Jede gehobene Bar in Kambodscha führt heutzutage Drinks der ersten Rumbrennerei des Landes. Foto: /Lill

Vor 50 Jahren putschten sich in Kamboscha die Roten Khmer an die Macht und rissen mit ihrer Ideologie, alle mögen Bauern werden oder sterben, ein Land in den Abgrund. Heute boomt Kambodschas Landwirtschaft – allerdings mit viel Kapitalismus.

„Es ist doch großartig, dass wir hier jetzt ein Dach haben!“, ruft Polrath Teak ins Publikum und deutet mit seinem Mikrofon zuerst in die auf Plastikstühlen sitzende Menge vor sich, dann auf die Konstruktion über seinem Kopf. „Sie alle haben es geschafft!“ Nun blickt der Fabrikmanager auf Markenlogos, die hinter ihm auf ein Transparent gedruckt sind. „Vor ein paar Jahren verkauften viele von uns noch einzelne Hühner, um etwas Geld zu machen. Aber heute exportieren wir Mangos in die ganze Welt!“ Tosender Applaus.

 

In Kampong Speu, einer Provinz im Südwesten Kambodschas, ist die Stimmung gut. Gemeinsam mit zuliefernden Landwirtschaftsgenossenschaften hat die Kirirom Food Production (KFP), ein regionaler Agrobetrieb, ein monatliches Treffen, um die jüngsten Entwicklungen zu besprechen. „Wir sind sehr gut dabei. Die Europäer lieben unsere Produkte“, berichtet Polrath Teak, der für KFP Auslandskontakte knüpft. Gehe es so weiter, würden bald nicht mehr 1000 Bauern an den Mangos verdienen, sondern viel mehr.

Verfeinerte Produkte statt Rohstoffe

Als „Landwirtschaftspionier“ wird KFP in Medien des südostasiatischen 17-Millionenlands gefeiert. Denn der Betrieb schafft etwas, das in der hiesigen Landwirtschaft noch neu ist: Statt Rohstoffen exportiert KFP verfeinerte Produkte. „Wir sind drauf gekommen, dass getrocknete Mangos nicht nur gut schmecken“, sagt der Manager Polrath Taek nach seinem Vortrag mit sichtbarem Stolz im Gesicht. Sie ließen sich billiger verschiffen und brächten mehr Rendite. „Ich liebe Kapitalismus“, lacht Taek.

Ein Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Denn es ist nicht allzu lang her, da wäre er für solche Worte noch mit dem Tod bestraft worden. In Zeiten, als viele der versammelten rund 100 Bäuerinnen und Bauern noch jung waren, aber schon dieselben Felder beackerten, stand hier noch kein überdachter Versammlungssaal. „Damals standen hier Soldaten mit Bambusstöckern und passten auf, dass wir fleißig arbeiten“, erinnert sich ein älterer Mann. „Sonst wurden auch wir Kinder geprügelt.“

Die Roten Khmer hatte eine besondere Ideologie

Am 17. April 1975, vor 50 Jahren, setzten sich in Kambodscha die Roten Khmer an die Macht. Diese sich als kommunistisch begreifende Gruppe hatte für das Land eine besondere Ideologie: Nach einer langen Zeit der Fremdherrschaft und einem folgenden Bürgerkrieg wollten die Roten Khmer Kambodscha endlich unabhängig von äußeren Einflüssen machen, und ganz allein eine klassenlose Gesellschaft verwirklichen. Ein Leben in Ruhe und Wohlstand versprachen sie. Doch es kam historisches Chaos.

Binnen der dreieinhalb Jahre, die sich die Roten Khmer an der Macht hielten, setzten sie ihre Ziele brutal durch. Um alles Bürgerliche zu vernichten, mussten Stadtbewohner aufs Land ziehen, um in den Feldern zu arbeiten. Bücher wurden verbrannt, Widersacher gefoltert und ermordet. Insbesondere in den berühmt-berüchtigten „Killing Fields“ starben rund 1,5 Millionen Menschen. Nicht nur international, sondern auch im Land selbst wird das, was in Kambodscha damals geschah, heute Genozid genannt.

Das Vorgehen der Roten Khmer war nicht nur aus Menschenrechtsperspektive grausam. Ökonomisch wurden zuvor erreichte Fortschritte zunichtegemacht. Neben verbranntem Wissen fehlten in vielen Sektoren Arbeitskräfte, während es in der Landwirtschaft zwar Menschen gab, aber kaum Erträge. „Land wurde in Quadrate aufgeteilt“, erklärt Daniel Bultmann, Professor an der Berliner Humboldt-Universität und Kambodscha-Experte. „Jede Parzelle musste gleich Erträge liefern.“ Die Unregelmäßigkeit der Natur: ignoriert.

Kapitulation Ende der 1990er Jahre

Erst Ende der 1990er Jahre kapitulierten die Roten Khmer nach einem erneut ausgebrochenen Bürgerkrieg endgültig. Und ihre fehlgeleitete Planwirtschaft ist zu einem Großteil dafür verantwortlich, dass Kambodscha nach UN-Einteilungen bis heute in die Kategorie der „am wenigsten entwickeln Länder“ fällt. Andererseits: Das Land – das zwar auch heute praktisch ein Ein-Parteienstaat ist – boomt seit Jahren, entwickelt sich ökonomisch in hohem Tempo.

2024 wuchs die Volkswirtschaft um fünf Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf hat sich seit 2012 auf rund 2 400 US-Dollar mehr als verdoppelt. Ein wichtiger Grund dafür: Der Landwirtschaftssektor, in dem nicht zuletzt wegen der Roten Khmer bis heute knapp vier von zehn Personen beschäftigt sind. Doch heute zeigen sich in der Branche – über deren Produktionsziele kein Zentralkomitee in der Hauptstadt mehr wacht, sondern der Markt – überall innovative Ideen.

Nicht nur Mangos, auch Kreislaufwirtschaft

KFP expandiert etwa seit Jahren, hat zuletzt eine Produktionsanlage gebaut, auf der seither nicht mehr nur Mangos getrocknet und verpackt, sondern auch diverse Abfallprodukte weitergenutzt werden. Mit der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wurde auch ein Konzept entwickelt, um eine volle Kreislaufwirtschaft aller Rohstoffe zu etablieren, von der Schale, die zu Futter verarbeitet wird, bis zu Kernen zur Kompostierung und Weiterverwendung des Wassers.

Wie eine Kombination aus Umweltverträglichkeit und Effizienzdenken das Geschäft optimieren kann, hat auch eine Kooperative in der Provinz Takeo herausgefunden, östlich von Kampong Speu. „Unter den Roten Khmer mussten wir für den Reis mit menschlichem Kot düngen“, erinnert sich die 68-jährige Duen Yan, als sie über ihre Felder stapft. „Das war nicht nur abartig für uns. Es schien auch dem Boden nicht gutzutun.“ Die Ernten fielen, worauf die Roten Khmer mit Schlägen reagierten.

Vor einigen Jahren entwickelte die Kooperative, der auch Duen Yan angehört, ein von den Roten Khmer einst eingeführtes System kleiner Kanäle zwischen den Parzellen ein Stück weiter. „Von den schmäleren Kanälen zu den größeren am Ende der Felder haben wir Klappen eingeführt, durch die wir den Wasserstand regulieren können.“ Auf Kursen zur Weiterbildung erfuhren die Bäuerinnen, dass ein zu hoher Wasserstand nicht nur zu geringeren Erträgen führt, sondern auch mehr Methan in die Ozonschicht freisetzt.

„Unser neues System ist simpel, hat unsere Möglichkeiten aber völlig verändert“, prahlt Duen Yan. „Wir können jetzt nicht nur für uns selbst Reis anbauen, sondern verkaufen zweimal im Jahr Überschüsse nach Vietnam!“ Auch in den trockenen Monaten Juni und Juli bleibt nun Wasser übrig, das die Yan und Hunderte Familien, die in ihrer Kooperative vereint sind, für ihre Haushalte nutzen können. „Unter den Roten Khmer hätte niemand neue Konzepte umsetzen dürfen“, sagt die ältere Frau. „Man musste den Mund halten.“

Erste Rumbrennerei des Landes

Wäre es dabei geblieben, gäbe es heute auch Kambodschas vielleicht hipstes Startup nicht. Im Zentrum der Hauptstadt Phnom Penh führt Connor Kirsch durch einen halbdunklen Raum mit riesigen Brennblasen. „Hier entsteht unser Rum!“, erklärt der 28-jährige gebürtige Kölner, der seit kurzem bei Samai arbeitet, der ersten Rumbrennerei des Landes. „Dass es nicht schon viel kambodschanischen früher gab, ist eigentlich unglaublich“, sagt Kirsch und zeigt auf eine Weltkarte. „Zuckerrohr wächst hier seit Jahrtausenden.“

Aber die Trinkkultur drehte sich immer um Getränke, die aus anderen Rohstoffen kamen, vor allem Reis. Als sich vor zehn Jahren zwei Venezolaner bei einer Reise ins Land wunderten, dass es hier keinen Rum gab, gründeten sie Samai – was angesichts der heute für Investitionen offenen Wirtschaftspolitik kein großes Problem war. „Im Inland können wir jetzt schon fast nicht mehr wachsen“, sagt Connor Kirsch. „Jede gehobene Bar führt unsere Drinks.“ Die Erlöse liegen im hohen sechsstelligen Eurobereich.

Der Weltmarkt wird interessant

„In Kambodscha sind wir im Vergleich zu Marken wie Havanna oder Captain Morgan preiskompetitiv“, doziert Kirsch, der die Verkäufe leitet. „Wenn sich unsere Kapazitäten vergrößern, können wir auch günstiger werden.“ Nun schielt Samai mit einem neuen Produkt gen Weltmarkt. Die Brennmeisterin, eine kambodschanische Chemikerin, kam eines Tages auf die Idee, den für seine Süßenote berühmten heimischen Kampotpfeffer beizumischen. „Der Kampot Pepper Rum ist unser spektakulärster Drink!“

Auf eine Weise geschieht im heutigen Kambodscha gerade das, was die Roten Khmer wollten: Eine Gesellschaft, in der möglichst viele Menschen in der Landwirtschaft aktiv sind und das Grundsätzlichste herstellen. Nur haben die Mittel, mit denen dies heute erreicht wird, praktisch nichts mit dem gedanklichen Werkzeugkasten des Terrorregimes zu tun.

Connor Schmidt lacht: „Den Kampotpfeffer in Rum zu verarbeiten, hätte sich ja auch vor zehn Jahren niemand vorstellen können.“ Aber es funktioniert. Nach Frankreich und Osteuropa wird der Pfefferrum schon für 45 rund Euro die Flasche verkauft. Und in Kambodscha ist es nicht etwa so, dass nun der Pfeffer ausgeht, wie die Roten Khmer womöglich befürchtet hätten. Mit den Einnahmen aus dem Exportgeschäft baut Samai nun seine Produktionsanlagen aus, um dann auch neue Arbeitsplätze zu schaffen.