Die Abiturientin Sina Meinecke ist von der in Izbica ermordeten jüdischen Malerin Käte Löwenthal so beeindruckt, dass sie sich auf Spurensuche begibt Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Vor dem Haus Ameisenbergstraße 32 erinnert ein Stolperstein an Käthe Löwenthal, „deportiert 1942, ermordet in Izbica“. Den Lebensspuren der Stuttgarter Malerin folgt die Abiturientin Sina Meinecke in einer Arbeit für den Jenny-Heymann-Wettbewerb, die mit einem ersten Preis gewürdigt wird.

Stuttgart - Käthe Löwenthal ist heute fast vergessen, drei Gemälde von ihr schlummern im Depot der Staatsgalerie. Dem Namen der Malerin begegnet man nur im Stadtteil Stuttgart-Riedenberg: Hier ist eine Straße nach ihr benannt. Sina Meinecke (17), angehende Abiturientin am Albertus-Magnus-Gymnasium, stieß auf den Namen, als sie nach jüdischen Künstlern in Stuttgart forschte, um mit einer GFS-Arbeit (gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen) im Leistungskurs Kunst zu punkten und sich gleichzeitig am Jenny-Heymann-Wettbewerb der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) zu beteiligen.

„Käthe Löwenthal hat mich beeindruckt“, sagt die junge Frau. Sie habe eine starke und emanzipierte Frau kennengelernt, die sich als frei schaffende Künstlerin etablieren und durchsetzen konnte. „Es ist erschütternd, dass sie ein Opfer des grausamen, menschenverachtenden und vernichtenden Rassenwahns der Nationalsozialisten geworden ist.“

Das Schicksal souverän getragen

Käthe Löwenthal wird 1877 in Berlin geboren. Da der Vater, ein Medizinprofessor, viele Gastprofessuren übernimmt, lebt die Familie auch in Genf, Lausanne, Paris, Argentinien und ab 1890 in Bern. Früh zeigt sich die künstlerische Begabung von Käthe Löwenthal, 1895 nimmt sie in Bern das Kunststudium bei Ferdinand Hodler auf. Der Schweizer Maler, dessen Einflüsse auf ihre Landschaftsmalerei unverkennbar sind, dann Leo von König, ein Vertreter des Naturalismus, und später in Stuttgart Adolf Hölzel prägen ihr künstlerisches Schaffen.

1909 kommt Käthe Löwenthal nach Stuttgart und tritt in den Württembergischen Malerinnenverein ein. 1914 bezieht sie in der Ameisenbergstraße 32 ein Atelier und ist auch als Portrait-Malerin erfolgreich. 1934, ein Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, erlebt sie, obwohl längst zum Protestantismus konvertiert, die Verfolgung als Jüdin: Sie wird mit Mal- und Ausstellungsverbot belegt, aus dem Malerinnenverein ausgeschlossen, aus dem Atelier geworfen. „Ihre Lebensgrundlage ist zerstört“, schreibt Sina Meinecke, die dieses Leben in Bezug zur Zeitgeschichte setzt und damit ein anschauliches Panorama erschafft.

Aussagen von Verwandten von Käthe Löwenthal, der Nichte Ingeborg Leuchs und dem Großneffen Wolf Ritscher, neben der Stuttgarter Kunsthistorikerin Edith Neumann die wichtigsten Informanten, lassen die Künstlerin lebendig werden. Ihre Tante, so Ingeborg Leuchs, habe das Schicksal bewundernswert souverän und gelassen ertragen. Leicht hätte sie sich in die Schweiz retten können, wohin sie 1935 ein letztes Mal reist. Doch die Freundschaft und Liebesbeziehung zu Erna Raabe, Freiin von Holzhausen, bewog sie zur Rückkehr. 1941 muss sie ihre Wohnung in der Ameisenbergstraße 35 verlassen und in eine sogenannte Judenwohnung in Kaltental und 1942 in das jüdische Altersheim in Weißenstein umziehen. Vorher hatte sie eine Mappe mit 250 Zeichnungen, Aquarellen und Pastellen zur befreundeten Künstlerfamilie Donndorf bringen lassen. Sie werden gerettet. Doch die großformatigen Bilder, die sie Albrecht Kämmerer, einem Cousin von Willi Baumeister, überlässt, werden bei einem Bombenangriff 1943 vernichtet. Das erlebt Käthe Löwenthal nicht mehr: Im Dezember 1942 gehört sie zu den Stuttgarter und Württemberger Juden, die sich am Killesberg einfinden müssen, um vom Nordbahnhof aus die Fahrt nach Izbica (Polen) in den Tod anzutreten.

Mit der Geschichte der NS-Zeit vertraut

„Mit der Geschichte der NS-Zeit bin ich seit Kindertagen vertraut“, sagt Sina Meinecke. Sie sei immer ein Thema in der Familie, beide Eltern sind Journalisten, die ältere Schwester Lea hat vor zwei Jahren ebenso erfolgreich am Jenny-Heymann-Wettbewerb teilgenommen. Er wird von der GCJZ für Schüler ausgelobt und ist benannt nach der Stuttgarter Jüdin Jenny Heymann (1890 – 1996), die nach der Emigration 1947 aus London zurückkehrte, am Hölderlin-Gymnasium unterrichtete und 1956 die Geschäftsführung der neu gegründeten GCJZ übernommen hatte.

Sina Meinecke ist nicht nur von der Künstlerin fasziniert, sie bewundert auch ihr Schaffen, meist Landschaftsbilder von großer Ausdruckskraft. „Es wäre schön“, sagt sie, „wenn einmal eine Ausstellung zustande käme und Käthe Löwenthal vor dem Vergessen retten würde.“

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