Der Inbegriff deutscher Romantik: Das Heidelberger Schloss ist seit eh und je ein Publikumsmagnet – und zieht pro Jahr mehr als eine Million Besucher an. Foto: Kay Sommer

Der Betrieb der Staatlichen Schlösser und Gärten verwaltet im Auftrag des Landes Baden-Württemberg mehr als 60 Monumente, die Jahr für Jahr mehr Besucher locken. Warum ist das so?

Bruchsal - Die Dienstadresse von Michael Hörrmann klingt standesgemäß: Schlossraum 22a im Schloss zu Bruchsal, das den Fürstbischöfen von Speyer einst als Residenz gedient hat. Michael Hörrmann ist Chef der Staatlichen Schlösser und Gärten und mithin verantwortlich für die Bespielung und Vermarktung von mehr als 60 landeseigenen Monumenten – von Schloss Ludwigsburg über das Kloster Maulbronn bis hin zur Grabkapelle auf dem Stuttgarter Württemberg. Da liegt es nahe, das von einem barocken Prachtbau aus zu tun. Doch kein Neid: Der Geschäftsführer residiert nicht im schmucken Hauptgebäude, sondern in einem kleinen Nebentrakt. Und irgendwie passt das zum Selbstverständnis des Betriebs: Die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg bilden zwar die Dachmarke für all die Einrichtungen in staatlichem Besitz, agieren aber eher im Hintergrund. „Wir sind so etwas wie ein unsichtbarer Riese“, sagt Hörrmann, „denn unsere eigentlichen Stars sind natürlich die Monumente selbst.“

Die Burg Hohenneuffen ist die neue Attraktion

Und doch richtet sich der Blick in diesen Wochen und Monaten verstärkt auch auf das Unternehmen der Schlösser und Gärten, rein formal eine nicht rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts und dem Finanzministerium Baden-Württemberg zugeordnet. Das hat zwei Gründe: Erstens sind in dem Betrieb in jüngster Zeit gleich mehrere spektakuläre Denkmäler aufgegangen. Dies gilt beispielsweise für die um 1100 erbaute Burg Hohenneuffen im Kreis Esslingen, die bei der Gründung des Südweststaats nach dem Zweiten Weltkrieg als Verhandlungsort eine wichtige Rolle spielte. Das gilt aber etwa auch für die Villa Domnick oberhalb Nürtingens, die als Bau samt wertvollem Interieur und wunderbarem Skulpturenpark ein Kleinod der besonderen Art ist. Und zweitens kann die Institution der Schlösser und Gärten, die 2009 in dieser Form neu geschmiedet wurde, auf eine Erfolgsgeschichte verweisen. 2016 wurden in den 60 Dependancen 3,8 Millionen Besucher aus 50 Ländern gezählt – so viele wie nie zuvor. Zum Vergleich: Die Museen im Land kommen gerade einmal auf rund drei Millionen Besucher. „Der Zuspruch freut uns riesig“, sagt Hörrmann, „auch weil wir uns dadurch in unserer Arbeit bestätigt sehen können.“

Michael Hörrmann ist Historiker und war, ehe er 2009 Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten wurde, Kurator im Haus der Geschichte sowie Leiter des Landesmarketings im Staatsministerium. In dieser Zeit wurde der Slogan „Wir können alles – außer Hochdeutsch“ kreiert, der zu einem geflügelten Wort geworden ist – und auch in seiner jetzigen Funktion kommt dem 61-Jährigen sein Talent zupass, die eigene Begeisterung auf eine Mannschaft zu übertragen und vor immer neuen Ideen zu sprühen. So wurde in den vergangenen Jahren die Vermarktung der landeseigenen Schlösser und Burgen, Klöster und Gärten fast schon revolutioniert. Nicht nur, dass überall originelle und für bestimmte Zielgruppen maßgeschneiderte Führungen angeboten oder gastronomische Angebote vorgehalten werden – auch „Märchenhochzeiten“ sind in vielen der Prachtbauten möglich, und für anderweitige private Feiern wie für Firmenveranstaltungen öffnen die kulissenträchtigen Einrichtungen darüber hinaus sehr selbstverständlich ihre Türen. Es gibt in den altehrwürdigen Gemäuern Open-Air-Konzerte, Modeschauen, Oldtimertreffen. Ein Renner unter anderem: Die hochkarätige, 170 Euro teure Abendveranstaltung „Soirée Royale“ in Ludwigsburg, bei der die Gäste fürstlich kostümiert sind und so einen unmittelbaren Eindruck früheren höfischen Glanzes vermittelt bekommen. Erlebte Geschichte nennt sich das.

Ganz wichtig ist Hörrmann zu betonen, dass „die Musik vor Ort spielt“, sprich die dezentralen Verwaltungen die eigentlich treibenden Kräfte und Kreativposten sind. Dabei ist die Öffnung der Schlösser und Gärten nur eine Aufgabe, die der Betrieb zu erfüllen hat, und auch eher Mittel zum Zweck. Im Kern wollen Hörrmann und seine rund 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen wesentlichen Beitrag leisten, die Denkmale überhaupt zu erhalten, das kulturelle Erbe des Landes möglichst vielen Menschen nahezubringen – und zudem in möglichst breiten Kreisen der Bevölkerung eine Akzeptanz für die teure Erhaltung der historisch bedeutsamen Bauten zu wecken. Der Staat lässt sich das schließlich viele Millionen kosten – wobei die Staatlichen Schlösser und Gärten selbst einen nicht unerheblichen Eigenbeitrag leisten. 14,4 Millionen Euro an Einnahmen aus Eintrittsgeldern und Vermietungen, in den Museumsshops und Cafés wurden erzielt; immerhin 50 Prozent dessen, was der Hörrmann’sche Betrieb ausgibt pro Jahr. „Dieser Deckungsbeitrag ist außerordentlich hoch“, sagt der Kulturmanager, wobei zu ergänzen ist, dass reine Baukosten für Sanierungen aus Extratöpfen der staatlichen Bauverwaltung stammen.

450 Mitarbeiter sorgen für einen reibungslosen Betrieb

Michael Hörrmann weiß, dass die Zuwächse bei den Besucherzahlen eng zusammenhängen mit der nach oben geschossenen Zahl an Touristen im Land – ein Trend, der in den ersten Monaten des Jahres angehalten hat. Dennoch verweist er nicht ohne Stolz darauf, dass die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg ein stärkerer Publikumsmagnet sind als die Preußischen Schlösser in Brandenburg. Nur die Monumente in Bayern entwickeln eine stärkere Zugkraft – Neuschwanstein lässt grüßen. Das Pendant liegt übrigens in Heidelberg. Das aus markantem rotem Sandstein erbaute Schloss dort, heute eine Schlossruine, darf bei Asiaten und Amerikanern auf keiner Europareise fehlen – als Inbegriff deutscher Romantik.

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