Im neuen Sozialpädiatrischen Zentrum begleitet Dr. Iris Pross einen jungen Patienten bei einer motorischen Übung. Im Hintergrund Vertreter von Klinik und Stiftung. Foto: Gottfried Stoppel

Weite Wege und lange Wartezeiten – damit soll Schluss sein. In Winnenden startet eine spezialisierte Anlaufstelle für Kinder mit komplexen Entwicklungs- und neurologischen Problemen.

Neo greift nach einem der gespannten Seile. Schritt für Schritt klettert er die schräge Konstruktion hinauf. Er setzt den Fuß nach, greift weiter, gewinnt an Höhe. Die Ärztliche Leiterin Dr. Iris Pross verfolgt jede Bewegung. Was wie ein Spiel wirkt, ist Teil einer motorischen Untersuchung im neuen Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) am Rems-Murr-Klinikum in Winnenden (Rems-Murr-Kreis).

 

Seit Anfang Oktober kommen hier bereits die ersten Kinder. Der offizielle Regelbetrieb beginnt am 1. April. Dass der Bedarf hoch ist, zeigt sich schon jetzt. „Allein heute Morgen gab es fünf neue Terminanfragen“, sagt Professor Ralf Rauch, Chefarzt der Kinderklinik. „Es hat sich offenbar schnell herumgesprochen.“

Erste Einrichtung dieser Art im Landkreis

Mit dem SPZ gründen die Rems-Murr-Kliniken erstmals ein Sozialpädiatrisches Zentrum im Landkreis. Bisher mussten Familien mit komplexen Entwicklungsauffälligkeiten, neurologischen Erkrankungen oder chronischen Schmerzen nach Stuttgart, Esslingen, Göppingen, Schwäbisch Hall oder Ludwigsburg ausweichen. „Alle hatten sich darauf eingestellt, dass die Wartezeiten für Kinder mit besonderem Bedarf 12 bis 18 Monate waren“, sagt Rauch. „Das führt dazu, dass Eltern und niedergelassene Ärzte häufig frustriert und mit der Situation überfordert sind.“ Nach Angaben der Klinik leben im Rems-Murr-Kreis rund 80.000 Menschen unter 18 Jahren. Mit der Winnender Einrichtung gibt es in Baden-Württemberg nun 25 Sozialpädiatrische Zentren für 11,3 Millionen Menschen.

Das Sozialpädiatrische Zentrum ist in die Rems-Murr-Kliniken integriert und nutzt die Infrastruktur. Foto: privat

Die Idee für ein eigenes SPZ reicht bis ins Jahr 2015 zurück. Ein erster Anlauf wurde damals wegen der umliegenden Zentren nicht umgesetzt, die Wartezeiten galten faktisch als akzeptiert. Im Herbst 2024 wurde das Projekt neu aufgesetzt, im Dezember 2024 der Antrag gestellt. Ende Juli 2025 genehmigte der zuständige Zulassungsausschuss das SPZ. Landrat Richard Sigel, zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Rems-Murr-Kliniken, spricht von einer strukturellen Stärkung der Versorgung. „Wir etablieren hier im Rems-Murr-Kreis eine hochkompetente und gefragte Anlaufstelle, die für alle ein Gewinn ist – für Kinder, Familien, den Landkreis und die ganze Region“, sagt Sigel. Mit dem SPZ werde eine Versorgungslücke geschlossen.

14 Mitarbeitende starten – Ausbau geplant

Zum Start arbeiten 14 Mitarbeitende im Zentrum in Voll- und Teilzeit. Diese Zahl ist nicht als Endausbau gedacht; Teilzeitstellen können aufgestockt werden. Zum multiprofessionellen Team zählen neben Neuropädiatern unter anderem Psychologen, Heilpädagogen, Therapeuten, Logopäden, Sozialpädagogen und spezialisierte Kinderkrankenpflegekräfte.

Die Ärztliche Leiterin Dr. Iris Pross, Fachärztin für Pädiatrie mit Schwerpunkt Neuropädiatrie und zuvor unter anderem am Olgahospital Stuttgart tätig, rechnet zunächst mit rund 300 Patientinnen und Patienten pro Quartal, perspektivisch mit bis zu 500 – also 1200 bis 2000 Fällen pro Jahr. „Unser Angebot richtet sich an Kinder von Neugeborenen bis zum 18. Lebensjahr“, sagt Pross. In besonderen Fällen sei eine Betreuung bis 21 Jahre möglich. „Wir sind ein rein ambulantes Team.“

So läuft die Anmeldung im SPZ Winnenden

Wie lange Familien künftig auf einen Termin warten müssen, lasse sich derzeit nicht seriös prognostizieren. Das hänge maßgeblich von Art und Umfang der Anfragen ab. Gleichzeitig betont Pross: „Unser Fokus liegt auf den Kindern aus dem Rems-Murr-Kreis.“ Das SPZ bündelt medizinische, psychologische und soziale Versorgung unter einem Dach. „Wir kümmern uns primär um die medizinische Fragestellung – und schauen dann, was das Kind und die Familie darüber hinaus brauchen“, sagt die Ärztliche Leiterin. „Wir sind sozialpädiatrisch kompetente, verlässliche Partner im Netzwerk mit Kindergärten, Schulen und weiteren Hilfesystemen hier im Landkreis.“ Zu den Kooperationspartnern zählt unter anderem die interdisziplinäre Frühförderstelle der Diakonie Stetten.

Der erste Ansprechpartner bei Problemen ist der Kinderarzt. Empfiehlt dieser eine Vorstellung im SPZ, können Eltern über einen Fragebogen auf der Homepage Kontakt aufnehmen. Vor dem Termin ist eine Überweisung erforderlich.

Diagnostik bei Autismus, ADHS und Entwicklungsstörungen

Zu den Leistungen gehören unter anderem die Diagnostik und die Behandlung komplexer oder chronischer Erkrankungen, Entwicklungsdiagnostik bei verzögerter oder auffälliger Entwicklung, Nachsorge für Frühgeborene, Betreuung genetischer Erkrankungen, Autismus-Diagnostik und Beratung, Abklärung von ADHS, Behandlung von Bewegungsstörungen und chronischen Schmerzen sowie Unterstützung bei Verhaltensauffälligkeiten. „Wir sehen heute immer mehr Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten und chronischen Erkrankungen“, sagt Rauch. „Für sie ist es immens wichtig, dass ihre Probleme dank umfassender sozialpädiatrischer Diagnostik unter einem Dach früh erkannt werden. Dann können wir rasch und gezielt helfen.“

Das SPZ ist organisatorisch in die bestehende Kinderklinik integriert und kann auf die vorhandene Infrastruktur zurückgreifen – etwa Radiologie, Labor und die Neonatologie. Seit der Genehmigung im Juli wurden der Betrieb vorbereitet und das Team aufgebaut.

Unterstützt wurde der Aufbau durch eine Anschubfinanzierung der Eva Mayr-Stihl Stiftung in Höhe von 250.000 Euro. Stifter Robert Mayr sagt: „Die Sorgen und Nöte der Eltern kann ich als Vater und Großvater gut nachvollziehen. Dieser Leidensdruck ist zu greifen.“

Ob es gelingt, die bisherigen Wartezeiten spürbar zu verkürzen, wird sich im laufenden Betrieb zeigen.