Die Stuttgarter Straßenbahnen müssen nach dem Kosten- auch ihren Zeitplan korrigieren: Baubeginn für die rund 4,8 Kilometer lange Verbindung nach Ditzingen ist erst 2027. Artenschutz und Grundstückserwerb sind halt nicht nur teuer, sondern auch zeitaufwendig.
Rund 152 Millionen Passagiere wurden 2023 mit den Bussen und Bahnen der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) befördert, was einen Zuwachs von gut zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Und bereits in wenigen Jahren soll diese Zahl noch weiter klettern, denn die SSB investiert mit teuren Projekten in ihr Trassennetz.
SSB investiert im großen Stil
So werden aktuell auf der viel befahrenen Stadtbahnlinie U 1 insgesamt 13 Bahnsteige zwischen Fellbach und Heslach verlängert, sodass hier 80-Meter-Züge eingesetzt werden können. Zudem kündigten die SSB-Verantwortlichen den baldigen Baustart für eine neue Stadtbahntrasse an. Denn bereits ab Ende 2027 soll die U 13 den Weilimdorfer Stadtteil Hausen an das Stadtbahnnetz anbinden, ein Jahr später sogar Ditzingen. Parallel zu diesem Projekt will die SSB entlang der neuen Trasse ihren vierten Betriebshof errichten.
Nachdem die städtische Tochter vor einem Jahr bereits den Kostenplan für beide Großprojekte von 130 auf jetzt 440 Millionen Euro korrigieren musste, gibt es jetzt auch Verzögerungen bei der Realisierung – und zwar erhebliche. „Der Zeitplan war ambitioniert und optimistisch, doch er ist nicht zu halten“, bedauert SSB-Chefplaner Volker Christiani. Die Umsetzung sei geprägt von Faktoren wie etwa Flächenerwerb, Vergabeprozesse und Artenschutzmaßnahmen“, sagt Christiani. Die Konsequenz: Sofern der Planfeststellungsbeschluss bis zum Dezember 2025 vorliegt, ist der Baubeginn jetzt erst im Frühjahr 2027 vorgesehen.
Artenschutz aufwendig und teuer
Schon der Artenschutz ist aufwendig und braucht einen langen Vorlauf. Als Beispiel nennt Christiani die Eidechsenvergrämung: „Die Tiere umzusiedeln, kostet Zeit und Geld.“ Zumal es geeignete Flächen nicht wie Sand am Meer auf Stuttgarter Gemarkung gebe.
Zeitraubend sind laut dem Chefplaner auch die Grundstückserwerbe. Auf Stuttgarter und Ditzinger Gemarkung müssen die SSB-Verantwortlichen insgesamt rund 240 Flächen kaufen. Die Zahl der Verhandlungen und Verträge, bei denen zudem an „jedes Detail“ gedacht werden muss, ist jedoch sehr viel größer. „Denn wir müssen nicht nur mit den Eigentümern, sondern auch mit Pächtern und Bewirtschaftern sprechen“, sagt Christiani. Insgesamt rechnen die SSB-Verantwortlichen mit einem, wenn nicht sogar zwei Jahren, bis alle notwendigen Flächen sich in ihrem Besitz befinden.
SSB gewinnt vor Verwaltungsgericht
Generell müssen bei solchen Großprojekten sämtliche Unterlagen formaljuristisch korrekt sein. Volker Christiani erinnert dabei an das vergangene Jahr. Eine Handvoll Bürger hatte sich gegen den Planfeststellungsbeschluss des Regierungspräsidiums Stuttgart vom 30. Juni 2022 für die Verlängerung der S-Bahnstrecke von Filderstadt-Bernhausen nach Neuhausen auf den Fildern gewandt. Im Mai 2023 gaben die Verwaltungsrichter den Stuttgarter Straßenbahnen recht und die Klage wurde abgewiesen.
Was die Projektdauer angeht, so hat sich nichts verändert. Rund drei Jahre veranschlagen die SSB für den Bau der Trasse nach Hausen und des Stadtbahnbetriebshofs. Die Fertigstellung des Abschnittes bis Ditzingen-Hülben soll ein Jahr später erfolgen. Nach Adam Riese bedeutet das, dass in der Nachbarkommune die erste Stadtbahn wohl erst 2030 begrüßt werden kann.
Zahlen und Fakten
Betriebshof
Neben der 9500 Quadratmeter großen Abstellhalle für 47 Stadtbahnzüge ist eine 6000 Quadratmeter große Werkstatt sowie ein Dienst- und Sozialgebäude mit Stellwerk (2400 Quadratmeter) geplant. Das Besondere: die drei Gebäude bekommen ein gemeinsames, rund 18 600 Quadratmeter großes Gründach (Regenrückhaltung), das zudem mit einer gut 4300 Quadratmeter großen Fotovoltaikanlage versehen wird. Kosten des Projekts: 230 Millionen Euro.
Stadtbahntrasse
Entlang der 4,8 Kilometer langen Trasse sind sechs neue Haltestellen geplant. Auf der gesamten Strecke müssen die SSB zwei neue Stadtbahn- und zwei neue Feldwegbrücken bauen. Zudem wird die Fußgängerbrücke beim Weilimdorfer Bahnhof umgebaut und erhält einen überdachten Zugang zur neuen Haltestelle. Geplant sind zudem zwei Bachbrücken im Ditzinger Scheffzental. Aufwendig im Bau sind auch die Stützwände entlang der B 295, des Betriebshofs und entlang der A 8 in Ditzingen. Kosten des Projekts: 210 Millionen Euro.