Pfarrer Martin Kneer und die St.-Peter-Gemeinde rücken zusammen. Foto: Georg Linsenmann

Die Pforten von St. Peter sind verschlossen, Glocken und Orgel für immer verstummt. Gottesdienste gibt es trotzdem – in ihrer ursprünglichsten Form: Im Interimsquartier an der Argonnenstraße feiert die St.-Peter-Gemeinde die Heilige Messe.

Bad Cannstatt - Die Pforten von St. Peter sind verschlossen, Glocken und Orgel für immer verstummt. Das seit Mai profanierte Gotteshaus wird fallen, auch wenn es wegen des eben entdeckten Asbestes ein bisschen länger dauern dürfte. Vielleicht verschiebt sich auch der Neubau des Gemeindezentrums mit neuem Kirchenraum. Und was machen in der Zwischenzeit die Gläubigen, die den Sonntagsgottesdienst als zentralen Ritus ihrer Glaubenspraxis nicht missen wollen?

Sie zeigen, dass es auch anders geht. Ohne großes Geläute, ohne Orgelwind und registerreichen Pfeifenklang: mit Gottesdienst im „Taschenformat“, fast ein wenig wie die Urkirche, von der die Apostelgeschichte berichtet: Sie „brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in der Freude des Herzens“. Jeden Sonntag um 9 Uhr, im Wohnzimmer des Hauses in der Argonnenstraße 14, das die katholische Kirche für die Interimszeit angemietet hat.

Ein Tisch als Altar

Die Handglocke im Flur kündigt den Einzug von Pfarrer Martin Kneer an, Richard Hellbach präludiert mit Bach am Klavier. Allein die vier Ministranten gemahnen an die Großraum-Dimension einer sonntäglichen Eucharistiefeier. Ein kleiner, nahe ans Fenster gerückter Tisch dient als Altar. Hinterbänkler gibt es hier keine, die gut zwei Dutzend Gottesdienstbesucher sitzen Stuhl an Stuhl. Eine familiäre Nähe, die die Feier prägt. Das Glaubensbekenntnis: kein fernes Gemurmel, sondern Wort für Wort vernehmbares Bekenntnis. Die Fürbitten, die von der Not und dem Schmerz aktueller Ereignisse handeln, wirken dringlich wie unter vier Augen gesprochen. Verkündigung, Lesung, Predigt haben die Nähe eines Tischgespräches, bei den Liedern zählt jede Stimme. Die Zelebration der heiligen Wandlung erscheint als Mysterium des Glaubens noch eine Spur geheimnisvoller. Die Kommunion bekommt einen tiefen, persönlichen Ernst, das Händereichen zum Friedenswunsch wirkt wie eine Freundschaftsbekundung auf Du und Du – und alles scheint wie zusammengefasst in den Worten des Priesters: „Durch die Teilnahme an der Feier den Geist erleben, der unser Leben erfüllt.“ Und durch das farben- und verzierungsreiche Spiel am Klavier wird der Hausgottesdienst ganz nebenbei zum kleinen Hauskonzert. Wenn Hellbach dann im Nachspiel mit Debussy das „Mädchen mit den flachsblonden Haaren“ aufleuchten lässt, dann wirkt das wie ein Statement: für den Verzicht auf eine elektronische Orgel im neuen Kirchenraum. Diese hier lässt er außen vor und tönt „in der hellen Sommersonne“ wie „mit der Lerche gesungen“.

Intime Form des Gottesdiensts

Anja Oehmann findet diese intime Form des Gottesdienstes „einmalig in ganz Stuttgart“: „Die Messe gehört zum Sonntag, und hier rückt man enger zusammen.“ Sie fügt hinzu: „Egal wie wir zusammenkommen, Hauptsache, wir kommen zusammen.“ Doris Brodbeck findet in der temporären Umsiedlung ein Bild fürs Christsein als „wandelndes Gottesvolk“: „Wir sind nur Gast auf Erden, und wir sind auch zu Gast in der evangelischen Wichernkirche. Das stärkt auch die Ökumene.“ Waltraud Gunkel wiederum weiß, „dass das manchen zu nahe ist. Sie wollen lieber anonym in der Kirche sitzen. Ich gehöre zu den Leuten, denen diese Nähe gefällt.“ Georg Wolpert mag ebenfalls „die Verbindlichkeit der Hauskirche“, gewinnt dem Interim aber auch etwas ganz pragmatisches ab: „Ich wohne ganz in der Nähe. Das spart Zeit. Da habe ich dann auch noch was von so einem schönen Sommersonntag.“

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