Dieter Winko ließ sich als Retter des SSV Reutlingen feiern – später stellt sich heraus, dass die Finanzspritzen mit unlauteren Mitteln geschahen. Foto: Baumann/Pressefoto Baumann

Es gibt Menschen, die in ihrer Leidenschaft für den Fußball und ihren Verein das richtige Maß verlieren. Dies birgt Gefahren, wie drei Beispiele aus der Region zeigen.

Stuttgart - Ein ehemaliger Geschäftsführer des Württembergischen Tennisbundes (WTB) soll über einen Zeitraum von fast 20 Jahren Bar- und Sachmittel in Höhe von etwa 2,5 Millionen Euro veruntreut haben und dies zum großen Teil in einen Amateurfußballclub gesteckt haben. Dass Menschen bei ihrer Passion für den Fußball das richtige Maß verlieren, zeigen frühere Beispiele aus der Region, wobei die betreffenden Personen nicht alle straffällig geworden sind.

 

Dieter Winko, SSV Reutlingen Einst wurde er an der Kreuzeiche als Retter gefeiert. Als der Mann, der den SSV Reutlingen sanierte und im Jahr 2000 in die Zweite Fußball-Bundesliga führte. Dieter Winko war in den Augen der Fans ein Gönner, der sein Vermögen in den Fußball investierte. Es stellte sich aber heraus, dass er sich bei seinem Einsatz für den SSV nicht auf sein Privateigentum beschränkt hatte, vielmehr hing der Verein über Jahre hinweg unrechtmäßig am Tropf seiner Firma. Zwischen 1998 und 2000 veruntreute Winko als Geschäftsführer der Metall verarbeitenden Max Schlötter KG in Geislingen 3,9 Millionen Euro. Dies hatten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Tübingen ergeben. Winko wurde wegen Untreue zu Lasten seines Ex-Arbeitgebers in 182 Fällen zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Nach drei Jahren hinter Gittern durfte er 2006 das Gefängnis in Singen verlassen. Zitiert wurde der heute 76-Jährige mit den Worten: „Ich hatte erst nichts, dann wurde ich Multimillionär, dann hatte ich wieder nichts.“ Er habe alles verloren, Familie, Eigentum, Geld, heißt es aus dem Vereinsumfeld. Heute lebt er zurückgezogen in der Region Reutlingen und wurde seitdem nicht mehr in der Stadt oder bei Spielen des SSV gesehen.

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Wie das alles passieren konnte? „Winko konnte sich gut verkaufen, hatte alle geblendet. Der damalige Trainer Armin Veh hatte ihn in der Hand, Winko erfüllte immer mehr Wünsche nach Verstärkungen und sonnte sich im Rampenlicht“, erklärte der ehemalige Fußball-Vorsitzende Michael „Dino“ Schuster. Der Größenwahn schlug sich in einem 400 PS starken, 700 000 Euro teuren Mannschaftsbus nieder, in einem vergleichbaren Gefährt ließ sich seinerzeit nur für die Nationalelf chauffieren. Ins Bild passte auch die viel zu große Tribüne im Kreuzeichestadion mit ihren über 5200 überdachten Sitzplätzen. „Die Stadt fühlte sich hinters Licht geführt, zeigte sich verärgert und hat dem Verein seitdem nicht mehr geholfen“, sagt Schuster. Auch das Vertrauen der Sponsoren war wie weggeblasen und konnte nie wieder in ausreichendem Maß zurückgewonnen werden. Bis heute leidet der Verein unter den Turbulenzen. 2010 meldete der SSV bei einem Gesamtschuldenstand von vier Millionen Euro Insolvenz an. Seit 2011 spielt der Club in der Oberliga, ein Mittelplatz ist das höchste der Gefühle.

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Karl Reinhard, FC Marbach Wenn Kahraman Erdin über Karl Reinhard spricht, dann beginnen seine Augen zu leuchten: „Er war ein so feiner und wunderbarer Mensch, er war ein Grandseigneur, er verkörperte den FC Marbach“, sagt der ehemalige Spieler, der drei Jahre lang die großen Zeiten des Clubs miterlebte, der von 1984 bis 1992 in der damals drittklassigen Oberliga zu Hause war. Ein Hauch von Volksfest herrschte bei den Heimspielen am Leiselstein, zu denen regelmäßig über 2000 Zuschauer strömten. Der Trainer hieß Harry Griesbeck, und Spieler wie Raimund Grüttner, Manfred Schnalke, Axel Höhm, Uli Stiegler oder der spätere VfB-Profi Jörg Wolff hatten einen klangvollen Namen im gehobenen Amateurfußball. Der Mann, der alles mehr oder weniger in Alleinregie finanzierte, war Karl Reinhard, Vorsitzender und Mäzen in Personalunion. Wobei sich der Immobilien-Unternehmer nie in den Vordergrund spielte.

Reinhard war der stille Genießer

Reinhard verfasste im Stadionturm auf seiner Schreibmaschine die Spielberichte für den „Sportkurier“. Der stille Genießer war der glücklichste Mensch, wenn er nach Siegen bei einer Weinschorle in der FC-Klause mit seinen Kumpels Karten spielen konnte. „Karl Reinhard tat sich schwer, potenzielle Sponsoren anzusprechen, dafür war er fast zu stolz“, erinnert sich Erdin. Mit seiner Passion für den FC übertrieb er es irgendwann. Das rächte sich mit den schlimmen Folgen des persönlichen Ruins. Reinhard musste sein Haus verkaufen und lebte bis zu seinem Tod in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Und der FC Marbach? Der württembergische Meister von 1985 stürzte Schritt für Schritt immer tiefer ab. Inzwischen spielt der Verein in der Kreisliga A.

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Eberhard Ruf, TSF Ditzingen Auch der Auf- und Abstieg der TSF ist mit einer einzelnen Person eng verknüpft – mit Eberhard Ruf. Doch der Ditzinger Unternehmer war ein völlig anderer Typ als Karl Reinhard. „Ebse war enorm umtriebig, ein Netzwerker, ein Menschenfänger, der für jeden Bereich die besten Leute für seinen Verein zu begeistern wusste“, erzählt Kahraman Erdin, der nach seiner Zeit beim FC Marbach auch bei den TSF am Ball war. „Er gab bis hin zur Putzfrau jeder Person das Gefühl, ein Garant für den Erfolg zu sein“, sagte Erdin und nennt ein Beispiel: „Vor einem Auswärtsspiel fuhr der Bus einmal bei Gudrun vorbei, und wir sangen ein Geburtstagsständchen, weil sie immer den Kuchen für uns backte.“ Unzählige Anekdoten gibt es von dem Abteilungsleiter, Macher und Geldgeber. Ruf, damals Chef der Spezialkabelfirma HPM, hatte einen Traum: Die TSF von der Kreisliga B in die dritte Liga zu führen. Tatsächlich gelang der Durchmarsch bis in die Regionalliga (1994 bis 2000). Im November 1994 strömten zum Derby gegen die Stuttgarter Kickers 5000 Zuschauer an die Lehmgrube. Einige (Jugend)-Spieler und Trainer von damals brachten es in verschiedenen Positionen bis in die Bundesliga oder gar die Nationalmannschaft: Fredi Bobic, Sean Dundee, Robin Dutt, Markus Lösch, Ralf Becker, Marcus Sorg, David Montero, Guido Streichsbier, Rainer Widmayer, Andreas Kronenberg, Mario Mandzukic, Serge Gnabry.

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„Als Spiele gegen Darmstadt und Offenbach zur Normalität wurden, stand der Verein am Scheideweg. Knackpunkt war, dass die Beiträge der Berufsgenossenschaft um 600 Prozent erhöht wurden“, erinnert sich der frühere Kapitän Andreas Broß (aktuell Trainer von Landesligist TSV Oberensingen). Ein Kredit von damals 500 000 Mark musste aufgenommen werden. Als dann noch Rufs Firma und damit er selbst in finanzielle Schieflage geriet, begann endgültig der Absturz. Ruf wechselte im Juni 1999 als Geschäftsführer zum SV Waldhof Mannheim. Im Dezember 1999 verunglückte er auf der Autobahn tödlich. Spekulationen über einen möglichen Suizid kursierten. Fest steht: Ein Neuanfang des Vereins scheiterte. 2002 folgte nach elf Jahren in der Oberliga der Abstieg in die Verbandsliga. Inzwischen spielen die TSF in der Kreisliga A.

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