmuseums Stuttgart, das von der Staatsgalerie bis hin zum Landesmuseum Württemberg und dem Württembergischen Kunstverein Stuttgart (Kunstgebäude) weit ausgreifende Kulturquartier Stuttgart sicht- und erlebbar zu machen? Etwa durch markante Kunstprojekte? Aktuell geht es um anderes – darum, überhaupt ­erreichbar zu sein.

Staatsgalerie feiert 175-jähriges Bestehen

Im MWK will man die Debatte gleichwohl nicht bei Baustellenfragen enden lassen. „Unabhängig davon“, sagt eine Sprecherin, „arbeitet die Staats­galerie an der Verbesserung der Situation, indem sie zum Beispiel neue ­Formate in der Kunstvermittlung ent­wickelt – und damit neue Besuchergruppen für das Haus ­gewinnt.“ Das klingt abstrakt? Die Staatsgalerie selbst macht es deutlicher. Am 1. Mai wird die große Schau zum 175-jährigen Bestehen des Hauses eröffnet – und der Titel „#meinMuseum“ soll jetzt schon ­Programm werden: „Ihre Statements, Geschichten und Highlights in Bild, Text oder Video werden rund um die Ausstellung ­eingebunden“, ruft die Staatsgalerie zum Mitmachen auf.

Staatssekretärin Olschowski: „Wir sehen die Problematik“

„Das ­Jubiläum ist eine Chance für mehr Sichtbarkeit“, sagt Staatgalerie-Direktorin Christiane Lange. Umso mehr dürfte sie diese Nachricht freuen: „Die Staatsgalerie ist das größte Museum in Baden-Württemberg, dem eine zentrale Bedeutung ­zukommt“, sagt Petra Olschowski, parteilose Staatssekretärin im Ministerium für ­Wissenschaft, Forschung und Kunst. Und weiter: „Wir sehen die durch die Baustellensituation verursachte Problematik. Deshalb unterstützen wir das Haus in dieser schwierigen Situation mit zusätzlichen finanziellen Mitteln: Im Jubiläumsjahr stellen wir der Staatsgalerie zusätzlich eine halbe Million Euro für das Ausstellungs- und Vermittlungsprogramm zur Verfügung.“

Mehr noch: „Wir werden“, bestätigt ­Olschowski unserer Zeitung, „auch die ­Digitalisierungsaktivitäten der Staatsgalerie zusätzlich unterstützen. Das Förderprogramm wird derzeit ausgearbeitet.“

Jubiläumsschau „#mein museum“ startet am 1. Mai

Wie es bei Maria Kramer und ihrer Tochter weiterging? Sie haben die Große Landesausstellung „Der Meister von Meßkirch“ „absolut genossen“. Ihr Fazit: „Schade für alle, die das nicht sehen.“

Der Schmerz? „Ist bis zum 1. Mai weg.“ Dann will Maria Kramer wiederkommen, um mit der Staatsgalerie Geburtstag zu feiern. Überraschungen warten nicht nur in der Jubiläumsschau „#meinMuseum“. „Wir haben einige Geschenke für unsere Sammlung bekommen“, freut sich Beate Wolf. Soll heißen: Auch in den Sammlungsräumen wird sich zum 1. Mai viel bewegen. „An den Stellschrauben, die wir selbst bewegen können“, sagt Direktorin Christiane Lange, „drehen wir heftig.“

Wieder Großplakat vor dem Altbau

Da passt es, dass vor dem Altbau bald wieder ein Großplakat der Staatsgalerie zu sehen sein wird – aus Gründen des Denkmalschutzes auf einem eigenen Gerüst. „Die Finanzierung der damit verbundenen Zusatzkosten von 50 000 Euro“, lässt das MWK auf Anfrage wissen, „hat das Ministerium komplett übernommen.“

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